Archiv für Juli 2007

Seltsame Züge nimmt dieser Web 2.0-Mitmachwahn der Zeitungen allmählich an. Nach der flächendeckenden Erlaubnis in der Medienlandschaft, ekelhafte Kommentare zu tragischen Themen zu veröffentlichen, darf man jetzt bei stern.de noch viel Sinnloseres, dafür aber Harmloseres machen, nämlich Listen zusammenstellen, so NEON-mäßig, das ja auch zu Gruner+Jahr gehört. “Shortlist Community” heißt das dann und allmählich sollte sich den großen Web 2.0-Community-Fans doch die Frage aufdrängen: Wieviel Community im Netz brauch ich denn noch, bevor ich ein vollkommen unsozial bin?

Für mich ist diese Community nix. Ich war nie ein großer Listen-Fan aus naheliegenden Gründen: In die “Besten Filme aller Zeiten” gewinnt immer “Citizen Kane” von Orson Welles, nie aber “The Wild Bunch” von Sam Peckinpah. In den Super-Popsongs-Listen tauchen regelmäßig Werke von solchen Gesichtern wie Elton John oder Paul McCartney auf, was mir sogar die Lust nimmt, diesem Elend eine eigene Liste entgegen zu setzen.

Wem es egal ist, dass er mal wieder sein Inneres nach Außen in die Öffentlichkeit kehrt, der kann da munter mitmachen in dieser Stern-Shortlist-Sache und zu beliebigen Themen so sinnvolle Sachen zusammenschreiben wie: “Songs, die man liebt, obwohl Country eine merkwürdige Musikrichtung ist” und sich in der Überschrift schon dafür entschuldigen, dass er diese merkwürdige Musikrichtung mag. Man kann nachlesen, in welchen Filmen die Femme tatsächlich fatale ist oder was Britain so great macht (Shakespeare natürlich). Seit Montag gibt es dieses Kasperltheater wohl und schon muss man immer weniger grinsen ob der Listen-Ideen, die da eintrudeln. Das scheint die Tragik des Web 2.0 zu sein. Jeder darf mitmachen, also macht jeder mit. Warum, weiß dieser Jedermann dann nicht, also macht er halt irgendwas. Hauptsache mitgemacht.

Eine Liste jedoch fand ich prima: “Filme, in denen Jemand “zu alt für diese Scheiße” ist”. Ich glaube, ich bin, nun ja, auch “zu alt für diese Scheiße”.

Vielleicht mache ich lieber noch schnell bei einer anderen Stern-Community namens Tausendreporter mit und klicke ein paar Mal deppert herum, damit Nachrichten wie “Krankenschwester hat für Geld Sex mit Patienten” oder “Brummi- Fahrer spielt während der Fahrt Schlagzeug” endlich mal wichtiger werden. Schon schön, Teil einer so tollen Community zu sein!

Nachtrag (26.Juli): Hat mich zwar für meinen Artikel nicht interessiert, aber jetzt habe ich doch ein schlechtes Gewissen, weil ich gar so süffisant über eine zweifelhafte Sache hinweggeschwurbelt habe. Also: Diese Listen-Sache passiert in einer “Partnerschaft” mit amazon und soll natürlich, was wohl, beiden Geld bringen. Hinter den Listeneinträgen stehen dann auch Kritiken von amazon und nicht aus der Stern-Redaktion. Erwähnenswert findet man das nicht. Das Übliche halt. Arschtrompete, hüstel, hat das in seinem Kommentar und auf seinem Blog bereits erwähnt. Ausführlich kann man die ganze Sache bei Stefan Niggemeier nachlesen. Ich wollte es nur gesagt haben!

Lest doch einfach in Ruhe euren siebten Band, trinkt dazu Kakao, freut euch, werdet glücklich, habt die schönste Zeit eures Lebens! Aber hört doch BITTEBITTE auf, euch ständig dafür zu rechtfertigen!

Außer Potter gibt es heute nichts, rein gar nichts. Totales Sommerloch. Nichts. Lafontaine plant Kuba-Besuch. Ja mei. Der Country-Radio-Sender, den ich über Stream höre, malte gerade ein düsteres Zukunftsszenario, in dem es kein Internet-Radio mehr gibt. Ich habe nur halb zugehört und die Seite mit weiteren Informationen nicht mitbekommen. Heute auch egal. Schäuble meint, seine Terroristen-Zitate seien missverständlich gewesen. Nein, nein, wir haben ihn schon verstanden. Keine Aufregung, heute nicht. Das Wetter ist eigentlich auch zu gut, um zuhause vor dem Computer zu sitzen. Besser wäre draußen, aber München ist nicht Paris. Dort hat man Anfang der Woche die ersten hundert freien WLAN-Hotspots in der Stadt in Betrieb genommen. Das wäre jetzt genau recht. Unter einem Baum im Park sitzen, ein wenig surfen, lesen, bloggen. Sommerloch.

Aber das geht nicht nur mir so. Die SZ gibt auf ihrer Panorama-Seite heute ein paar lebenswichtige Tipps zum Thema Stau, unter anderem veröffentlicht sie folgendes, geheimes Insiderwissen:

Was kann man gegen die Hitze tun?
An heißen Tagen sind luftige Kleider für die Fahrt eine Erleichterung. Leicht geöffnete Fenster oder die Klimaanlage können für Abkühlung sorgen. Aber Vorsicht: Die Klimaanlage nicht zu niedrig einstellen! Das kann zu Kreislaufproblemen und Erkältungen führen – und treibt den Spritverbrauch in die Höhe. Als Getränk empfehlen Experten Wasser oder Fruchtsäfte. Bitte keinen Kaffee! Der treibt und macht hibbelig.

Sommerloch. Tipps für Neugeborene, die ihren ersten Sommer erleben. Experten haben Einwände: Neugeborene können noch nicht lesen. Experten empfehlen außerdem, einfach mal den Mund zu halten. Zumindest hier auf diesem Blog geht das. Ach, Experten! Ich bin raus hier. Für heute. Sommer.

Fast hätte ich es vergessen. Seit Tagen schon überlege ich, wie meine Mannschaft für die nächste Saison im kicker-Managerspiel aussehen könnte, und dann hätte ich es trotzdem beinahe vergessen! Seit heute gibt es das kicker-Sonderheft Bundesliga 07/08. Es sieht fad aus wie immer. Die Stecktabelle werde ich wieder zwei Spieltage lang aktualisieren, um dann einzusehen, dass ich sowieso täglich im Internet schaue und da wenigstens die Punkte dabei stehen. Einen WIN-PIN habe ich auch noch bekommen für ein Gewinnspiel, das mich nicht interessiert. Alles Kokolores, das einzig Wichtige an dem Sonderheft ist die Preisliste der Spieler für das Managerspiel. Eine Seite für 5 Euro 40, weil ich nicht mehr warten wollte. Saudumm, zudem teuer bezahltes, blankes Entsetzen: Alex Frei kostet verdammte 8 Millionen! Man hat nur 30 Millionen! Um Frei wollte ich mein Team bauen, nachdem es letztes Jahr ganz gut geklappt hat mit uns beiden. Frei kostet soviel wie Klose und nur eine halbe Million weniger als die teuersten Spieler Toni, Diego oder Ribery! (Dass Lutscher Frings in dieser Liste auftaucht, betrachte ich mal als Druckfehler.) Da läuft doch was gehörig gegen mich!
Insgesamt sieht es nach dem ersten Blick so aus, als würde es schwer, Überraschungsspieler für wenig Geld zu verpflichten, aber das denkt man ja jedes Jahr. Werde meine Frei-Strategie noch einmal überdenken, aber zieht euch warm an!

Die Lust zum Spiegel-Vorhalten ist tatsächlich groß angesichts des heutigen Leitartikels von Hans-Jürgen Jakobs, seines Zeichens Chef von sueddeutsche.de (über die ich ja vorgestern bereits gejammert habe) – nun: Thomas Mrazek hat´s getan.
Und wem wiederum das ganze Gedöns ohnehin längst auf den Geist geht, dem sei zur Abhilfe alleinr (natürlich beta!) empfohlen (via zielpublikum-endl): “Hier müssen Sie nichts tun. Sie melden sich nicht an, Sie laden nichts hoch, Sie kommentieren nicht, Sie knüpfen keine Kontakte.”

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