Archiv für Juli 2007

Das Privat-Fernsehen könnte einem manchmal wirklich leid tun. Könnte. Wie soll auch eine vernünftige Sendung herauskommen, wenn das einzig Wichtige an einem Programm die Werbung zwischen, während, im schlimmsten Fall anstatt der Inhalte ist?

Wenn es Boxen nicht gäbe, würde es sicher bald erfunden von gewitzten Werbestrategen und gefeiert als das beste Werbekonzept seit Menschengedenken. Praktischer geht es ja kaum noch: Nach drei Minuten Kampf kann man eine Minute Werbung zeigen, zielgruppengerecht und immergleich: Bier, Anti-Falten-Mittel für Männer um die Vierzig, Bier. Die Werbepausen sind jeweils so kurz, dass man lieber nicht hin und her schaltet. Schließlich möchte man ja nichts vom Kampf verpassen, wenn man sich das alles schon antut. Nach der Sendung erinnert man sich an eine Werbe-Dauerschleife und sonst kaum noch etwas. Wenn der Kampf dann tatsächlich so uninteressant ist wie die künstlich hochgejubelte Revanche gestern Abend zwischen Klitschko und Brewster, ist es tatsächlich gar nicht mal so schlimm, auf Wiederholungen sportlicher Höhepunkte verzichten zu müssen. Schon in der ersten Runde war zu erkennen, dass Klitschko seinen Gegner allein mit seiner linken Führhand aufarbeiten und seine gefürchtete Rechte kaum brauchen würde. Nach der sechsten Runde war der Kampf aus. Brewsters Trainer McGirt nahm seinen sichtlich angeschlagenen Boxer aus dem Kampf. Wohlgemerkt: NACH der sechsten Runde, was soviel heißt wie IN der RTL-Werbepause: Bier, Anti-Falten-Creme, Bier. Als der Sender wieder live in die Köln-Arena schaltete, war alles schon vorbei, Klitschko jubelte und der RTL-Reporter musste mühsam die Geschehnisse während der Werbepause erläutern.

Eine mordspompöse Inszenierung, Vorberichte aus dem Training, Interviews und Trara und dann ein so dermaßen kleinlautes Ende. Um den Sport geht es bei RTL einfach nicht. Eine gewisse Schadensfreude kann ich mir da kaum verkneifen. Saublöd, wenn der Sport dann nicht so will wie die Werbestrategie. Aber wahrscheinlich geht es auch beim Boxen gar nicht um den Sport.

PS: Ja, über Fernsehwerbung darf man sich immer noch aufregen. Es ist eine Zumutung. Wer das Gefühl hat, das schon einmal gelesen zu haben … Stimmt. Hier auf diesem Blog. Es ist ja immer das Gleiche bei RTL. Nebenbei: Von welcher Firma wurde der Box-Abend gestern noch einmal präsentiert? Ich habe es vergessen.

Weil ich mich mit dem Hansn gerade darüber freue, dass die Gorilla Biscuits wieder auf Tour kommen, zwar erst im September, aber immerhin. Bis dahin, nicht ganz so hart, weil wir ja älter geworden sind, Walter Schreifels akustisch mit der Hymne “Start Today”:

[youtube et59JXsMxLw]

http://www.youtube.com/watch?v=et59JXsMxLw

Man liest ja so herum im Netz und macht sich seine Gedanken, mehr oder weniger:

“Vorne musste offensiver spielen, aber hinten auf jeden Fall dicht machen, damit du keinen reingewürgt bekommst.” So oder ähnlich funktionierten damals in der Pubertät Taktikgespräche für die nächste Beziehungsschlacht. Zumindest auf diesem Gebiet sei die Fußball-Metaphorik ad acta gelegt, aber in anderen Bereichen macht es ja durchaus Sinn, dem Fußball eine größere Bedeutung zuzuschreiben, als er eigentlicht hat und haben sollte. In der geschätzten Jungle World, die gerade ihren zehnten Geburtstag feiert, wird Eine politische Geschichte des deutschen Fußballs der vergangenen zehn Jahre versucht. Neue Erkenntnisse, viel Politik? Naja, eher Fußball-Historie mit zwei, drei Schlenkern, aber spannend trotzdem all die Irrungen und Wirrungen in Erinnerung gerufen zu bekommen.

Wenn man selbst regelmäßig mit seinen Freunden im Park kickt und gelegentlich in Biergarten-Gesprächen das eigene und das offizielle Sportgeschehen Revue passieren lässt, dann kam man in den letzten Wochen um ein Thema wirklich nicht herum: Was würde EPO bewirken? Und: Ist der Kerl, der jeden Sonntag wieder laufen kann wie ein Stier, stundenlang und ohne Anzeichen von Erschöpfung, eigentlich sauber? Tobias Hürter wagte einen Selbstversuch in Sachen EPO-Doping und schreibt darüber hier in der ZEIT.

Schwenk zum E-Sport: Zum Thema Ego-Shooter mag man ja wirklich nichts mehr sagen. Zwei Fronten, seit einer Ewigkeit keinerlei Bewegung in der Diskussion. Und dann kommen ab und an doch kleine Mosaik-Steinchen dazu, die zu denken geben. Das Pentagon veranstaltete am Unabhängigkeitstag einen hochdotierten Wettbewerb in Sachen Killerspiele. Man habe Probleme mit dem Nachschub von Rekruten, schreibt Florian Rötzer in einem Artikel zum Thema, der schon seit ein paar Tagen online ist. Deshalb wolle man das Image der Streitkräfte ein wenig aufhübschen bei den jungen Leuten, ein wenig Realität und Fiktion vermischen oder einfach den Killerinstinkt fördern. Diese Vorstellung ist so scheußlich, dass man fast dazu geneigt ist, einem weltweiten Verbot dieser Spiele zuzustimmen, nur damit diese Widerlinge nicht mehr ganz so simpel für ihr furchtbares Weltbild werben können. Und dabei ist ausgerechnet eines jener Spiele, die in diesem Artikel als besonders schlimm gebrandmarkt werden, unter meinen Lieblingsspielen.

die interessanten artikel
1. Vom Leben, Schreiben und Sterben des Jörg Fauser erzählt die Neue Zürcher Zeitung
2. Über zwei Comic-Neuerscheinungen jubelt die FAZ
3. Über die Angst der englischen Buchhändler vor dem letzten Harry-Potter-Band berichtet ebenfalls die FAZ

der schöne text
Das Gedicht “wejherowo” von Jan Wagner in der aktuellen Ausgabe des [poet]mag des poetenladens

der erste satz
Stromabwärts von Wien, aber noch lange vor Budapest, durchfließt die Donau ein weites Gebiet aus nichts als Verlassenheit uns Ödnis, in dem sich das Hauptbett des Flusses in unzählige, nach allen Richtungen sich teilende Nebenarme verliert und das angrenzende Land auf viele Meilen hinaus nur aus Sümpfen besteht, überwuchert von einem unüberschaubaren Meer verkrüppelter Weidenbüsche.
Aus Algernon Blackwoods Schauererzählung “Die Weiden” von 1907, die die Kanufahrt zweier Männer donauabwärts erzählt: In den Sümpfen kampieren die beiden auf einer Insel, die Natur zeigt sich von ihrer unheimlichsten und bedrohlichsten Seite – die Weiden rücken näher, das Schlagen eines Gongs duchdringt die Luft, bald fehlt ein Paddel und hat das Boot einen Riss. In der Neuausgabe dieser Erzählung im Verlag Heinrich & Hahn (Ton an! Es zwitschert…) ist auch Blackwoods nüchterner Reisebericht „Eine Kanufahrt auf der Donau“ enthalten – der Moment, dem die vorangehende Erzählung entsprungen ist, ist kaum auszumachen: So also entsteht Literatur.
(Ich habe das Buch für die Berliner Zeitung besprochen – wen´s interessiert: bitte hier entlang!)

der hörtipp
Das Deutschlandradio hat den Bachmannpreisträger Lutz Seiler eben darüber interviewt. Seine Gedichte kann man sich auf lyrikline.org vorlesen lassen.

Muss ich mich jetzt auch noch für Galatasaray interessieren? Das Schicksal der anderen beiden großen Istanbuler Clubs, Beşiktaş und Fenerbahçe, verfolge ich seit einiger Zeit sowieso. Als Beşiktaş letztes Jahr im UEFA-Cup gegen Leverkusen gespielt hat, war ich mir gar nicht so sicher, welcher Mannschaft ich die Daumen drücken soll. Dass Leverkusen ein deutscher Club ist, ist mir vollkommen egal. Auch das ewige Geheule, weil ein paar UEFA-Cup-Startplätze für deutsche Teams verloren gehen könnten, beeindruckt mich nicht weiter. Dann spielen eben weniger mittelmäßige deutsche Mannschaften mit. Nicht schade drum. Wichtiger ist da: Ich kenne das Inönü-Stadion, in dem Beşiktaş spielt. Das Stadion von Leverkusen kenne ich nicht und den Club finde ich spätestens seit dem Weggang von Berbatov stinklangweilig. In das Beşiktaş-Stadion dagegen habe ich mich verliebt. Wenn man vom Taksim über die Cad. Gümüşsuyu kommt und dann hinter den grauen Stadion-Dächern den Bosporus liegen sieht, wie er in der Sonne glitzert und funkelt, dann an den angeblichen Dezibel-Rekord der Fans denkt, dann … Nein, keine Gymnasiasten-Lyrik an dieser Stelle, lieber den Verweis auf ein paar Bilder. Das Stadion ist wunderschön.
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