Archiv für Februar 2008

Seltsame Spiele liefert der FC Bayern zur Zeit ab. Gefällig über weite Strecken und dann fehlt doch immer wieder das letzte Quentchen. Eigentlich darf es doch gar keine Diskussion geben: Eine Mannschaft wie den FC Aberdeen muss man schlagen, auch auswärts, auch ohne Ribery und den ach so dynamischen Van Bommel, der meines Erachtens sowieso überschätzt wird. Mir gefällt das ruhige Spiel von Andreas Ottl eh wesentlich besser als dieses dämliche Getrete und Geschreie eines Van Bommel. Dank Ottl und Ze Roberto gab es für Aberdeen rein gar nichts zu melden im Mittelfeld und nach vorne ging doch auch was. Oder habe ich da ein anderes Spiel gesehen? Bayern ist in der zweiten Hälfte drückend überlegen, Torchancen gibt es zuhauf, bis Ottmar Hitzfeld sein eigenes Mittelfeld demontiert, indem er Podolski für Ze Roberto einwechselt! Ich dachte, ich sehe nicht recht. Verstehe einer diesen Ottmar! Wieso stellt man denn eine drückend überlegene Mannschaft taktisch um und macht das Mittelfeld auf? Das Führungstor war doch nur eine Frage der Zeit. Und prompt schafft es Aberdeen, das Spiel wieder vom eigenen Tor wegzuhalten. Es wirkt in letzter Zeit manchmal so, als wolle der FC Bayern gar nicht unbedingt gewinnen. Das Gefühl hatte ich, seit ich Fussball schaue, wirklich noch nie und das nervt! Es ehrt Hitzfeld ja, dass er sich tapfer vor seine Spieler stellt, aber schuldlos am zweiten Gegentor war Rensing sicher nicht und Schweinsteiger war keinesfalls einer der besten Bayern-Spieler, wie der Trainer nach dem Spiel konstatierte. Dann geht so ein Spiel, das man dominiert, am Ende also 2:2 aus durch einen Elfmeter, der auch nur glücklich im Nachschuss verwandelt wurde. Alle sind zufrieden, piep piep piep, das Heimspiel wird man schon irgendwie gewinnen und alles ist gut. Das ist so langweilig, echt wahr. Wie gesagt, das ist ja alles schön anzuschauen, aber kann man bitte, bitte einmal den Weg auch zu Ende gehen?

Manches war einem schon vorher klar – sobald man erst einmal davon gehört hat. Man hat vorher halt nie daran gedacht. So ging es mir mit der Tatsache, dass die Amerikaner irgendwo in ihrem großen Land ein Klein-Irak nachgebaut haben, um dort ihre Truppen zu schulen für den Kriegseinsatz. Eigentlich logisch.
Der Dokumentarfilm Full Battle Rattle von Tony Gerber und Jesse Moss, der in der Panorama-Sektion der Berlinale läuft, zeigt Leben und Arbeit in besagtem Pseudo-Irak mitten in der kalifornischen Mojave-Wüste. Hunderte Menschen leben dort in einem bombastischen, nicht endenen Live-Rollenspiel, das selbstverständlich nicht so, sondern Simulation genannt wird. Jede Armee-Einheit, die in den Irak verlegt werden soll, erhält dort erst einmal eine dreiwöchige Schulung. Von außen betrachtet wirkt das Ganze reichlich bizarr: Mit heiligem Ernst wird da zum Beispiel so getan, als ob der Sohn des Bürgermeisters von Terroristen hingerichtet worden wäre und die Amis jetzt helfen müssten. Also hinein ins Dorf, Verhöre, Kontrollen, Gespräche. Reporter laufen herum und produzieren eigene Zeitungen und Fernsehsendungen und kommentieren die Lage und das Vorgehen der Militärs. Für die Soldaten ist diese Simulation und nach wenigen Tagen auch die Identifikation damit total. Vor Gefechtsbeginn (man arbeitet mit Laser-Pointern) herrscht eine triste, angespannte Atmosphäre. Um gefallene Kameraden wird dann auch tatsächlich geweint, wohl mit dem Wissen im Hinterkopf, dass es das gewesen wäre, hätte der gleiche Vorfall vier Wochen später stattgefunden.
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so einsam hier.
seid ihr alle bei herrn kosslick?

Ich fass es nicht: meine Queste, alle 80er-Jahre-Filme aus dem ganz grossen Kino mir nach und nach reinzutun (weil, als ich jung war hatt ich ja kein Geld, erfüllte die Altersvorschriften nicht oder hatte keinen Freund mit VHS und Connections – und später dann musste ich ja Heroic Bloodshed gucken oder Neorealismo oder so) führt zunehmend in die eigene Vergangenheit. Soll ja auch so sein – wie stark man geprägt wurde, und wie lang das her ist, merkt man stets schon bei der ersten Zeile des Titelsongs.
Waren Perlen wie Top Gun (1986) oder Predator (1987) in den letzten Monaten ja noch wahre Entdeckungen für mich, so dreht sich diese Woche einiges im Kreis: sowohl bei Aliens (1986) wie bei Black Rain (1989) stellte ich jeweils am Schluss fest, dass ich das aus mehr als dem Trailer bereits kenne und also irgendwann schon mal gesehen haben muss… nur wann? Sicher nicht im Kino, und wann denn auf Video!? Und wieso merk ich das immer erst beim Showdown (der Kampf mit dem Exo-Roboter, die Töff-Jagd über matschige Äcker…), als gäb es sonst nix Einprägsames? Sieht man immer wieder mit anderen Augen, ist Kulturgut wirklich gar so formbar durch die Betrachtung?
Schöne Vorstellung, immer wieder aus dem Gleichen schöpfen zu können. Freu mich auf die Rente.

Irgendwie ist es ja auch ganz schön, wenn im Popjournalismus zur Abwechslung mal wieder etwas los ist. Lange genug hat er sich durch Anti-Hype-Marketing selbst in die Peripherie abgeschoben. Dass gerade etwas los ist, steht außer Frage: Momentan treiben die Musikkritiker die Londoner Band Hot Chip durchs Dorf.
Tobias Rapp, nachwachsender Pop-Grande, hat den Hype mit seinem Aufmacher vor (gefühlten) fünf Monaten in der Spex losgetreten und in den letzten Tagen trottete der Tagesjournalismus hinter her: Hot Chip sind Hot Shit und darüber hinaus wat janz Besonderes.
Geschmacksurteile stehen hier nicht zur Diskussion (wenn mich persönlich die nerdigen Briten mit ihrem neu erfundenen Schlaumischlumpf-Pop auch ein bisschen nerven) eher soll hier mal kurz Augenmerk auf das momentane Wesen des Hypes geworfen werden.
Auf den Titel mit der Band und dazu ein Artikel, der Attribute wie “vollkommen andersartig” oder “ganz neues Format” enthält: Das wirkt immer noch, auch oder gerade im Zeitalter der totalen Indifferenz durch die Differance. Darüber hinaus wird der Entschleunigung, dem trotzigen Geheimmotto der Musikkritik in Zeiten der musikalischen Allround-Verfügbarkeit, der Vorgriff zu Seite gestellt. Man schreibt also entweder über Alben, die seit Jahrzehnten im Regal versauern oder über die, die noch gar nicht erschienen sind.
Die Basis des Hypes wäre damit Beschaffung, Planung und Strategie. Plus der Kalkulation, dass die Meute dem präparierten Fuchs auch nachjagt. Zurückübersetzt: Dass die Journaille durch den Zeitvorsprung, den ihr der Vorgriff eingebracht hat, handwerklich besonders wohlgefällige Artikel schreibt, die dann die Einzelthese zum Hype adeln. Der Hype und der Schlaumeier gingen damit Hand in Hand, womit wir wieder bei der Band Hot Chip wären.

Zürich - MÜNCHEN - Berlin
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