Archiv für Juni 2006

Der Monolog der Maklerin
Aus: Berliner Zeitung, 8.Juni 2006

Elisa fertigt gerne Listen an. „Manches kann man sich schon aussuchen: Radiosender, Kreuzungen, Fahrstreifen, Kaugummisorten, Brillen, Putzmittel, Pelzmäntel.“ Oder: „Was auch noch einfach ist: Wasser kochen, Kaffee, Tee, Auftauen, Einfrieren, Glühbirnen wechseln, Nägel feilen, sich etwas zwischen die Beine stecken, mit jemandem dran.“
Ganz richtig: Diese Frau mit Nachnamen Frankenstein ist herrlich irre. Und zum Glück äußerst redselig. Ohne Unterlass, durchsetzt von zahlreichen Kommata, protokolliert sie die Ereignisse um sich herum. Und dabei strömen die Gedanken nach hier und nach dort, mal reihen sie sich brav, mal wild; oft springen sie ein wenig durcheinander; erst über Satzzeichen hinweg, dann den Lauten hinterher – wie bei Brillenputzmittelpelzmantel.
Der Monolog der erfolgreichen Maklerin und selbst ernannten Totgeburt Elisa Frankenstein über sich, ihre Firma, ein paar Wohnungsbrände, ihr Pferd, den Kommissar, ihre Mutter und immer wieder sich trägt den Titel „stillborn“, kleingeschrieben, weil aus dem Englischen – was tatsächlich netter klingt als die deutsche Übersetzung „totgeboren“. Verfasst hat den bissigen Entfremdungs-Krimi der 1972 in Tschechien geborene, schon lange in Wien lebende Autor Michael StavariÄ.
StavariÄ ist ein intellektueller Tausendsassa. Er hat für die tschechische Botschaft und den internationalen P.E.N.-Präsidenten gearbeitet, einiges übersetzt, einiges herausgegeben und zudem einen Lehrauftrag am Sportinstitut der Uni Wien. Im vergangenen Jahr erschien „Europa. Eine Litanei“, bei Kookbooks, einem der jungen Verlage, die man gerade ganz genau im Auge hat. Und nun also „stillborn“ im Residenzverlag: eine schwarze Komödie über Brandstiftung und lang zurückliegende Mädchenmorde; eine böse Satire auf Sozio-Freaks und anders Gestörte; eine Horror-Picture-Show auf wienerisch. I´m just a sweet psychotic, trällert Elisa vermutlich heimlich. Das „Ich“ lässt sie deshalb so oft wie möglich weg oder ersetzt es durch Reihen wie „ich, du, sie“ oder „er, ich, wir, sie“.
Ab und an hat sie Visionen von einem ordentlichen Leben, mit Familie. „Wir essen gemeinsam, die Kinder sind artig, machen Hausaufgaben, kämmen die Katze, die ist echt lammfromm.“ Selbstredend hat sie einen „Herrn Doktor“, mit dem sie jedoch über anderes spricht, und der die grünen Pillen dann reduziert (die hat sie ohnehin nur ihm zuliebe genommen) und mehr von den blauen verschreibt. Elisa braucht die auch: „Das Haus grüßt freundlich, ich tue so, als hätte ich nichts gehört, nehme eine blaue Pille aus meiner Handtasche, die wird das richten.“
So schminkt und dopt sich Fräulein Frankenstein durchs Leben. An der sozialen Oberfläche stimmt alles, denn wie man – ich, du, er, sie, es, wir, ihr, sie – sich benimmt, weiß sie. Sie eilt zu Hilfe, wenn alte Damen schwer an ihren prallen Einkaufstüten tragen, kümmert sich um das Baby der Kollegin, besucht ihren Reitlehrer im Krankenhaus. Das Lächeln nie vergessen: wenn die „Schlampe“ vom Schreibtisch gegenüber etwas fragt, wenn eine „Pissnelke“ sie angrinst, wenn Kunden dumme Fragen stellen.
Doch diese Intimität des fiesen Zungenschlags ist trügerisch, weil auch der Leser längst nicht alles erfährt. Auch die Ironie von Elisas Litanei – „lebe, atme, lebe, atme“ – wird bald fraglich. Denn Michael StavariÄ spielt nicht nur mit Floskeln und Erwartungen, sondern auch mit der gewählten Form, dem eigentlich arg in die Jahre gekommenen Bewusstseinsstrom. StavariÄ verleiht ihm neuen Glanz: durch seinen trockenen Witz, seinen Sinn für Sein und Schein, seine nur scheinbar naive, tatsächlich wohl eher durchschnittlich verschrobene Protagonistin.
„Ich bin geneigt anzunehmen, dass mit dieser Welt etwas nicht stimmt, Sie doch auch?“ fragt sie einmal den Leser ganz direkt. Ja, Elisa Frankenstein, wir auch. Aber das geht schon in Ordnung. Denn nur weil da etwas nicht stimmt, konnte Michael StavariÄ dieses wunderbare Buch darüber schreiben. Was nämlich auch noch toll ist: „stillborn“ lesen.

Michael StavariÄ: stillborn. Residenz Verlag, Salzburg 2006. 172 Seiten, 15,90 Euro.

Und so trennten sie sich
Aus: Stuttgarter Zeitung, 16.6.2006

Ein seltsamer Titel für ein Buch: „Die Kinder beruhigte das nicht“. Bei der Lektüre dieses Erzählungsbandes des österreichischen Autors Alois Hotschnig wird man erfahren, wie passgenau er gewählt ist. Denn den Leser beruhigen diese Geschichten ebenfalls nicht: ein Mensch, der sich in einer Gegenwart wiederfindet, die nicht die seine ist; ein Mann, der auf sich selbst in Puppenform trifft; ein Ehepaar, das täglich die Ankunft von Onkel Walter verspricht, dessen Existenz ganz und gar unsicher ist.
„Wenn ich das Haus verließ, lagen sie auf ihrem Steg, und wenn ich nach Stunden zurückkam, lagen sie immer noch dort“, beginnt die erste der neun Erzählungen. „Sie“ – das sind die Nachbarn drei Gärten weiter, deren entspannte Tatenlosigkeit und Ignoranz ihm gegenüber den Ich-Erzähler langsam aus der Fassung bringt. „Diese Ruhe löste eine Unruhe in mir aus, die zunahm und wuchs und sich zu einer Verstörung auswuchs, mit der ich nicht umgehen konnte.“ Deshalb beobachtet er sie, protokolliert er ihr Verhalten, fotografiert er sie. „So standen sie mir zur Verfügung, wann immer mir danach war.“ Der nächtliche Ausflug zu ihrem Steg scheitert fast in Schlamm und Morast und endet dann abrupt: Es „fehlte mir nun jede Lust, mich auf eine der Liegen zu legen, und so machte ich mich durch die Gärten davon.“
So ist diese Erzählung namens „Dieselbe Stille, dasselbe Geschrei“ der denkbar beste Auftakt für den schmalen, aber schwerwiegenden Band. Denn viel Hotschnig ist darin bereits enthalten. Die samtene Glasklarheit seiner Sprache etwa, die je genauer man hinhört desto befremdlicher klingt; sowie die Spannkraft zwischen Nähe und Ferne, die jede seiner Erzählungen antreibt. Es kann kein Zufall sein, dass einer seiner Protagonisten in einem ihm unbekannten Körper erwacht, Hotschnig ein andermal das Sterben eines Insekts als Tragödie der Kreatur erzählt – der Kafka-Nachdenker ist schon vorher nicht zu überlesen.
Das interessiert Alois Hotschnig: wenn das Normale gruselig-absurd wird, das Unheimliche dagegen zur Normalität mutiert, wenn Objekte die Macht über den Beobachter erlangen und das Wörtchen „Ich“ ganz anderes bedeutet. Nur in der Sprache ist solch eine Widersprüchlichkeit zu fassen: „Neben dem Bett lag ein Laken, das zog ich jetzt … in einer Bewegung, die nicht die meine war.“ In „Du kennst sie nicht, es sind Fremde“ wechselt einer täglich seine Identität, doch jeweils wird er als Freund willkommen geheißen. „Die Frau kannte er nicht, doch sie sprachen sich aus, und als er glaubte, sie hätte sich beruhigt und sie wären sich einig geworden, meinte sie, dass es an der Zeit wäre, auseinander zu gehen. Das dachte auch er, und so trennten sie sich“.
Irgendetwas ist aus den Fugen geraten, nur was, das kann nicht mehr gesagt werden – weil es immer schon vorbei ist, einfach unmerklich passierte oder aus anderen Gründen schlicht der Wahrnehmung entging. Diesem Etwas schreibt Hotschnig hinterher, jede Erzählung ein neuer, aufregender Versuch der Annäherung. Das unterscheidet den Autor womöglich wenig von anderen Schriftstellern. Allein: Alois Hotschnig ist beunruhigend gut darin.

Alois Hotschnig: Die Kinder beruhigte das nicht. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006. 128 Seiten, 14,90 Euro.

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