Archiv für November 2007

Ich will ja hier nicht auch noch grosse Blattkritiken beginnen, dafür lese ich zu wenige Online-Zeitungen.
Wundere mich grad nur über ein Interview, das sueddeutsche.de mit einem Journalisten des eigenen Hauses führt. Darin darf Nico Fried erzählen, wie er das Verhältnis von Merkel und Bush in Texas erlebte, wo er als Berichterstatter dabei war. Klassischerweise in einem Meinungsartikel unterzubringen, oder?
Verstehen könnte ich die Sach, wenn es um die dortige Situation für die Medien gegangen wäre. Dafür wäre der Herr Fried dann sicher der richtige Experte. Oder geht es in solchen Fällen um die Trennung der Print- und der Online-Redaktion? Ist das eine Arbeitsbeschaffungsmassnahme, wenn Journalisten Journalisten interviewen, damit mehr als nur ein Artikel rauskommt? Werden hier Mehrwerte generiert? Zweitverwertungen?
Kommt demnächst neben jeden Artikel noch ein Interview mit dem Autor, werden so zukünftige Talkshow-Experten aufgebaut?

… bis zur totalen Protokollierung der Telekommunikation. Jetzt ist es amtlich. Keine Überraschung. Das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung wurde vom Bundestag verabschiedet. War klar. Und es geht immer weiter mit dem Überwachungswahnsinn. Die EU-Kommission bastelt schon am nächsten Gesetzesentwurf: Flugpassagierdaten sollen 13 Jahre (!) lang gespeichert werden. Was sind das nur für Menschen? Was wollen die für eine Welt?

Herr Schäuble gab sich ja am Mittwoch noch recht unappetitlich kokett vor Richtern und Journalisten in Karlsruhe. “Wir hatten den ‘größten Feldherrn aller Zeiten’, den GröFaZ, und jetzt kommt die größte Verfassungsbeschwerde aller Zeiten”, fabulierte er da. Dass er die Anführungszeichen, die ihm die taz in ihrem Zitat gönnt, tatsächlich während des Redens in der Luft mitgeschlagen oder sonstwie kommuniziert hat, sei mal zu Schäubles Gunsten angenommen. Mit dem zweiten Teil seiner Aussage hat er recht. Es gibt (hoffentlich) die größte Verfassungsklage aller Zeiten gegen diese Vorratsdatenspeicherung. Wer mag, kann sich hier beim Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung eintragen und mit mittlerweile 7000 weiteren Menschen versuchen, zumindest diesen Teil der mittlerweile arg angekratzten Bürgerrechte zu verteidigen. Vielleicht hilft’s ja noch was. Wahrscheinlich nicht, aber letzten Endes geht’s ums Prinzip.

Ein paar Infos zum Thema kann man beim Arbeitskreis finden – auch jetzt noch, besser spät als nie:

5-Minuten-Info
Materialien
Hintergrund-Informationen
Pro und Contra

die interessanten artikel
1. Die FAZ übersetzt und druckt ein Gespräch mit dem Autor Jonathan Littell, der in Frankreich für Furore sorgte nicht nur wegen seines Buches “Les Bienveillantes”, sondern auch, weil er den ihm dafür zugesprochenen Prix Goncourt nicht annahm: “Ich glaube nicht, dass Preise etwas mit Literatur zu tun haben. Sie haben mit Marketing zu tun, nicht mit Literatur. Mir gefällt das nicht.” sagt er, das Interview ist schön FAZ-gemäß mit “Die Nazis hatten Kultur” überschrieben.
2. Sieglinde Geisel wandert für die NZZ mit dem “Vrenelis Gärten”-Autor Tim Krohn in den Glarner Alpen herum: “Bei den Seelenen”.
3. Wieland Freund hat für die Welt die “Vom Winde verweht”-Fortsetzung “Rhett” gelesen: “Rhett Butler rettet den Süden”.

der schöne text
sind heute mehrere, und ob sie schön & gut sind, möge jeder bitte selbst entscheiden: Die Gewinner des 15. Berliner Open-Mike-Wettbewerbs sind also Johann Trupp mit seinem Text “Parallelgestalten” (pdf), Tina Ilse Gintrowski mit ihrem Text “Planet Pony” (pdf) und Judith Zander (Gedichte, pdf).

der erste satz
Die Nacht des zwölften zum dreizehnten Oktober schwieg in den deutschen Wäldern; ein müder Wind schlich über die Äcker, schlurfte durch die finsteren Städte des Jahres vier nach Hitler, kroch im Morgengrauen ostwärts über die Elbe, stieg über die Erzgebirgskämme, zupfte an den Transparenten, die schlaff in den Ruinen Magdeburgs hingen, ging behutsam durch die Buchenwälder des Ettersberges hinab zum Standbild der beiden großen Denker und den Häusern der noch größeren Vergesser, kräuselte den Staub der Braunkohlegruben, legte sich einen Augenblick in das riesige Fahnentuch vor der Berliner Universität Unter den Linden, rieselte über die märkischen Sandebenen und verlor sich schließlich in den Niederungen östlich der Oder.
Aus Werner Bräunig: “Rummelplatz”. In der DDR war dieser Roman von einer Publikation ausgeschlossen, nachdem Werner Bräunig 1956 aus dem ersten Kapitel gelesen hatte. Was den Autor derart traf, dass “Rummelplatz” nie fertig wurde (die vorhandenen 620 Seiten sind nur der erste Band) und Bräunig sich mehr oder weniger zu Tode soff. Zum Glück hat der Aufbauverlag dieses ganz außergewöhnliche Ding nun wieder aus der Versenkung geholt: “Rummeplatz” ist ein Nachkriegs-Panorama, ein tatsächlich recht ungeschminktes Bild der Trümmer- und Aufbaujahre sowie des sozialen Klimas in Ost und West; und auch sprachlich ist es etwas ganz Besonderes: noch am Expressionismus der Vorkriegsjahre hängend, schraubt sich Bräunig gerne in die Köpfe seiner zahlreichen Protagonisten hinein – das sind Menschen, die man da zu lesen bekommt.
Hier wiki über Bräunig und über das Buch (mit Links zu Besprechungen), und hier Perlentauchers Rezensionszusammenfassungen von “Rummelplatz”.

der hörtipp
Im Juli dieses Jahres starb der Schauspieler und Sprecher Claus Boysen (Boysens Website), aus diesem Anlass gibt es bei vorleser.net eine Auswahl seiner Lektüren zu hören, darunter ein paar Ringelnatz-Gedichte wie “Frühe Gedichte” und “Turngedichte”, vor allem aber, wie Claus Boysen Rilke liest (Achtung: große ZIP-Datei, lohnt sich aber!).

Datensammlungen, immer schön: Gracenote ersparen mir natürlich nicht nur das Titel-Eintippen beim Füllen von I-Tunes (warum sind die Daten eigentlich nicht eh schon auf der Scheibe?), sondern merken sich natürlich auch, wann sie wem was schicken.

Jetzt geben sie das angesammelte Wissen aber auch weiter: Hier gibt es eine interaktive Karte, die uns die derzeitigen musikalischen Vorlieben der Nationen mitteilt. Leider in tragischem Design und schlecht lesbar. Und keinerlei Zahlen, die irgendeine Einschätzung zuliessen – ein besonders schönes Beispiel für diese Statisterei ist Afghanistan.
Wie bei allem zunächst nutzlosen Wissen ist das Stöbern hochinteressant: In Rumänien sind immer noch die Rapper Parasitzii total angesagt (Platz 10 der Künstler-Charts), die wir dort 2001 auf Kassette für unseren Wartburg gekauft haben. Die Österreicher luden die “Ö3 Greatest Hits 39″ auf den zweiten Albumplatz und die “Bravo Hits 58″ auf den neunten. Im Nahen Osten begeistert man sich (immer noch?) für Guns’n Roses, gleich mehrfach finden sich ihre Greatest Hits von 2004 in den jeweiligen Top Ten. Und so weiter. Deutschland dagegen hört weiter Die Toten Hosen (Platz 8).

A propos Tote Hosen: Eben im Supermarkt (Coop, Zürich Bahnhofstr) lief doch zwischen Werbung für Erfrischungsgetränke tatsächlich “Hier kommt Alex”. Subversiv kam mir das komischerweise nicht vor.
(via BoingBoing)

Schuld an der Niederlage von Borussia Dortmund in Hannover ist der Behaviorismus. Das hört sich kompliziert an und das ist es leider auch. Wer den modernen Fußball begreifen will, der darf nicht einfach Tore addieren, der darf nicht einfach Zweikampfstatistiken führen oder Übersteiger zählen, der darf sich heutzutage nicht auf simple Statistiken und Spielanalysen verlassen. Wer den modernen Fußball begreifen will, muss die Psyche berücksichtigen. Und jetzt wird es kompliziert, an dieser Stelle braucht man den Behaviorismus. Auf einen einfachen Nenner gebracht ist der Behaviorismus diese Sache mit dem positiven oder negativen Feedback. Das kann man beispielsweise zu Erziehunsgzwecken einsetzen, nach dem Motto: Wenn du schön brav bist, dann bekommst du ein Schleckerl. Wenn du böse bist, dann gibt’s ein paar aufs Maul. Zwar raten Experten heute dringlichst von diesem Konzept ab – die menschliche Psyche gilt heutzutage als komplexer und Hauen darf man sowieso nicht –, aber ganz aus der Welt ist dieses Konzept dennoch nicht, was sicher mit seiner simplen Wenn-Dann-Logik zu tun hat.

Borussia Dortmunds Abteilung für Volks- und Presseerziehung – moderne Vereine haben heutzutage Abteilungen für alles – hat versucht, dieses etwas angestaubte pädagogische Konzept im Fußball-Zirkus anzuwenden. Ab dem dritten Spieltag wurden die Medien für ihren Ungehorsam mit einem Presseboykott bestraft. Dieser Boykott dauerte bis zum vergangenen Mittwoch nach dem Pokalspiel gegen die Eintracht, dann wollte man wieder mit der Presse reden. Nur: Auf einmal wollte die Presse nicht mehr! Sie war zickig! Sie hat ihrerseits einen Presseboykott über Dortmund bis zum Ende des Spiels gegen Hannover verhängt. Das ist das Kreuz mit dem Behaviorismus. Wenn er nicht funktioniert, dann wird es bitter. Auf einmal fand sich die Borussia in der Position eines Lehrers wieder, der vor seiner Klasse steht und feststellen muss, dass seine pädagogischen Bemühungen nicht nur nichts, sondern vielmehr das Gegenteil bewirkt haben. So etwas führt zu Frust, zu schlaflosen Nächten, zum Burnout, zu schwerwiegenden psychischen Problemen. So kann kein Mensch vernünftig Fußball spielen, dann verliert man eben Spiele. Das dürfte jedem einleuchten.

Und dennoch muss nicht gleich jegliche Pädagogik über Bord geworfen werden. Lehrreich ist die Geschichte nämlich allemal: Zwar fehlten die O-Töne von Dortmunder Spielern, aber Berichte über die Spiele der Borussia gab es natürlich trotzdem. Vielleicht wurde darin mehr Wert auf die Zweikämpfe gelegt oder auf die Spielanalyse. Vielleicht ging es einfach mehr um Fußball als um Befindlichkeiten. Das ist zwar vielleicht nicht so modern, aber dafür könnte man sich diese albernen psychologisierenden Erklärungsversuche einschließlich Behaviorismus dann auch schenken.

Zürich - MÜNCHEN - Berlin
  • Musste auch gesagt werden

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