Archiv für Januar 2008

Weil der Informatik-Pionier und Gesellschaftskritiker Joseph Weizenbaum heute 85 Jahre alt wurde, sei an dieser Stelle sein großer Durchbruch und ein Meilenstein der Künstlichen Intelligenz gepostet: das kleine Programm ELIZA, hier in einer Javascript-Version. Ich fand das Programm schon immer sehr lustig in den KI-Vorlesungen und dann, als ich es entdeckt hatte, als Easteregg in meinem XEmacs-Editor. Einen richtigen Geburtstagstext mit weiteren Informationen gibt es zum Beispiel hier auf golem.de oder hier auf heise.de

Talk to Eliza



Input:


ELIZA war damals ein Sprach-Analyse-Programm. Seine Variation DOCTOR sollte dann die Gesprächssituation mit einem Psychotherapeuten, der einfach immer nur nachfragt, veräppeln. Ein kleiner Versuch – das Ergebnis muss damals für Weizenbaum erschreckend gewesen sein. Angeblich wurde er dadurch zum großen Computer- und KI-Kritiker. Tatsächlich vertrauten Menschen diesem Programm ihre psychischen Probleme an, gaben intime Details preis und wollten wohl schnell vergessen, dass sie hier mit einer Maschine kommunizieren. Ein paar aufgezeichnete Konversationen mit solch pseudo-schlauen Programmen, unter anderem auch mit ELIZA, kann man hier nachlesen. Und wen es interessiert: Eine gekürzte Version von Weizenbaums im Januar 1966 veröffentlichten Papers ELIZA –A Computer Program For the Study of Natural Language Communication Between Man and Machine gibt es hier.

Übrigens zeichnet unsere ELIZA keine Gespräche auf. Und sie kann nur Englisch.

Nachtrag, weil ich es gerade sehe: In der Süddeutschen gibt es heute einen Kommentar von Joseph Weizenbaum selbst mit dem Titel “Wir gegen die Gier”. SPON hat heute ein Porträt Weizenbaums veröffentlicht.

Ein schönes Video-Performance-Projekt hat der Schweizer Künstler Guillaume Reymond am Start (Dank dir für den Hinweis, Hansbap). Es heißt GAME OVER und wurde bzw. wird immer noch in Stop-Motion-Technik realisiert. Bisher gibt es vier kurze Filme, in denen alte Atari-Konsolenspiele in einem Theaterparkett mit einer Vielzahl Menschen nachgespielt werden, die im Abspann unter der schnöden Bezeichnung “Pixels” genannt werden, was ich – nebenbei bemerkt – schon ziemlich future finde von wegen “Menschen nur noch Nummern” oder so.
Der Inhalt der ganzen Sache ist natürlich ziemlich retro. Zurück zu den Anfangstagen unseres geliebten multimedialen Wohnzimmers. Und prompt stellt sich beim Zuschauen jenes wohlige Gefühl ein, dass der Besuch bei den Nachbarsjungen vor Jahren auslöste, die eine solche Atari-Konsole ihr Eigen nennen durften. Ohne zu wissen, ob ich da jetzt einiges verkläre, bin ich mir dennoch sicher, schon als Pimpf gespürt zu haben, dass diese Geräte unser aller Spielen verändern werden. Mit Fang-den-Hut war das zumindest nicht mehr zu vergleichen, sondern erinnerte eher an die Besuche in der Physik-Abteilung des Deutschen Museums, wo beim Drücken der Knöpfe an den Glaskästen auch tatsächlich etwas passierte. So naheliegend der Titel GAME OVER hier auch sein mag, so gelungen finde ich ihn auch, da ich genau daran denken musste, dass Spielen just mit dem Auftauchen der Spielekonsolen eine schwer technologisierte Sache wurde. Nach den ersten paar Nachmittagen meines Lebens vor so einem Gerät dauerte es schon eine geraume Zeit, bis ich herkömmliche Brettspiele am Wohnzimmertisch wieder als gleichwertig in Sachen Spaß empfand. Game over für Fang-den-Hut sozusagen – zumindest eine Zeit lang!
Auf der Website des Grafikbüros NOTsoNOISY von Guillaume Reymond gibt es bisher vier Video-Performances zu vier Spielen. In allen Videos ist der alte Fiep- und Piep-Soundtrack der Spiele mit menschlicher Stimme vertont. Zuletzt wurde TETRIS nachgebaut. Außerdem gibt es noch SPACE INVADERS, bei dem die Menschen in den Theaterreihen so wunderbar wackeln, wie es damals die Pixel-Raumschiffe getan haben, und – natürlich – den Klassiker-Klassiker PONG.

Mein Liebling ist jedoch POLE POSITION. Nach wenigen Sekunden vergisst man, dass da Menschen in den Reihen herumrutschen, dann hinein in die Nachtfahrt und – crash – gegen die Wand! Wunderbar!

Ebenfalls auf der Seite des Künstlers befindet sich dieser TV-Werbespot für Pole Position aus dem Jahr 1982, der wirklich ein Augen- und Ohrenschmaus ist. Starke Mucke, hat man gleich Lust auf das Spiel. Sensationsheischender könnte man auch die Games von heute kaum bewerben. WROOOM! CRASH!

rinck_klein2.jpgDas war ein Weihnachtsgeschenk von meinen Eltern, ein bestelltes natürlich – Wunschzettel legen wir heute nicht mehr unter den abgewetzten Sessel (weil es den genausowenig mehr gibt wie das Wohnzimmer mit der Weichzeichner-Fototapete, in dem er stand), sondern versenden sie per Mail – und als ich es auspackte, sagte Mama, dass just dieses Buch sie auch interessierte (der Kookbooks-Gestalter Andreas Töpfer hat mal wieder was Wunderbares hingelegt). Sie schlugs also auf, nachdem ich ein wenig drin geblättert hatte, schlugs also auf auf Seite 54, las unter dem Titel „NZL“ die zeile „nutten zur literatur“ und freute sich daran (Adorno ist ihr, soweit ich weiß, kein deutlicher Begriff).
Lange Einleitung, kurzer Schluss: Monika Rincks „zum fernbleiben der umarmung“ von kookbooks war (neben Ann Cottens „Fremdwörterbuchsonetten“) im schon wieder vergangenen Jahr die interessanteste, klügste, lesenswerteste Lyrikpublikation. Bedacht, respektlos, gedankenvoll, sprunghaft, mit dem nötigen Schuss high-brow und Augenzwinkern. (Eine Leseprobe – „das gegenteil von verführung“ – gibt´s auf der kookbooks-Homepage.)
Und: Monika Rinck hat selbstredend eine Website, die da heißt Begriffsstudio und auf der eine Abo-Funktion zu finden ist. Wer sich dafür anmeldet, bekommt in unregelmäßigen Abständen (ich glaube monatlich) Listen mit neuen Begriffen geschickt, die da etwa lauten „die gnostische tendenz der kick-fraktion“ oder „teigige verzweiflungsreime“ oder „käsefondueschorle“ oder „psychoaktive fliederpflaster“ oder „die verlorene welt der verlorenen und wiedergefundenen tücher“ oder „suffering from Rilke Damage“ oder „heinz körper, der wärmende charakter aus dem zweiten stock“ oderoderoder. So schön!

weglassen ist von mir aus voll ok. Ich fand das eigtl. immer ganz praktisch, auch bei anderen Blogs, eben weil das ursprüngliche Fenster weiterhin offen blieb und ich nicht völlig den Überblick verloren hab. Wer um Himmels Willen fühlt sich denn dadurch bevormundet? Und vor allem warum?

Drei herausgegriffene Alben aus dem letzten Jahr. Die Auswahl ist streng subjektiv und erhebt keinerlei  Anspruch, exemplarisch sein zu wollen. Interessengesteuert, was auch sonst.

WeenErstens: “Ween, La Cucaracha”. Nach Jahren kamen die falschen Brüder Jean und Dean Ween mal wieder mit einem Album über, das sich so sehr von allem abgesetzt hat, was sonst so auf den Markt geworfen wurde, dass es eine Würdigung in Form eines Rückgriffs verdient. “Das beste Buch des Jahres 1981″, schrieb Peter Glaser 1984, “ist eine Schallplatte: ‘Monarchie und Alltag’ von Fehlfarben”. Wendet man dieses Bonmot auf “La Cucaracha” an, muss man gleichzeitig klar stellen, was das eigentlich bedeutet, das beste Buch war eine Platte. Es meint eigentlich nichts anderes als narrativen Mehrwert. Der narrative Mehrwert einer Ween-Platte ist beträchtlich, es gibt ihn hoch zwei. Einerseits wird auf der inhaltlichen Ebene so einiges verhandelt, vom Entstehen der Erde und der menschlichen Rasse bis zu dem Vergnügen, das man auf einer Party auch als verheiratetes Paar haben kann. Darüber hinaus gibt es auf der musikalischen Ebene Anekdoten und Schwänke: Was hat Heavy Metal mit Country zu tun, was Dub mit Pop? Ween fragen. (Kleiner Tipp: Es sind alles kleine Erzählungen im Kontext der Musikgeschichte, die die große Narration verneint.)

 burial-untrue1.jpgZweites Beispiel: “Burial, Untrue”. Wie war das noch einmal beim Punk? Die Energie ist es, die den Reiz der Sache ausmacht. Bei elektronischer Musik – und um die handelt es sich bei dem Londoner Musiker Burial – könnte man behaupten, es sei die Atmosphäre, die ausschlaggebend sei. Warum? Macht man das zweite Album des englischen Einzelgängers an, gibt man freiwillig eine große Portion Aufmerksamkeit ab. Es ist so atmosphärisch dicht, dass man innehält, in dem was man gerade tut und lauscht. Was man hören kann, ist recht schwer in Worte zu fassen: Viele Breaks, eines soulige Frauenstimme, analoges Knistern. Drum&Bass meets Trip Hop meets Dubstep meets Breakbeats meets, ja, was denn noch eigentlich? Gekonnt zusammengemischt ist das Ganze, Burial, atmosphärisch fett, mehr kann man kaum dazu sagen. Muss man hören.

jollygoods.jpegDrittes Beispiel: Zwei junge Frauen (16 und 19) aus der Provinz mit einem beknackten Namen: Jolly Goods. A play with words. Jolly good, also verdammt gut, wird zu zwei verdammt guten Gütern. Na ja. Egal, wichtiger ist das Projekt dahinter: Zwei angry young women. Lange nicht mehr gehabt. So “anti”, dass Spex gleich anhand von ihrem Debütalbum “Her.barium” den Neo-Grunge ausruft. Soweit wollen wir hier nicht gehen, aber Wut, ja, Wut und Radikalität kann man hören in den Songs von – Achtung, so heißen die wirklich – Angie und Tanja Pippi. Vielleicht hat sie der Name radikalisiert. Musikalisch ist dieses Projekt übrigens schwächer als haltungstechnisch. Aber Frauen mit einer Haltung werden belohnt, Gitarrespielen können sie ja noch üben. In Neukölln, da wohnen die beiden Schwestern jetzt nämlich.

So weit zur Popmusik, die wie immer gleichzeitig mit mehreren Liedern auf vielen Lippen aus dem Haus geht und hoffentlich nicht so schnell wieder heim kommt.

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