Archiv für Januar 2008

Ich bin wohl die Letzte, die nicht für eine Komplizierung von Sachverhalten wäre. Ganz einfach, weil ich davon überzeugt bin, dass Kunst und Politik kompliziert sind und die Reduktion von Komplexität zugunsten der Verständlichkeit einer Vergewaltigung nahe kommt. Es lebe die Komplexität!

Allerdings sollte man auch keinen Unsinn schreiben. Also komplex ja, schwierig auch, aber keinen Unsinn.

So wie hier sollte man es also nicht machen liebe Freunde. Warum nicht? Weil mit diesem aus dem Zusammenhang gerissenen und in den Zusammenhang geschmissenen Adorno-Zitat niemandem geholfen wird. Noch nicht einmal dem Poststrukturalismus.

Es ist einfach nur ärgerlich, wenn es um einen interessanten Musiker geht (Bonnie Prince Billy) und um ein interessantes Konzept (ich mach Coverversionen und nenne die Autoren des Originals nicht) und das alles mit einem Zitat eines nach Meinung vieler auch nicht uninteressanten Philosophen einfach der gesamte geistige Mehrwert in die Tonne getreten wird. Oder ist das etwa nicht ein vollkommen unverständliches, geradezu Ärger hervorrufendes Zitat? (Ich bitte um Kommentare) Ist es nicht die pure Sophistik, die von der Sophistication so weit entfernt ist, wie böse von gut?

Zitieren ja, meinetwegen auch Adorno, aber gekonnt muss es schon sein.

Hat wohl schon ein paar Jahre auf dem Buckel, aber jedem, der es noch nicht kennt, sei empfohlen:

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und eine Runde Star Wars anschauen. Faszinierend! Und der Max hat’s gefunden.

hihi, in den ersten tagen des neuen layouts wunderte ich mich über den jan, den kannte ich als schreiber noch nicht. und wie viel der schreibt! dies aber leider nur im januar. 

„Ich bin nicht mehr Norbert, auch nicht Ncc … Nun bin ich der Fremdling meiner selbst, der Trost sucht, wo es ihn nicht gibt: bei Bier und Wein, General Pappenheimer muß es sein.“ Schreibt Norbert Conrad Kaser mit noch nicht ganz 20 Jahren, im März 1967, dem Jahr seines „eintritts in die literatur“. Der Aufenthalt dort währt nicht lange: Elf Jahre später, im August 1978, stirbt Kaser an einem Lungenödem, der Folge einer Leberzirrhose. Dazwischen: der Wunsch, Mönch zu werden, Dorflehrer-Dasein, Arbeitslosigkeit, Reisen, Aushilfsjobs, Austritt aus der katholischen Kirche, Eintritt in die KPI, Aufenthalte in Krankenhäusern und Nervenheilanstalten – General Pappenheimer war eigentlich immer dabei, „mein gewissen lebt vor offener kaefigtuer“, schreibt er 1975 in einem Brief. Er war eben ein Dichter: einer, dem Heimat und große weite Welt gleichermaßen Angst und lieben machten; der sich selbst nie ganz zu kennen wagte und doch wusste, dass „Wahrheit ganz einfach das ist, dass man Dinge aufdeckt, die gar nicht aufzudecken sind.“ Auch der von Raoul Schrott zusammengestellte Kaser-Band „Elementar“ (beim Haymon-Verlag, der auch die Gesamtausgabe gemacht hat) lässt einen nicht schlau aus Kaser werden, doch immerhin ein paar gewichtige Ahnungen von ihm bekommen. Darin – in rein chronologischer Ordnung – Briefe, Prosastücke, Essays, Interviews, seine poetisch böszüngigen „stadtstiche“ und natürlich viele Gedichte, auch sein letztes natürlich: „ich krieg ein kind/ein kind krieg ich/mit rebenrotem kopf/mit biergelben fueßen/mit traminer goldnen haendchen/&glaesernem leib/wie klarer schnaps//zu allem lust/&und auch zu nichts//ein kind krieg ich/es schreiet nie/lallet sanft/ewig sind/die windeln von dem kind/feucht & naß//ich bin ein faß“
Was jetzt vielleicht einen falschen Eindruck macht: Kaser – oder besser: n.c.kaser, der immer klein geschrieben hat und weder Trennstriche noch Umlaute kennen wollte – Kaser also hat nicht nur übers Trinken geschrieben. Am besten man höre selbst – denn das klingt natürlich auch nach dem Südtirol, wo Kaser herkam und von dem er nie wegkam: „der kannibale“ (direkt zur Audiodatei) etwa oder „venedigs nachmittag“ (direkt zur Audiodatei) oder was anderes.

ripit.jpgRip It Up And Start Again: Das Buch für alle, die schon immer einmal wissen wollten, warum sie sich für Popmusik interessieren – obgleich sie doch KUNST immer umgetrieben hat.

Für mich das wirklich Ausschlaggebende für diesen roten Faden durch die Postpunkjahre (also von 1978-1984): Die Anfangsthese von Autor Simon Reynolds, dass sich die Postpunkbands gegen den Rockismus und für die Kunst ausgesprochen haben. Dass sie sich in einer Tradition mit Dada und anderen anti-bürgerlichen Kunstformen sahen. Klar, Greil Marcus hat das in seinen Büchern schon immer behauptet, aber das eine war von außen auf Musikrichtungen oktroyierte These. Wunschdenken eines hochkulturell interessierten Popkritikers. Reynolds dahingegen recherchiert, führt 124 Interviews, erzählt mehr, als dass er argumentiert. Dadurch leuchtet es ein, dass sich dieser ganze Neuaufbruch nach Punk selbst so konstruiert hat. Daher die Plattencover von Killing Joke (“Wardance”), daher die Polittexte von Scritti Politti (“Jacques Derrida”), daher die Motown Emphase von Orange Juice (“Just like the Four Tops: I cant help myself”): Es ging darum, sich neue Traditions-linien zu basteln, ein neues Selbstverständnis anzueignen und: Es ging um eine neue Politik.

Ein Teil des Pop-Politik Dilemmas der Neunziger baut darauf auf: Die Vorstellung, gegen die Gesellschaft zu sein, “anti”, eben wie avantgardistische Kunst und “nasty”. Das ganze Hakenkreuzrevival und dann natürlich der Skandal schlechthin: eine Band Joy Division zu nennen, nach einem Begriff aus einem Roman von 1965, “House of Dolls”, in dem der Autor mit dem Pseudonym Ka-Tzetnik 135633 über die “joy division” des Konzentrationslagers Auschwitz schreibt, ein Freudenhaus für Nazisoldaten, indem junge KZ-Häftlinge als Sex-Sklavinnen arbeiten mussten.

All das der Versuch, eine Gegenposition zum Mainstream zu etablieren, die sich aber eben doch nicht nur als dagegen, wie die Counter Culture, sondern auch als “neu” und hip” ansah, also deutlich avantgardistische, bissige, zynische Züge trug.

Hört man sich den Sound dieser Jahre noch einmal an, Devo, Joy Division, The Fall, The Pop Group – auch die deutsche New Wave Band Palais Schaumburg, dann glaubt man, das Konzept hinter dieser Popmusik hören zu können: Coolness, Brüche, lebendige Unsicherheit, Sophistication: Wie eine Welle schwappt es wieder über einem zusammen. Mehr als nur Musik, ein ganzer Lebensentwurf stand dahinter. Und viel Kopfarbeit.

Es wird immer beklagt, dass Teenager die Popmusik nicht mehr als Haltungsrahmen annehmen, ohne zu bemerken, dass die Popmusik von heute diesen Rahmen gar nicht mehr anbietet. Vielleicht bisweilen auf der textlichen Ebene (Die Türen etc.) aber lange nicht mehr als Gesamtkunstwerk, sowie in den frühen Achtzigern. Bei Scritti Politti wurde das “Scritti communiqué”, ein post-strukturalistisch und popjournalistisch geschultes Think Tank eingerichtet, um gehaltvoll genug in Interviews zu sein. Und die ästhetische Praxis hielt eben mit. Heute ist das zu aufgeteilt: Progressiver Sound auf der einen, mittelschlaue Texte auf der anderen Seite. Das könnte ein Problem sein.

PS: Der Titel “Rip It Up” ist übrigens ein Song der schottischen Band Orange Juice. Hörenswert und wenn möglich setze ich den hier demnächst rein.

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