Archiv für Januar 2008

Hier der neue Held der Straße. Eine Vision: Jens Jessen schlendert durch den Neuköllner Körnerpark. Massiv läuft neben ihm her. Die beiden sind in ein Gespräch vertieft. Der alte Lenin sitzt auf einer Bank und schaut zu.

bishop.jpgDie Europa-Tour von Bishop Allen ist zwar schon längst vorbei, doch seit ich die New Yorker Band Mitte Dezember mit dem Thomas in der Roten Sonne in München gesehen habe, bestimmt deren Scheibe Bishop Allen & The Broken String so dermaßen eindeutig meine Heavy Rotation, dass ich mich immer mehr frage, woran das wohl liegt.

Natürlich wird meine cineatische Erinnerung gekitzelt, schließlich kenne ich Justin Rice, den Sänger der Band, in erster Linie aus Andrew Bujalskis wunderbarem Independent-Film Mutual Appreciation, in dem er die Rolle eines nach New York gezogenen Musikers spielt, der dort seine Bandprojekte auf die Beine stellen will. (Mehr Schwärmereien dazu gab es schon mal hier von mir. In Bujalskis erstem Film Funny Ha Ha, den ich leider noch nicht sehen konnte, spielt Christian Rudder, der Gitarrenmann der Band, wohl die Hauptrolle).

Daneben sind es wohl auch die wirklich nicht zu überhörenden Dylan-Anklänge, die mich nach dem ersten Hören sofort im Griff hatten. Teilweise wird da beinahe Ton um Ton zitiert, etwa von It’s All Over Now, Baby Blue, ohne dass da irgendetwas abgekupfert wirkt. Und manchmal denke ich beim Hören sogar, die eine oder andere Melodie müsse auf jeden Fall von den Flaming Lips stammen – so wunderschön, auf den Punkt vollkommen ist das. Doch da haben mir schon genug Menschen widersprochen. Allgemeingültig ist diese Erkenntnis also nicht.

Man nennt das Ganze wohl Indie-Folk-Pop, was ein Begriff ist, der mich eigentlich sofort langweilt. Dazu noch dieses liebliche Artwork! Hach, wie schön, die Blumen blühen! Das ganze Auftreten der Band, der Gesang, eigentlich alles ist so dermaßen slacker-schluffi, so dermaßen artschool-mäßig, dass ich im Normalfall gleich schreien könnte. Doch hier kann ich mich anstrengen und versuchen zu lästern, so sehr ich will. Mir gefällt hier einfach alles. Ein paar Freunde machen zusammen Musik und fangen an, ihre erste Platte Charm School in Eigenregie herauszubringen. 2006 basteln sie monatlich eine EP und vertreiben die Platten dann über ihre Homepage. Das Ganze läuft gut, man wird zum Geheimtipp und es geht dahin. The Broken String ist sozusagen das erste echte Studioalbum der Band, erschienen bei Dead Oceans, und so voller Ohrwürmer, dass ich die Lieder schon beim bloßen Schreiben darüber höre. Leg ich gleich nochmal auf, diese Scheibe.

Anhören könnte und sollte man sich ein paar Songs auf der Homepage der Band und ein paar andere auf der myspace-Seite.

/* 2,191 lines of complete and utter shit coming up… */ und ähnliche schöne Kommentare aus verschiedensten Programm-Codes gibt’s unter F*cking programming bei codeulate zu lesen, sogar mit Quellenangabe.

sojourner.jpgSo macht auch CDs kaufen noch Spaß. Secretly Canadian hat von Magnolia Electric Co die wunderbare Box „Sojourner“ herausgebracht. Eine Zigarrenschachtel mit vier CDs, einer DVD, ein Sternzeichenposter, fünf Karteikarten zu jeder CD und einem Medaillon im Samttäschchen. Zu hören gibt es die kompletten vier Sessions, die Jason Molina mit seiner damals neuen Band eingespielt hatte, nachdem das schöne erste Album „What comes after the Blues“ (2005) veröffentlicht war. Daraus entstand dann vor allem das 2006-Album „Fading Trails“. Aber Molina hat in den Variationen seines Verzweiflungs-Universums einfach so viel mitreißende Ideen, dass auch die Songs, die es nicht auf die Platte geschafft haben, kaum hinter Country-Blues-Hymnen wie „Lonesome Valley“ zurück bleiben. Eigentlich gar nicht. Gerade diese „Nashville Moon“-Session hält mit dem lässigen „Don’t this look like the dark“ oder dem schleichende Opus „Texas 71“ viel lohnenswertes Neues bereit. Hier aufgenommen von Steve Albini, also mit ungeheuer vollem Sound. Aber auch die „Black Ram“- oder die „Sun Session“ begeistern mich. Molina allein mit seiner Gitarre bei „Sohola“ natürlich sowieso. Dazu gibt’s dann noch die zwanzigminütige Impression eines Bandfilms: „The Road becomes what you leave“ von Todd Chandler. Die kauzigen Magnolianer auf der Reise im Kleinbus durch Kanada. Nur einmal echte Livemusik. Ansonsten schöne Eindrücke von der Zeit vor, während und nach den Auftritten. Ein kleines, feines Roadmovie – nicht mehr und nicht weniger. Die Band beim Proben, Molina in der Spielhalle beim Taubenschießen, die Jungs machen sich beim Karaoke zum Hampelmann. Dazwischen immer wieder: das weite Land. Die Box scheint nicht allzu limitiert, gibt’s sogar bei amazon. Also keine Vertriebsrevolution, sondern einfach nur eine tolle Idee.

Die EM kommt allmählich näher, aber in Sachen EM-Song herrscht totale Konfusion. Eigentlich – so möchte man doch meinen – sollte es ein offizielles Lied für Schweiz und Österreich gemeinsam geben. Aber nichts da!

Klar ist: Österreich wird einen eigenen offiziellen EM-Song bekommen von Christina Stürmer. Irgendwann im März wird dieser Song vorgestellt. Ich kann’s kaum erwarten. Echt nicht.

Auch klar ist: Rainhard Fendrich hat einen inoffiziellen EM-Song aufgenommen – mit den drei Nationalspielern Ivanschitz, Payer und Janko und den Wiener Sängerknaben. Der Song heißt Wir sind Europa und ist – sagen wir es ruhig einmal frei heraus – an Scheußlichkeit kaum zu überbieten. Fendrich habe die Melodie erträumt, kann man hier auf der Seite von Radio Burgenland lesen. Ein YouTube-Video dieses Liedes mit “Top-Ten-Potenzial” (stern.de) kann jeder, der es ertragen kann, hier sehen. “Wir sind Europa, das Herz der Welt, stehen zusammen wie Blumen im Feld.” Und Schwamm drüber! Wahnsinn!

Ein wenig rockiger, aber ebenso inoffiziell, versucht es die Band Freilaut mit einem Song namens – dreimal raten! – Cordoba. “Im Strafraum ein Haken, ein Schuss – wie wir’s machen ist doch klar – so wie in Cordoba”, heißt es da und schon tut’s einem leid, dass dieses Cordoba immer noch der Weisheit letzter Schluss in Sachen Fußballyrik bei unseren Nachbarn zu sein scheint. Armes Österreich. Ist ja erst 30 Jahre her. Ansonsten ist das halt ein stinknormales Stadion-Rocklied, einfallslos, mit viel Schalala zum Mitgrölen. Und jetzt alle … Wahrscheinlich stellt sich Uli Hoeneß so Stimmung vor. Hier kann man es anhören und dann vergessen.

In der Schweiz machte sich DJ BoBo die (überflüssige) Arbeit, eine offizielle EM-Hymne zu schreiben. Seinem eigenen Geschmack traut er dabei anscheinend nur wenig über den Weg. In einer Internetabstimmung wollte er von seinen Fans wissen, ob jetzt Let The Games Begin oder Ole, ole besser sei. Wie man sich in der Schweiz entschieden hat? Keine Ahnung. Egal. Unterirdisch. (Ole, ole hat gewonnen.) Achja, wer unbedingt will: Hörproben gibt es hier auf 20min.ch.

“So gut klingt die EURO 2008 in Bern” heißt es auf der offiziellen Euroseite Berns und – surprise, surprise! – so schlecht klingt die Euro in Bern tatsächlich nicht! Immerhin war man dort so mutig, einen Song der Hip-Hopper Wurzel 5 zur offiziellen Euro-Stadt-Hymne zu erklären. Lueg Zu Dim Bitz versteht zwar kein Mensch, weil es berndeutsch ist, aber dafür hat das Ganze mit diesem anbiedernden, achso völkerverständigendem Geheule eines Fendrich wirklich nichts zu tun. Immerhin etwas!

Wurzel 5: Lueg Zu Dim Bitz


Quelle: Euro08-bern.ch

Soweit erstmal! Bewusst unerwähnt – kleiner Rethorik-Gag – lassen wir die Schweizer booze mit ihrem Song Fahnenmeer und die Österreicher Alone mit ihrem Anti-EM-Song Wir geben uns die Kugel. Alles muss man sich dann auch nicht anhören!

Wir bleiben dran an diesem Thema, sozusagen am Ball.

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