Archiv für Februar 2008

Über Jonathan Littells Roman “Die Wohlgesinnten” weiß ich beinahe alles, was man wissen muss. So weiß ich, dass es ein perverses Buch ist, geschrieben von einem Idioten, der zwar recherchiert hat, aber nicht schreiben kann, der den großen Tabubruch unternommen hat, ein Buch über den Holocaust aus der Täterperspektive zu schreiben, aber letzten Endes darin absolut gescheitert ist. Er hat nur Pornografie zustande gebracht, wo Reflexion angebracht gewesen wäre. Und überhaupt hat hat er wahrscheinlich, neben aller moralischen Verwerflichkeit, das schlechteste Buch der letzten tausend Jahre geschrieben, dieser perverse Kitschbruder, der einer noch perverseren Rassenideologie anhängen muss. Ich weiß das, weil ich bis zum Veröffentlichungstag des Buches am vergangenen Samstag eine Menge Rezensionen gelesen oder Berichte dazu im Fernsehen gesehen habe. Das Buch selbst kenne ich nicht. Wie auch?

Ich weiß aus diesen Rezensionen auch, dass man dieses Buch keinesfalls lesen darf. Es könnte beschädigen. Ich weiß das zum Beispiel von Iris Radisch aus der ZEIT. Auf eine Frage habe sie – “Pardon, chers amis français” – keine Antwort gefunden: “”Warum sollen wir dieses Buch eines schlecht schreibenden, von sexuellen Perversionen gebeutelten, einer elitären Rasseideologie und einem antiken Schicksalsglauben ergebenen gebildeten Idioten um Himmels willen dennoch lesen?” In Frankreich wurde das Buch als Riesenwurf gefeiert. Weiterhin weiß ich mittlerweile auch, dass man sich schämen müsste, das Buch jetzt, wo es möglich wäre, zu kaufen und zu lesen. Schließlich wird mir seit Wochen von einigen Zeitungen gleich mehrfach in jeweils seitenlangen Artikeln einhellig eingeprügelt, meine Finger von dem Buch zu lassen. Falls man dann an dem Buch bei allem Überfluss auch noch irgendeinen Aspekt wirklich diskussionswürdig fände und wenigstens einen Hauch Restmoral im Leib hätte, dann müsste man sich vorsichtshalber einweisen lassen. Natürlich übertreibe ich, doch wann hat man das letzte Mal eine so einhellige, mit moralischem Furor vorgetragene Abneigung gegen ein Buch mitbekommen? Was vor allem deshalb komisch ist, weil man nach dem ersten Totalverriss jeden weiteren beinahe mitsprechen konnte. Bizarr wirkt das dann in den kurzen Fernsehberichten, die in den News-Magazinen ja nicht fehlen dürfen. Nach dem Motto: neues Buch über NS-Zeit -> von ahnungslosem Deppen Anfang 30 –> pervers, außerdem KEIN Deutscher! –> Wer das liest, ist blöd. Fertig ist die Buchbesprechung, moralisch stromlinienförmig, mehr geht halt nicht im Fernsehen.

Ich will keine Lanze für dieses Buch brechen. Keinesfalls. Ich kenne es nicht und schon die Idee dazu erscheint mir fragwürdig. Und selbstverständlich soll und darf jeder Kritiker seine Meinung so deutlich sagen, wie es ihm nötig erscheint. In diesem Fall finde ich es nur komisch, dass das schon Wochen vor Erscheinen des Buches angefangen hat. “Wir haben den ersten Artikel und bevor ihr den ersten habt, haben wir schon den zweiten, der das Buch noch schlimmer findet. Und zur Not machen wir auch noch einen dritten dazu und außerdem haben wir auch noch einen Romancier am Start, der das Buch auch schon kennt.” Seltsame Zweischneidigkeit: Das Buch ekelhaft sensationsheischend finden, aber dann schon Wochen vorher eine Sensation daraus machen, die Schraube weiter drehen, bis überall nur noch Gift und Galle gespuckt wird und jeder, der wollte, schon schlimmste Grausamkeiten in Zitatform als Beleg für den Kitsch des Buches gelesen hat. Man nennt das Ganze dann wohl Debatte, die zu dem Zeitpunkt für beendet erklärt scheint, an dem das Buch auf dem Markt ist.

Einen lesenswerten Artikel zum Thema hat Klaus Theweleit unter dem Titel “Die jüdischen Zwillinge” in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am vergangenen Sonntag geschrieben. Überhaupt: Im Reading Room der FAZ kann man noch kräftig über dieses Buch diskutieren, Meinungen von wichtigen Menschen lesen und so weiter. Was wahrscheinlich daran liegt, dass die FAZ seit Anfang Februar den Roman exklusiv vorabdruckt. Daraus sollte man schon etwas machen. Und nochmals überhaupt: Bei der FAZ findet man das Buch gar nicht ganz so schlecht.

Vorgestern in John Rambo gewesen.
Am Eingang nur so lärmige Jungsgruppen mit Popcorn und Bier, da bekam ich schon Angst um meinen Filmgenuss, trotz phänomenaler Beinfreiheit im Metropol.
Zum Glück wurde dann dermassen laut und viel geschossen, dass sich die Sorge erübrigte.
Oder die relative Ruhe im Saal lag am Filmbeginn: furchtbare Bilder, Original Footage aus Burma. Die natürlich alles rechtfertigen, was dann später so veranstaltet wird; die gleiche Genozid- Argumentation wie schon immer. Aber das macht man ja wohl so heut, und die schmutzigen Hinrichtungsbilder später sind spätestens seit dem BMW-Spot von Iñarritú im Mainstream angekommen.
Stallone erscheint mir mit John Rambo wie Madonna: nix wirklich Neues, lediglich eine schlaue Mischung aus erprobten Mustern und aktuellen Strömungen – mit einer wirklich fetten Produktion dann aber doch eine Art state of the art. Erschütternde Brutalität mit der ehrlichen Küchenphilosophie des braven Kämpfers wider Willen – when you’re pushed, killing’s as easy as breathing.
Empfehlen will ich den Film nicht, zu widerlich war mir die Identifikation der Kamera mit dem Sadismus der burmesischen Schergen.
Aber eigentlich muss man ihn schon anschauen: die Figur des Rambo ist einfach grossartig, und nur Stallone kann sie spielen. Das versteinerte Gesicht, der Hundeblick, die Einsamkeit und die menschenverachtende Konsequenz.
Ein Kreis muss sich schliessen, heisst es in seinen Alpträumen von früher – in diesem Film kommt es tatsächlich dazu. Am Ende scheint Rambo seinen Frieden gefunden zu haben, und auch der Zuschauer ist versöhnt mit dem in Würde Gealterten.

Was Frau Stürmer zur EM gesanglich beitragen wird, ist immer noch nicht bekannt. Wir sind weiterhin gespannt, das hat sich nicht geändert seit dem Beitrag EM-Hymnen (Teil 1). Echt jetzt! Bekannt ist mittlerweile, dass Shaggy mit offiziellem UEFA-Siegel den EM-Song “Like A Superstar” verbrechen durfte. Der Song, ja mei, geht schon so einigermaßen. Ein paar Beats, Sprechgesang, nix zum Mitsingen, vielleicht ein wenig Hüftwackeln, als ob durch ein durchschnittliches Lied eines Karibik-Stars so etwas wie jamaikanisches Flair aufkommen könnte auf den nicht gerade für ihre Bombenstimmung bekannten Tribünen der Schweiz und Österreich. Das Video zum Song vernichtet diese kleine Hoffnung jedoch vollständig.

Die beiden EM-Maskottchen Karius und Baktus aka Trix und Flix schießen sich den offiziellen EM-Ball zu auf akurat gekämmten Bergwiesen, machen ein paar Hampelmann-Tricks, die mit Fußball gar nichts zu tun haben, bevor sie, getrieben von den Beats, zum Breakdancen anfangen. Im Hintergrund gibt es schneebedeckte Berggipfel zu bestaunen, alles in einer dermaßen flächigen, klinisch-reinen Computer-Animation präsentiert, die jegliche Hoffnung zunichte macht, dass diese Bergluft tatsächlich Sauerstoff zum Atmen enthalten könnte. Wie zum Beweis dribbeln sich die Maskottchen bald durch ein zwar brav um den zentralen Brunnen gebautes, jedoch völlig entvölkertes Bergdorf, das nur die Vermutung zulässt, man habe extra für die EM sämtliche Spuren menschlichen Lebens mit dem Kärcher entfernt. Was mit den Menschen selbst passiert ist, möchte man sich gar nicht mehr vorstellen. Schließlich finden Trix und Flix doch noch ihren Weg in ein scheinbar vollbesetztes Stadion: Zumindest das Blitzlichtgewitter auf den Rängen während des lächerlichen Maskottchen-Tanzes im Mittelkreis könnte darauf hindeuten, dass dort Menschen sitzen, und doch zeigt es erschreckend deutlich, wie man sich das ideale Fußball-Publikum vorstellt: als gesichtslose Masse von Jubelpersern, die ein wenig Hintergrundstimmung für das Fernsehen produziert, und wer “Arschloch” schreit, fliegt raus!

Es ist immer wieder erschreckend, dass Menschen, die sich doch eigentlich professionell mit der Produktion von Bildern beschäftigen, offensichtlich keine Idee davon haben, was sie da tun. Nicht den Hauch einer Ahnung von der Semiotik der Zeichen, aber Geld dafür bekommen! Und falls diese Menschen doch Bescheid wissen sollten, was ich in meinem unerschütterlichen Glauben an das Gute eigentlich ausschließe, dann ist so ein Video entweder zynisch oder wirklich gewollt bösartig. Das Video kann und sollte man sich hier auf youTube anschauen.

Die Reihe “EM-Hymnen” wird selbstverständlich fortgesetzt. Es gibt auch Gutes, ich bin mir sicher!

Einem bestimmten Gestus der Männlichkeit, sei’s der eigenen sei’s der anderer, gebührt Mißtrauen. Er drückt Unabhängigkeit, Sicherheit der Befehlsgewalt, die stillschweigende Verschworenheit aller Männer miteinander aus. (T.W. Adorno)

Munich, Bavariapark

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Dune_Avalon_Hill Zwar sind die Sechzigerjahre längst vorbei, da aber derzeit anscheinend jeder Mensch, auch wenn ihm nur das Verdienst zufällt, damals studiert zu haben, seine nichtige Meinung dazu öffentlich kundtun muss, habe auch ich etwas zu sagen, ohne damals schon studiert, geschweige denn überhaupt gelebt zu haben: Endlich ist mein Nachbau von Avalon Hills legendärem, längst vergriffenem Brettspiel Dune aus dem Jahre 1979 fertig. Mit den Sechzigern hat das nur insofern etwas zu tun, weil es auf Frank Herberts Science-Fiction-Epos Der Wüstenplanet basiert, das wohl ein sogenanntes Kultbuch der 68er gewesen sein soll. Kann das mal jemand demnächst öffentlich bestätigen? Ein guter Roman ist es allemal, auch wenn ich irgendwann im vierten Band zu lesen aufgehört habe.

Eine Heidenarbeit, dieses Brettspiel, meine Güte! Das ging nicht so einfach wie Twilight Struggle (Bastelstunden-Bericht hier). Ganz schön viel Geschnipsel und Laminieren. Aber nette Menschen haben im Dune-Eintrag auf boardgamegeek.com sämtliche Materialien, die es braucht, bereitgestellt, man muss sich nur das Richtige zusammensuchen. Hilfreich war da auch noch ein Podcast über Dune eines Menschen, der auf seinem Blog Print and Play Spiele bespricht, die man sich basteln kann und darf.

Natürlich geht es um die Vorherrschaft auf dem Wüstenplaneten. Bis zu sechs Parteien kämpfen um die “Melange”, um das Spice, das auf dem Planeten wächst und den Antrieb der Raumschiffe ermöglicht. The spice must flow, heißt es, sonst geht alles kaputt. Mir erscheint besonders interessant, dass jede Partei unterschiedliche Fähigkeiten mitbringt und deshalb jeweils vollkommen eigene Spielstrategien verfolgen muss. Die Spieler müssen Regionen des Planeten besetzen, dort das Spice abbauen und hoffen, dass weder Wüstensturm noch Riesen-Sandwürmer ihre Truppen vernichten und die Ernteerträge wegpusten bzw. aufessen. Unter gewissen Bedingungen dürfen Allianzen geschmiedet werden, am oder abseits des Spieltisches, an die es sich zu halten gilt, bis wieder ein sogenannter Nexus eintritt und neu verhandelt werden darf. Das Spiel scheint mir eine äußerst spannende Mischung zu bieten aus Strategie, Taktik und Diplomatie. Bin sehr gespannt auf die erste Proberunde. Die User-Besprechungen auf boardgamegeek sind größtenteils schwer begeistert und außerdem hat sich eine meiner Lieblingskapellen Giant Sand ursprünglich nach diesen Riesen-Sandwürmern benannt, bis irgendwann der -worms am Ende des Bandnamens wegfiel. Scheint ein Wahnsinnspiel zu sein. Muss ich bald man wieder David Lynchs Verfilmung anschauen. So zur Einstimmung. Zu Ende lesen werde ich diesen Schinken in diesem Leben nicht mehr. Bin ja kein 68er.

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