Archiv für Juni 2007

Dass in Deutschland (und vielleicht auch anderswo) zu wenig gelesen wird, darüber scheint man sich hierzulande ja einig. Darüber, was man dagegen tun könnte, allerdings nicht. Ein wunderbarer Fehlschlag in Sachen Lese-Animierung ist die jüngste Aktion „Schock´ deine Eltern, lies ein Buch!“, die die Mayersche Buchhandlung, der Buch Verlag Kempen und das Verlagshaus Patmos nun in ganz Nordrhein-Westfalen gestartet haben. Ein Fehlschlag nicht nur, weil sie allen Teilnehmern zu diesem Zweck ein Bilderbuch (sic!) zur Verfügung stellen, sondern vor allem, weil sich die Aktion an Erst- und Zweitklässler richtet. Die man auf jeden Fall für ziemlich dämliche Möchtegern-Provokanten halten muss, wenn man sich so einen Slogan ausdenkt. Wenn man sich da mal nicht im Ton vergriffen hat.
Ganz anders und richtig schön ist der Imperativ „Poesie in die Stadt!“: Eine Aktion der deutschen Literaturhäuser, die – im Gegensatz zu Obigen – ihre aktuellen wie zukünftigen Kunden ernst nimmt. „Poesie in die Stadt!“ gab es erstmals im Jahr 2003, da luden sieben deutschsprachige Dichter je einen fremdsprachigen ein und stellten sie uns vor. In diesem Jahr kommt nun die Jugend zu Wort, in allen teilnehmenden Städten werden Gedichte von 11- 19-Jährigen – teils Wettbewerbsbeiträge, teils in Werkstätten entstanden – großformatig plakatiert, und ein Begleitprogramm gibt´s natürlich auch dazu. Und das klingt wirklich gut: „gestern hatte mich/die welt kurz verschluckt/und als das Gras wieder/auf meinen Füßen/wuchs/war klar/wer wie mit wem/und dass///die Sonne/bis in den Abend.“ Andreas Klemm ist der Autor, und das ist nur einer von mehreren, dessen Werke nicht nur in die Stadt getragen werden, sondern auch durchs Netz reisen sollen: Auf arte.tv kann man die Gedichte der Nachwuchsdichter als E-Cards verschicken. Ich mache das zwar nie. Aber schön und erwähnenswert finde ich´s trotzdem.

Lese ich gerade auf kicker.de, dass der vorzeitige Klose-Wechsel zu Bayern München jetzt perfekt ist, denke ich mir, schau ich mal gleich zu spon, die spendieren für diese Nachricht sicher eine Eilmeldung. Und prompt ist das auch so:

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Quelle: spiegel.de, 15.45 Uhr

Ich meine: Ist klar! Ohne diese Nachricht kann man keine zwei Minuten weiterleben. Was muss man da jetzt tun? Schnell Aktien kaufen, das Haus evakuieren oder die Fenster schließen oder wie? Irgendwann rufe ich bei Spiegel Online an und frage, was an all diesen Eilmeldungen immer so eilig ist.

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Vorbereitungen für einen Umzug haben auch schöne Seiten. Man findet Zeug, von dem man bisher gar nicht wusste, dass es überhaupt existiert. Mir war nicht bekannt, dass es Fotokopien meiner ersten Deutsch-Schulaufgaben gibt, bis ich vor ein paar Tagen eine gefunden habe. Leider ist es nicht die allererste Geschichte meines Lebens, aber immerhin. Ich habe ein wenig überlegt, ob man dieses Werk bloggen kann oder ob das allzu eitel daherkommt. Aber what the fuck! Ich bin eitel. Außerdem habe mich gut amüsiert beim Lesen. Ich fürchte, ich habe genauso geschrieben, wie es der Lehrer in den Wochen vorher empfohlen hatte. Quasi lehrbuchmäßig. Anscheinend hatte ich gerade eine Technik für mich entdeckt, die ich damals für die höchste Kunst der Spannungserzeugung gehalten haben musste, nämlich möglichst oft zu schreiben: “Schweiß bricht aus allen Poren”. Bei so viel Schweiß, wie in dieser Geschichte mit dem Titel “Wie ich einmal große Angst hatte” auf den Boden tropft, wundert es mich heute, dass ich damals nicht in den Pfützen ausgerutscht bin (Aquaplaning) beim Hinuntersteigen der Kellertreppe. Aber ein Geheimnis: Ich habe die Geschichte damals erfunden. Ich hatte nie Angst. Die kam später.

Wer die Erlebniserzählung lesen mag, kann auf das Bild klicken. Wem meine damalige, krakelige Handschrift zu mühsam ist, der kann hier weiter lesen. Ich habe die Geschichte abgetippt. Okay, okay. Das ist jetzt wirklich eitel.
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Nur aus purer Faszination stelle ich folgende Rechnung an. Mit Neid hat das gar nichts zu tun, wirklich nicht. Und falls jemand Neid verspüren sollte, dann Schande über ihn! Dann lerne er so gut Fußball spielen wie Thierry Henry.

Angeblich wird Henry beim CF Barcelona ein Jahresgehalt von 10 Millionen Euro bekommen. Das sind bei gerechneten 365 Tagen 27397 Euro am Tag, 1141 Euro in der Stunde und – weil das Weiterrechnen tatsächlich noch Sinn macht – 19 Euro in der Minute. Ob der Mann das wert ist? Selbstverständlich! Bei einer Torquote von 165 Toren in 237 Spielen der Premier League ist er das wert in diesen seltsamen, völlig jenseitigen Relationen des Fußballs.

Nur: Ist es Barcelona wert, dass Henry deswegen Arsenal verlässt? Arsenal London mit Henry war großartig in den letzten Jahren, der schönste Fußball Europas wurde dort gespielt und Henry war der spektakulärste Spieler einer spektakulär spielenden Mannschaft. Und: Henry war Arsenal. Wie Barcelona mit Henry sein wird, kann man sich nur zu gut vorstellen. Ganz hervorragend, ganz toll, ganz super, eine Suppe aus Stars, ein einziges Spektakelgesuppe. Neben Ronaldinho, Eto’o, Deco und Messi suppt dann auch noch Henry herum, was ich mir ähnlich charmant vorstelle wie das galaktische Madrid. Schlagartig hatte ich damals das Interesse verloren an Club und Spielern.

Nach Madrid geht Henry immerhin nicht. Die hatten ja auch kräftig mitgeboten. Metzelder haben sie dort bekommen. Immerhin.

in seinem jüngsten roman “du liebst mich, du liebst mich nicht” (tropen verlag) erzählt der autor jonatham lethem wie immer eine irrwitzige geschichte (diesmal mit einer nörgel-hotline und einem depressiven känguruh), im zentrum der geschichte steht jedoch die tatsächlich ja recht brisante frage ums urheberrecht in digitalen zeiten. und lethem meint die sache ziemlich ernst, er nennt das “the promiscuous materials project”: auf seiner website findet sich eine auswahl seiner geschichten und songtexte, mit dem hinweis “Feel free to adapt or revise them in any way, in full or in part.” (und auch schön: unter den faqs findet man die faq “Did anyone really ask these ‘frequently asked questions’, or did you just make them up yourself?”)
doch worauf ich eigentlich hinauswollte: in der zeitschrift literaturen und frei online gibt es lethems text “autoren aller länder, plagiiert euch!” zu lesen. und auf youtube ein gespräch darüber zu sehen und zu hören.

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