Archiv für September 2007

So wie die Fußball-Bundesliga bisher läuft, gibt es an jedem Wochenende einen Titel zu gewinnen. Zwar kann man sich dafür nichts kaufen und abgerechnet wird, wie allseits bekannt, ja immer erst am Schluss und manch eine Mannschaft wird, wenn sie ehrlich ist, diesen Titel mehr hassen als Pest, Cholera, Syphilis und Rinderwahn zusammen. Doch es gibt auch Mannschaften, – meist sind es welche, denen von Buchmachern und Experten ein trister Überlebenskampf in den hinteren Tabellenregionen prognostiziert wird – die sich diesen Titel immer wieder ganz gerne anheften, täuscht er doch, zumindest kurzfristig, über die eigene, nunja, Opferrolle hinweg, ist er doch wenigstens für ein, zwei Spieltage Balsam auf die Wunden, entstanden durch die spöttischen Gesänge: „Ihr seid nur ein Punktelieferant.“ (Ja, auch Worte können wehtun.) Evolutionstechnisch fühlt sich dieser Titel an, als sei man endlich mal ganz oben in der Entwicklungsstufe, als sei man Spitze der Nahrungspyramide und darf selber fressen anstatt verdaut zu werden. Es geht um den allwöchentlich zu vergebenden Titel „Bayernjäger.“
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Einerseits juckt es mich ja doch im Zeigefinger, ich mag Ego-Shooter einfach, ich schlechter Mensch! Andererseits geht mir der Hype um dieses Halo 3 schon wieder so dermaßen auf die Nerven, dass ich gar keine Lust habe, meine über den Sommer eingestaubte Konsole deshalb wieder hervorzukramen. Andererseits regnet es in Strömen und es sieht nicht so aus, also ob sich da so schnell etwas ändern würde. Andererseits müsste ich sowieso etwas arbeiten. Ich suche sogar beim simplen Kauf eines Konsolenspiels tagelang Argumente dafür und dagegen. Der Preis ist da gar nicht so wichtig. Irgendwie mag ich ja Shooter schon deshalb, weil sich die halbe Welt darüber aufregt. So einfach gestrickt bin ich. Besonders schön aufregen kann sich zum Beispiel Lyndon LaRouche, dessen Frau Helga Zepp-LaRouche als Chefin dieser obskuren, bei uns beheimateten Bürgerbewegung Solidarität fungiert, die sich ausdrücklich auf LaRouches Ideen beruft. Diese Ideen versteht, fürchte ich, keiner. Ein wilder Mix aus linken und rechten Ansichten mit einem gehörigen Schuss Verschwörungstheorie, Antiglobalisierung und Apokalypse, ins Totalitäre tendierend. Auf der Website des Lyndon LaRouche Political Action Comittee, auf der unter anderem die Lüge von der globalen Erderwärmung gegeisselt und der Zusammenbruch des globalen Finanzsystems vorausgesagt werden, habe ich bei meiner Entscheidungsfindung einen Artikel gefunden mit dem interessanten Titel Halo 3: The ‘Third Wave’ of Destroying the U.S.. Jetzt liegt mir definitv nichts daran, die USA zerstört zu sehen, aber lesen muss ich sowas dann doch immer. Letzten Endes wird in diesem Artikel über einen nach Meinung der Autoren ganz perfiden Plan der Computerspielindustrie und Hollywood fabuliert, nämlich das Bild vom Menschen zu entmenschlichen. Um Kriege wie den im Irak zu führen, beispielsweise. Maybe, maybe, sage ich da nur und sehe es einerseits irgendwo schon ein, dass Zwölfjährige auch im virtuellen Raum nicht unbedingt Menschen mit Motorsägen in Stücke schneiden sollten. Andererseits sollten sich Jugendliche definitv nicht LaRouche Youth Movement Counter-Intelligence Team nennen, bei irgendeiner komischen Polit-Sekte mitspazieren und unter diesem blöden Namen hysterische Artikel wie den erwähnten schreiben, in denen dann beispielsweise Bertrand Russell als satanischer und pervertierter Charakter bezeichnet wird. In besagtem Artikel steht weiter:

The vicious attack on the human mind by this cybernetics cult has been one of the key tricks by the oligarchy, that has arrested the development of the youth, today, preventing any consistent intellectual and political motion to change the world.

Hört sich irgendwie nach einer dieser dürftigen Hintergrund-Stories von einem Shooter an. Holy Shit, der Cybernetics Cult ist los und will die Welt versklaven. Auf einmal klingt Youth Movement Counter-Intelligence Team für mich irgendwie nach, nunja, Counterstrike-Clan in der echten Welt. Ist Halo 3 jetzt Pflichtspiel für Counter-Counter-Intelligence, sozusagen to arrest the development of the youth, bevor sie LaRouche Youth Movement Counter Intelligence Teams werden und die Welt mit Dünnsinn changen? So symbolisch gesprochen, mein ich. Master Chief, hilf!

Wie gesagt: Ich suche eigentlich nur Argumente für oder gegen die Anschaffung von Halo 3. Ich glaube, mich interessieren die dagegen gar nicht mehr. Ich sehe eh schon alles durch die Halo 3-Brille, durch meinen Helm, ich Master Chief, ich.

Die Leut’ machen Sachen! Auweh zwick! So ein Schmarrn eigentlich und selten gelungen sind sie ja, diese Mischmasch-Varianten aus Bild und neuer Tonspur. Aber da ich mir eben jene Variation seit gestern doch mindestens fünf Mal angeschaut habe und immer wieder schwer grinsen muss, kommt hier quasi mein Oktoberfest-Post, ganz bequem und faul mittels eingebettetem Video. Als Münchner muss man ja fast und auf Kosten von Rammstein geht es auch noch. Also eine Fliegenklatsche, dieser Post.

[youtube tUEyYuZkjVI]

via nerdcore (nicht das erste Mal ein via via nerdcore). Ach, noch anzufügen: Ehre, wem Ehre gebührt. Die Musik ist von Haindling.

Ein kurzer Blick zu den Nachbarn: Bei der holländischen BigBrotherAward-Verleihung ging der Preis in der Kategorie “Personen” gleich an jeden Bürger, der sich mit dem schalsten aller Argumente einen feuchten Dreck darum schert, was aus seiner Privatsphäre wird. Dass dieser Klassiker der Ignoranz überhaupt als noch Argument bezeichnet wird, macht einen eh wundern. “Ich habe ja nichts zu verbergen.” Eine gute Gelegenheit nochmals auf einen interessanten Aufsatz mit dem Titel ‘I’ve Got Nothing to Hide’ and Other Misunderstandings of Privacy’ hinzuweisen, der genau dieses Geseier zerpflückt. Darüber wurde bereits vor ein paar Wochen gepostet, hier auf dem Blog deines Vertrauens. So weit, so schlimm.

Schlimmer geht’s aber immer noch und deshalb gleich wörtlich aus dem heise.de-Artikel, der über die Preisverleihung berichtet.
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Und zwar dafür, dass Du bezahlte Inhalte so hübsch und unauffällig unterbringst:

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Wo es doch sonst eigentlich nur der Bild-Zeitung gelingt, die einen von den anderen Inhalten optisch gar nicht mehr zu unterscheiden (von inhaltlichen Differenzen ganz zu schweigen). Natürlich, Du hast ja Recht: Es ist finanziell wahrlich nicht leicht, den User von heute bei der Content-Stange zu halten. Aber glaubst Du nicht auch, dass das dem ein oder anderen sauer aufstoßen könnte? Nur so ein bisschen? Nein? Wieso nennst Du Dich dann eigentlich Zeitung?

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