Archiv für August 2007

Im gedruckten Feuilleton der Süddeutschen beschreibt der Sozialwissenschaftler Oliver Geden heute die typischen Argumentationsmuster rechtspopulistischer Stimmungsmache in seinem Artikel “Das Geschäft mit der Angst”. (Es bleibt ein Rätsel, warum die SZ in ihrem Online-Angebot die Kultur-Sektion mit Texten über verschiedene Arten des Rasierens aufmacht) In Gedens Text geht um das in der Schweiz drohende “Minarett-Verbot” (Lästerliches dazu bereits hier), wobei das Thema zwar sehr konkret sein mag, die Prinzipien jedoch vielerorts gelten.

Anti-Minarett-Initiativen wenden sich vordergründig nur gegen einen “islamistischen Herrschaftsanspruch”, nicht jedoch gegen die Religionsausübung selbst. Diese scheinbar “diskussionswürdige Kernforderung” hindert Rechtspopulisten jedoch nicht daran, bei ihren Sympathisanten zugleich offensiv Ressentiments zu schüren, die dadurch provozierten Abgrenzungsreaktionen seitens der etablierten Parteien und Medien werden von Populisten sofort als Angriff auf die Meinungsfreiheit deklariert. Über die “wahren Probleme” dürfe man offensichtlich nicht mehr sprechen.

In München gibt es seit einiger Zeit Streit um den geplanten Moschee-Bau in Sendling. In einem Artikel auf SZ-Online, der gerade erschienen ist, während ich schreibe, wird ein Bezirksausschuss-Vorsitzender der CSU aus einem Chat zitiert. “Der Islam ist und bleibt eine zu bekämpfende Ideologie, ebenso wie der Nationalsozialismus oder der Ku-Klux-Klan”, schreibt er dort unter Pseudonym. Im Kreise seiner Partei gelte er sogar als Islamfreund, meint er unter richtigem Namen und verrät dadurch Einiges über die Gesinnung einer sogenannten bürgerlichen Partei der Mitte.

“Man wird ja wohl noch sagen dürfen …” Was dieser – unstrittig unterstützenswerte – Satz impliziert, darf derzeit auch die Berliner Abendschau auf ihrem Redaktionsblog spüren, den es erst seit wenigen Tagen gibt. Nach der Veröffentlichung eines Videos über einen türkischen Mitbürger, der seinen Döner-Laden in Berlin-Lichtenberg schließen musste, weil er wiederholt von Rechten bedroht und angegangen wurde, war aus einigen Kommentaren nicht etwa Entrüstung über Rassismus o.ä. zu lesen, sondern Häme und zudem Spott über das schlechte Deutsch eines Mannes, der sichtlich um Fassung ringt. (Siehe auch Kommentierte Kommentare) Die Abendschau fühlte sich veranlasst, in einem lesenswerten Statement “Wie weit rechts darf im Blog diskutiert werden” Grundsätzliches zur angestrebten Debattenkultur zu sagen. Eine Zensur der Kommentare solle, wenn innerhalb des gesetzlichen Rahmens vertretbar, nicht stattfinden. Mittlerweile gibt es zu diesem Post beinahe 90 Kommentare, einige mussten doch wieder gelöscht werden. Nicht jeder weiß eben, die Fassade zu wahren.

In dieser Diskussion gibt es eine Menge Paradebeispiele dafür, wie man einen achso kritischen Bürger spielt, der sich ja nur mal so seine Gedanken macht – und das dürfe man ja wohl! Einen kritischen Bürger, der sich selbst keineswegs als Rassist sieht, weil er sofort dabei ist mit der Forderung: Darüber müsse man schon reden, über diesen Rassismus der Ausländer. Einen kritischen Bürger, der immer für die Religionsfreiheit plädieren wird, wenn sein christliches Abendland frei vom Islam bleibt. Einen Bürger, der das mit den Neonazis überhaupt nicht gut findet, aber es gäbe nun mal zuviele Ausländer. Man kann all das Gewäsch selber nachlesen. Es ist entlarvend genug. Wie es hinter diesen gutbürgerlichen Fassaden aussieht, wird man schnell erkennen, wenn man einigen Links folgt, die ich mir hier schenke. Wenn man dort dann noch die Kommentare liest, wird einem schlecht. Wenn man dann noch die Zugriffszahlen dieser Seiten kennt, denkt man über das Auswandern nach.

In der Schweiz wird die Anti-Minarett-Initiative von der SVP getragen. Vor vier Jahren erreichte diese Partei fast 27 Prozent. Laut Geden entwickle sich diese Minarett-Idee zu einem Exportschlager. Hierzulande fiele sie sicherlich auf den fruchtbarsten aller Böden. So manch eine etablierte Partei zeigt hier erst gar keine Abgrenzungsreaktionen.

die interessanten artikel
1. Die Neue Zürcher Zeitung bespricht Alice Schwarzers “Die Antwort”: “Weder verfällt sie in die Munterkeitspose, noch inszeniert sie grosse Empörung. Stattdessen verlässt sie sich auf den souveränen Charme der Ironie – und deshalb liest sich ihr Buch besser als manche Kampfschrift ihrer jüngeren Kolleginnen.”
2. Die “Kritische Ausgabe” führt ein langes Gespräch mit Helmut Krausser (pdf): “Ich recherchiere ungern, ich bin ein fauler Mensch. Für Melodien habe ich recherchiert, aber nicht viel. Ich erfinde lieber.”
3. Die “NY Times” (Sunday Book Review) macht sich Gedanken über “Translating Zbigniew Herbert”: “It’s easy to say which nation has the fastest trains (France) or the largest number of prime ministers who’ve probably been eaten by sharks (Australia), but it’s impossible to know which country has the best writers, let alone the best poets.”

der schöne text
sind heute mehrere, weil ich mich gar nicht entscheiden kann: Auf der Webseite der Fiktionäre Herbst & Deters, bietet Alban Nikolai Herbst einige seiner schönen Texte zum Download an (Übersicht), auf die Schnelle und für den Anfang seien empfohlen: der erste “Ausfall” des “Arndt”-Komplexes (pdf) und das Gedicht “Alexanderplatz Berlin, Juni 2007″ (pdf).

der erste satz
Du kennst dich aus, abgeschirmt, mit geschlossenen Augen, im Dunkeln.
Aus: Verena Stefan: “Fremdschläfer” – von Verena Stefan hat man lange nichts gehört, vor über 30 Jahren betrat sie mit festem Schritt das literarische wie literaturwissenschaftliche Parkett mit ihrem Erstling “Häutungen”, der mittlerweile längst zum Klassiker der feministischen Literatur und der Gender Studies avanciert ist. “Fremdschläfer” ist noch besser: Wieder sind der Körper und die Sprache die Koordinaten ihres Werks, doch diesmal geht es um Fremdsein, um Krankheit, Liebe & Leben. Klingt pathetischer als es ist, denn Stefan hat einen besonders guten Blick für die Nebensachen, die das große Ganze ausmachen. Ach ja: Hier beim Ammann Verlag erfährt man noch ein wenig mehr darüber, auch im D-Radio-Büchermarkt wurde bereits über “Fremdschläfer” gesprochen (mp3).

der hörtipp
“Ich lese überhaupt nicht viele literarische Bücher” – kurz aber ziemlich dezidiert: Gottfried Benn spricht “über die neue literarische Saison” (mp3).

Bereits vor ein paar Tagen sprach der Deutschlandradio- und ARD-druckfrisch-Kritiker Denis Scheck – den ich by the way für einen der besten Kritiker dieses Landes halte – nicht nur, weil er in seinen Kommentaren der Top Ten dumme Bücher mit den richtigen Worten bedenkt und sie in die Tonne stopft, sondern auch, weil er Unterhaltungsliteratur auch als solche anerkennt und nicht unnötig elitär daran herummäkelt – Denis Scheck sprach (mp3) also mit dem Literaturkritiker Marius Meller vom Tagesspiegel und der Lyrikerin, Kritikerin und vor allem Kookbooks-Verlegerin Daniela Seel über die jetzt schon legendäre Ausgabe No. 17 der Literaturzeitschrift “bella triste”. Da fiel dann der Satz, den ich so oder so ähnlich schon bei meinem Literaturkritiker-Seminar an der Bundesakademie in Wolfenbüttel gehört habe, und der da sinngemäß lautet: Die junge Lyrikszene boomt nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ – jedoch fehlt es der jungen, nachwachsenden Kritikergeneration an Kenntnissen und Fähigkeiten zur Besprechung und Vermittlung dieser Werke. Erwischt! kann ich da nur sagen – deshalb hole ich momentan auch das nach, was ich eigentlich an der Uni hätte lernen und mir merken sollen.
Wen es interessiert: Gut fand ich dafür bislang Dieter Burdorfs “Einführung in die Gedichtanalyse” (unkonventionell, zeitgemäß & gut zu lesen); als Sammelband habe ich mir außerdem zugelegt “Das deutsche Gedicht” vom Großgermanisten Wulf Segebrecht (im Grunde schenken sich all diese Anthologien nicht viel, allerdings stimmt bei Segebrecht das Preis-Leistungs-Verhältnis: knapp 20 Euro für knapp 700 gebundene Seiten); empfehlenswert für den Überbau ist die “Geschichte der deutschen Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart” von Hinderer/Meid/Müller sowie die “Geschichte der deutschen Lyrik von Goethe bis zur Gegenwart – Ein Grundriss in Interpretationen” von Gerhard Kaiser, den ich sehr schätze wegen seines exzellenten, schlauen, wunderbar lesbaren Stils. Um einen Überblick über das aktuelle Geschehen zu bekommen, habe ich mir nicht nur die “bella triste” No. 17 zugelegt, sondern auch die wunderbare Anthologie “Lyrik von Jetzt!”, die Jan Wagner und Björn Kuhligk herausgegeben haben, die im DuMont-Verlag erschienen ist und für sagenhafte 4,95 Euro zu erwerben ist – ein kleines, aber dickes & inhaltspralles Buch, das auf jeden Fall lohnt.
Man anerkenne also bitte: Ich habe den Vorwurf ernst genommen, kümmere mich drum und werde sehen, dass ich in Zukunft hier etwas mehr über Lyrik erzähle – auch weil´s mich selber brennend interessiert und jedes Gedicht tatsächlich wieder neu und schön und anders ist. Neben einzelnen Besprechungen & Empfehlungen, werde ich versuchen, Lyrik-Verlage vor- und Online-Dossiers zu einzelnen Autoren zusammenzustellen. Und nu: Danke für die Aufmerksamkeit!

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