Archiv für Mai 2007

Außenkorrespondent Max, ich fühle mich kulturell unsicher und verstehe die Schweizer nicht. Sag mal, ihr habt doch in Zürich eines der beiden Minarette, die in der Schweiz existieren? Ist das schlimm? Fühlst du dich dadurch unterworfen? So kulturell, meine ich.
Das sowas durchaus möglich sein könnte, lese ich gerade in einem Text auf telepolis:

… Tatsächlich können hohe Türme ohne Schwierigkeiten als Symbole einer kulturellen Unterwerfung wahrgenommen werden …

Also, wenn das stimmt und man in den sicherlich riesigen und dunklen Schatten dieser doch, wie ich finde, sehr eleganten Bauten vor Angst um die eigene Identität bibbern und zittern muss, dann hätte ich vielleicht den Hauch einer Idee, warum man eine Volksinitiative “Gegen den Bau von Minaretten” braucht, die in die Verfassung schlicht und einfach schreiben will: “Der Bau von Minaretten ist verboten.” Ursprünglich sollten allerdings noch andere Aspekte in die Initiative miteinbezogen werden, die jetzt lieber weg gelassen werden, wie ich es in der Basler Zeitung gerade lese:

So hatte das Komitee im letzten November mitgeteilt, das Begehren solle sicherstellen, dass Zwangsehen, Anpassungen persönlicher Rachejustiz, Nicht-Anerkennung des staatlichen Gewaltmonopols sowie geschlechtsungleiche Auslegung der Schulpflicht von allem Anfang an unterbunden würden.

Jetzt bin ich restlos verwirrt und verstehe überhaupt nichts mehr. Bekommt man bei euch leichter Stimmen gegen Bauwerke als z.B. gegen Zwangsehen oder Racheaktionen? Langsam keimt in mir ein Verdacht: Sollte es bei euch auch, wie derzeit fast überall in Europa, nur darum gehen, so einfach und billig wie möglich, anti-muslimische Stimmungen zu erzeugen, um dann später auch noch unter Ausnutzung dieser somit erzeugten Antipathie gegen den Islam die Sicherheitsgesetze anpassen zu können? Richtig geraten?

Naja, es geht mich ja eigentlich nichts an, womit man in der Schweiz seine Zeit verplempert. Jeder vor seiner Tür … Aber ich mache mir halt Sorgen, dass man am Ende vor lauter reaktionärem Unsinn Wichtiges vergisst. Deshalb die Frage, lieber Max: Sind die Stadien denn schon alle fertig und auch tatsächlich tauglich für die EM?

Also eine Verschwörungstheorie. Vielleicht. Dass man der Intitiative Neue Soziale Marktwirtschaft mittlerweile alles zutraut, daran ist sie wirklich selber schuld. Wer versucht, bei größtmöglichem gesellschaftlichen und politischen Einfluss so wenig wahrnehmbar wie möglich zu sein, der braucht sich nicht zu wundern. Die Initiative betreibt perfekt getarnten Lobbyismus mit dem Ziel, eine gesellschaftliche Akzeptanz für “marktwirtschaftliche Reformen” zu schaffen, die sie gerne so wirtschaftsliberal wie möglich hätte. Mehr darüber erfahren kann man z.B. über F!XMBR oder hier im ZEIT-Archiv, beim Tagesspiegel oder im freitag. Nun gut!

Folgende Geschichte also: Vor ein paar Tagen haben einige bekanntere Blogs auf ein Watchblog verlinkt, das sich vorgenommen hat, dieser Initiative ein wenig auf die Finger zu schauen. Das dürfte die Bekanntheit dieses Blogs erheblich gesteigert haben. Gestern war es plötzlich nicht mehr erreichbar. Der Bloghoster wordpress.com hat es von Netz genommen mit der Begründung, die Nutzungsbestimmungen seien nicht eingehalten worden. Warum, wieso, ob überhaupt weiß niemand so genau. Blogbar vermutet, es könne am Namen oder an den Keywords liegen, die, wie es in den Terms of Use heißt, nicht verwendet werden dürften, um Nutzen oder Vorteile aus dem Namen oder der Reputation anderer zu ziehen. Die Macher des Watchblogs reden von Denunziation und vermuten, die INSM hätte ihre Finger im Spiel gehabt. Ob das wirklich so war, wird man höchstwahrscheinlich nie wissen. Mittlerweile ist dieses Watchblog übrigens wieder online unter neuem, deutlich als Watchblog erkennbarem Namen insmwatchblog.wordpress.com

Die Geschichte geht weiter, noch verschwörungstheoretischer, aber wen wundert das denn? Seltsamerweise wird auf wordpress.com ein anderes Blog gehostet, das ebenfalls Tags, Keywords, Namen usw … der INSM verwendet, ohne das dies anscheinend ein Problem ist.

http://initiative neues soziale markt wirtschaft. wordpress. com

Diese Seite enthält eins zu eins Kopien von Posts des offiziellen INSM-Tagebuchs http://www. insm- tagebuch. de. Das Interessante ist: Ein Impressum ist dort nicht angegeben. Die Kontaktseite zeigt immer noch den Standard-Text nach dem Aufsetzen eines WordPress-Blogs. Kommentare darf dort niemand hinterlassen und wenn es angeblich Kommentare gibt, dann enthalten sie exakt den geposteten Text nocheinmal. Wahrscheinlich dient diese zweite Seite zur Suchmaschinenoptimierung. Wer weiß … Falls diese Seite tatsächlich von der INSM stammen und auch die restliche Geschichte stimmen sollte, dann würde das all die Methoden, die der INSM sowieso schon nachgesagt werden, nur bestätigen: Verschleierung, Tarnung und ein wenig Druck ausüben. Wie die Wirklichkeit in diesem Fall wirklich ist, sei hier dahin gestellt.

Das Schlimmste an der ganzen Geschichte ist doch: Man ist mittlerweile sofort geneigt, das alles zu glauben. Man hält es sogar für normal. So läuft es halt.

Mit fairen, demokratischen Prozessen haben diese Lobbyismus-Geschichten, egal aus welcher politischen Richtung, sowieso nichts mehr zu tun. Darüber gibt es doch hoffentlich keine Diskussion, auch wenn’s schon immer so war und immer so sein wird. Menschen, die deshalb den Glauben an die Demokratie verlieren und sich am Ende noch kritisch dazu äußern, wirft man dann Verschwörungstheorien oder Hysterie, wenigstens jedoch Politikverdrossenheit vor. Es ist so ein mieses, langweiliges Spiel.

PS am 13. Mai: Hier auf Perspektive 2010 ein interessanter Text der Journalistin Brigitte Baetz über ihre und die Erfahrung anderer in der journalistischen Praxis. Verschwörunstheorie ist da nix mehr.

“Der Prophet als Lügner” heißt jetzt also mein Text im Tagesspiegel zu der etwas leidigen Diskussion um Michael Moores Glaubwürdigkeit, ausgelöst durch den Dokumentarfilm “Manufacturing Dissent: Uncovering Michal Moore” der beiden Kanadier Debby Melnyk und Rick Caine. Wer ihn lesen mag: Hier geht’s lang ...

Und das Schönste an der ganzen Geschichte ist die Aufmerksamkeit, die dem wunderbaren Münchner Dokumentarfilm-Festival endlich, endlich in den bundesweiten Medien zuteil wird. Auf dem dokfest hatte der Film nämlich seine Deutschland-Premiere.

Besonders die hohe Feinstaubkonzentration mache das Shisha-Rauchen so ungesund, heißt es in einer Studie (hier dazu auf TSP-Online), die vom Berliner Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg vorgestellt wurde. In den separierten Räumen der orientalischen Restaurants im Bezirk habe man eine höhere Belastung pro Kubikmeter Luft gemessen als in Diskotheken oder Bars. Man solle doch reine Shisha-Lokale demnächst schließen. Generell sei man ja falsch informiert über die Gefahren, die der typische Shisha-Tabak mit sich bringt. Jetzt hat man Angst um die Jugend, wohl zurecht, wie die Studie belegt.

Demnach rauchten nach Auswertung von 1147 Fragebögen bereits 31 Prozent aller 10- bis 16-Jährigen Schüler Wasserpfeife.

Erschreckend! Man sollte was unternehmen!
Ach, ich kann es mir doch nicht verkneifen und petze: Mit Wasserpfeife meinen die jungen Leut von heut Bong, Blubber, Kolben, Stutzen, Geschoss, Glasmoped oder Turbine und rauchen tun sie damit auch nicht, sondern saugen daran, prallen oder brezeln sich zu damit, schießen sich weg, vernichten sich, machen sich blöd, löschen ihre Lampen oder katapultieren sich damit in den Orbit resp. die Umlaufbahn. Mit ziemlicher Sicherheit machen sie das auch nicht in irgendwelchen Hinterzimmern orientalischer Restaurants, sondern daheim vor Glotze und Playstation und es ist auch nicht Shisha-Tabak, was die da in diese Wasserpfeifen stopfen. Höchstens als Grundlage.

… beginnt mit einem nachtrag vom samstag, der zum glück noch online steht: heribert prantl hat sich in der sz gedanken über das duale rundfunksystem gemacht, in gewohnt hübscher manier: “Das ehemals einheitliche Fernsehvolk wärmt sich mal hier und mal da; vor allem die Jungen rennen zu privaten Feuerzauberern. ‘Wärmegeld’ zahlt man überall: bei den Öffentlich-Rechtlichen in Form von Gebühren; bei den Privaten in Form von Werbung, die in so kurzer Folge verabreicht wird, dass man unmöglich jedesmal aufs Klo gehen kann.” ebenfalls aus einer bereits im altpapier gelandeten, aber online noch lesbaren sz kann man thomas steinfelds text über desperado-tomaten empfehlen. Leider nur gedruckt, dafür brandaktuell, nämlich von heute, ist der artikel über anselm kiefer, der sein im südfranzösischen befindliches atelier “la rebaute” der guggenheim-stiftung überlässt. das wäre nicht die nachricht, wenn dieses foto nicht darüberstünde, das dieses völlig wahnsinnige atelier – eine ehemalige seidenspinnerei – zeigt.
and now, something completely different: endlich scheint es der media-saturn-geiz-ist-geil-wir-sind-billig-und-willig-holding wenigstens ein bisschen an den kragen zu gehen – das berichtet nicht nur die süddeutsche, sondern auch spon.
desweiteren erfreulich: der erste teil eines 39-fragigen interviews mit dem glorreichen peter glaser, der nicht nur mitglied des chaos computer clubs ist, sondern auch schon mal den bachmannpreis gewonnen hat. “Von dem fast schon wagnerianischen Getöse, mit dem hierzulande die digitale Revolution ausgerufen wurde, ist kaum noch was übrig”, sagt er da etwa.
und schließlich der verbrauchertipp: da der karl vermutlich nicht der einzige ist, der mit den telefonmarketendern so seine probleme hat, sei hier auf frank verwiesen, dessen telefonnummer man an solche menschen freimütig weitergeben darf. der kümmert sich dann drum: “frank geht ran” heißt diese wunderbare einrichtung von steffen persiel.

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