Archiv für März 2008

Eine Meldung aus der Welt der Musik: Buback feierte am Freitag in der Berliner Volksbühne, dass es seit 20 Jahren ein linkes Hamburger Label ist und – Plakatslogan! – MEHR ALS EINE HOLDING. Eher so eine Art große Familie und so wurde die Nacht auch von Berlinern als “äußerst angenehm und extrem entspannend” empfunden. Zuerst gab es einen Film über Die goldenen Zitronen, dann kam Adolf Nosie, dann Ja König Ja und schließlich FSK, die jetzt auch auf Buback sind.
FSK waren mit Abstand der Höhepunkt des Abends. Adolf Noise hat genervt, auf jeden Fall mich. Er hatte einen Mundschutz auf, wie ein Chirurg oder Zahnarzt und man wußte nicht, wo er Bazillen vermutet: In der Musik, in der Halle oder bei den Fans. Die Musik war seltsam, driftend, intellektuell und irgendwie ich kann mir nicht helfen, der Sound eines Sucker MCs. Vielleicht bleibt DJ Koze tief in seinem Herzen doch ein Hip Hopper und antwortet derart subtil aggressiv auf Aggro Berlin.
Zu Ja König Ja kann ich nichts sagen, obwohl ich sie gehört habe. Und der Star von FSK – das reimt sich – war Michaela Melián, nicht ihr Mann. Sie hat ihre schönen braunen Haare vor ihr Gesicht gehängt und nur durch ihre Haltung zitiert. Meinecke hat dagegen seine Welt der unentrinnbaren Doppelcodierung so penetrant zur Schau gestellt, dass auch die wippende Hüfte die Peymannsche Performance nicht mehr rausreißen konnte.

Vor lauter Fußball-Tragik beim 3 zu 4 der Österreicher gegen die Niederlande ging Christina Stürmers Präsentation des offiziellen EM-Songs des ÖFB beinahe unter. Das lang erwartete Lied heißt “Fieber” und hat eigentlich überhaupt nichts mit Fußball zu tun: Da explodiert ein Thermometer vor lauter Siedepunkt. Schlafen könnte ein nicht näher bezeichnetes Du anscheinend immer. Trotzdem solle es wohl auf die Straße kommen, weil es in irgendetwas mittendrin sei, irgendetwas nicht weiter erklärtem Großen. Auf der Straße würden ihm dann Hunderttausend, die Fieber haben, auf Schritt und Tritt folgen. Bei irgendetwas soll es dann dabei sein, dann würde es mit allen anderen zusammen abheben und Emotionen erleben, denn alle seien frei oder so. Wobei das kleine Wörtchen “frei” tatsächlich die letzte Vokabel wäre, die mir einfiele, wollte ich die Rahmenbedingungen bei einer UEFA-Veranstaltung beschreiben. Aber wahrscheinlich geht’s gar nicht um die EM.

Eher kein großer Wurf, dieser Song von Christina Stürmer. In diesem Video-Schnipsel springen ein paar angemalte Menschen herum, als wäre Fasching. Irgendwann soll es wohl noch eine Version mit Stadionchören geben. Aber eigentlich sind wir da jetzt nicht mehr gespannt darauf. Fieber – da lachen ja die Hühner!

Mich an Jürgen Klinsmann als neuen Bayern-Trainer zu gewöhnen, fällt mir auch jetzt noch schwer. Mag die halbe Republik auch jubeln und die Bayern für einen Coup feiern, halte ich es trotzdem eher mit der ausländischen Presse, die bei der Bekanntgabe der Verpflichtung größtenteils skeptisch, wenn nicht gar höhnisch reagierte. Irgendwie scheint mit dieser Verpflichtung die Zeit von Uli Hoeneß als Kopf und Herz des FC Bayern zu Ende zu gehen und die schleichende Rummeniggesierung des Clubs voranzuschreiten. Man kann Hoeneß ja vieles nachsagen, aber eines ist er mit Sicherheit nicht: ein aalglatter, eiskalter Unternehmensberater-Typ. Und trotz allem sportlichen und finanziellen Erfolgs war der FC Bayern eines nie: ein herzloser Großclub – auch wenn Willi Lemke in den 80ern als Manager von Werder Bremen mit Vehemenz versuchte, einen reichlich heuchlerischen Klassenkampf zu inszenieren.

Noch dauert es ja geraume Zeit, bis Klinsmann seinen Dienst antritt, doch die Richtung seines Wirkens wird jetzt schon immer klarer und ist doch wenig überraschend in Anbetracht seines Unternehmensberater-Wortschatzes. Das Wenige, was noch echter Fußballverein ist, soll nun endgültig zu einem reinen Kapitalunternehmen umgebaut werden. Langsam beginnt man damit, die Fans darauf vorzubereiten, dass sie zukünftig nichts mehr beim Training zu suchen hätten. Herrn Klinsmann wäre es lieber, man würde unter Aussschluss der Öffentlichkeit trainieren, was so bei Bayern München bisher nur beim Abschlusstraining oder in wenigen anderen Ausnahmefällen der Fall war. Es mag ja eine Menge guter Gründe für diese Maßnahme geben: Konzentration, Ruhe, Verhinderung von Spionage und und – und die anderen Spitzenclubs wie Chelsea, Barcelona, Arsenal und Madrid würden das ja auch so machen.

Zur Säbener Straße in München pilgern tägliche hunderte Menschen, darunter viele Gäste aus dem Ausland, um am Zaun zu stehen, ein Autogramm von Schweini zu ergattern und einfach ein paar Tricks von Ribery aus der Nähe zu sehen. Es riecht nach frisch gemähtem Gras und wenn es regnet, wird man beim Zuschauen nass. Das wird gerne vergessen, aber so ist das manchmal beim Fußball. Das Trainingsgelände an der Säbener Straße ist der letzte Ort, an dem man als Fan tatsächlich noch das Gefühl bekommt, es würde auch beim FC Bayern ein wenig so Fußball gespielt, wie er überall in den unteren Ligen – selbstredend auf einem technisch wesentlich höherem Niveau, disziplinierter und artifizieller, aber dennoch: Fußball.

Zur Säbener Straße kann jeder gehen, in die Allianz Arena nicht. Auf Monate hinaus sind die Spiele dort ausverkauft und spätestens, wenn man diese Stadion-Chipkarte braucht, um einen überteuerten Schluck Dünnbier zu erwerben, während einem die Ohren weh tun, weil der nächste Sponsoren-Jingle durchs Stadion brüllt, wünscht man sich sowieso, insgeheim und wider besseres Wissen, ganz weit weg, an die Alte Försterei zu Union Berlin oder sonst wohin. Fußball ist Ware, Spieler sind Popstars. Je exklusiver, desto spektakulärer und teurer zu vermarkten. Was für ein Event in Zukunft, einen Herrn Schweinsteiger aus dem Bus steigen zu sehen, wie er einmal winkt und dann im Hochsicherheitstrakt des Vereins verschwindet! Den Rest wird man dann vielleicht auf fcb.tv gegen Bezahlung sehen können. Wir werden sehen.

Hoeneß hat bereits angekündigt, seinen Platz auf der Trainerbank in der kommenden Saison aufzugeben, Rummenigge wird weiterhin an den Allmachtsfantasien des Clubs feilen und Klinsmann wird endgültig die letzten charmanten Eigenheiten des FC Bayern schmirgeln und glätten. Teambuilding auf amerikanische Art. Leistung, Leistung, Leistung – alles andere egal!

Und immer wieder wird ausgerechnet dieses gesichtslose und mäßig erfolgreiche Chelsea London als großes Vorbild für alles angeführt. Aber so wird es eben aussehen, wenn man sich Unternehmensberater als Heilsbringer ins Haus holt.

Nachtrag (28.3.): Der FC Bayern lässt hier auf seiner Homepage verlauten: Es werde weiterhin öffentliches Training an der Säbener Straße geben.

Man wirft das ja leicht mal jemandem vor, wenn er seine User dazu benutzt, Werbung zu machen, also: den content zu generaten, für den eigentlich derjenige, der daran verdient, sorgen müsste. Nur: “Tubuk” kann man das einfach nicht vorwerfen. Weil “Tubuk” eben auf der richtigen Seite steht.
So lange nun reden alle schon vom “Long Tail”, dass man sich ehrlich fragen muss, wieso “Tubuk” nicht schon längst erfunden wurde. Egal, jetzt gibt es den wählerischen Onlinevertrieb mit integrierter Social Community ja endlich: “Tubuk” verkauft “nicht jedes Buch”, wie der Slogan frech wie stolz behauptet. “Wir vertreiben”, heißt es da (zugegeben: etwas hip-pathetisch),

ganz bewusst junge, innovative Bücher abseits des Massenbetriebs, abseits der gehypten Bestsellerlisten. Bücher mit Anspruch an inhaltliche und ästhetische Qualität. Bücher, die es schwer haben, in die Thalia-, Weltbild- und Hugendubel-Filialen zu gelangen, die aber trotzdem ihren Weg zum Leser finden sollten. Weil sie intelligent sind, weil sie schön sind und weil sie begeistern.

Bereits angeschlossen haben sich dem Portal, das der Schwarzerfreitag-Verleger Andreas Freitag ins Leben rief, die Verlage kookbooks, bilger, blumenbar, Luftschacht, Lilienfeld, orange-press und so weiter und so weiter. Wie gesagt: “Tubuk” steht eben auf der richtigen Seite. Und hübsch wie übersichtlich aufgemacht ist´s auch noch:
tubuk.JPG

Von der Weltwirtschaft, dem internationalen Kreditwesen, Börsenspekulationen und all dem Zeug verstehe ich ja leider nicht allzu viel, weshalb ich jedoch manches Mal gierig aufsauge, was man mir darüber mitteilt. Wenn dann noch der Begriff “Ethik” dazu kommt, dann merke ich, dass ich noch viel, viel lernen muss. Nikolaus Piper etwa schrieb am Dienstag in der SZ in seinem Artikel “Notenbank als Nothelfer” einen Absatz und seitdem grüble ich:

Das Scheitern gehört zum Kapitalismus ebenso sehr wie der Erfolg. Exorbitante Gewinne sind ethisch nur dann gerechtfertigt, wenn derjenige, der auf eine Vervielfachung seines Einsatzes an der Börse spekuliert, dabei auch den Komplettverlust seines Vermögens riskiert. Disziplin in Finanzdingen und Vertragstreue sind nur dann zugesichert, wenn Investoren nicht damit rechnen können, dass Vater Staat ihnen notfalls mit dem Geld der Steuerzahler zu Hilfe kommt.

Natürlich weiß man sofort, was gemeint ist: Wenn einer Scheiße baut, sollen die anderen das nicht ausbaden müssen. Wie wahr! Liest sich gut! Aber eine lustige Logik liegt diesem Satz dann doch zugrunde: Exorbitante Gewinne (man hat also schon gewonnen, davon wird einfach mal so implizit ausgegangen) sind ethisch gerechtfertigt, wenn man ja auch alles hätte verlieren können. Wenn der Fall allerdings andersherum eintritt, müsste diese Ethik – zumindest nach meinem Verständnis – immer noch gelten: Der Gesamtverlust des Vermögens ist ethisch gerechtfertigt, weil man exorbitante Gewinne hätte einstreichen können. Das steht in dem Text natürlich nicht in diese Richtung gedreht, obwohl es eben nicht um exorbitante Gewinne geht, sondern um den Zusammenbruch der Investmentbank Bear Stearns, also um einen Totalverlust eines Vermögens. Der Haken nur: Bear Stearns darf anscheinend keinen Totalverlust des Vermögens erleiden, weil sonst – sorry – jene gebaute Scheiße gewaltig am Dampfen wäre.

Ethik und Wirtschaft – da wird dann im Zweifelsfall immer so getan, als ob es um zwei Schulkinder ginge, die um ihr 1-Euro-Pausengeld gewettet haben. Komplett-Verlust des Vermögens, selber schuld – und die Lehrerin sollte keinesfalls Geld in der Klasse einsammeln, wenn der Verlierer weint. Aus Disziplingründen.

War es gerechtfertigt, jener Bank mit einem 30-Milliarden-Dollar-Kredit unter die Arme zu greifen, wie das die amerikanische Notenbank getan hat? Das wird eigentlich in diesem Artikel diskutiert. Die Antwort des Autors lautet: Ja, “wegen der zentralen Rolle der Investmentbank im Finanzsystem”. Andernfalls hätte die Gefahr einer globalen Wirtschaftskrise bestanden. Irgendwoher mussten also riesige Mengen Geld kommen, um eine Katastrophe zu verhindern. Keine andere Möglichkeit.

Natürlich ist Nikolaus Piper nicht der Meinung, dass da die Leute von Bear Stearns ethisch, verantwortlich und kompetent gearbeitet hätten. Eben genau nicht. Aber um sich überhaupt darüber aufregen zu können, muss er doch unterstellen, man habe bei Bear Stearns gewusst, dass im Falle eines Scheiterns andere dafür einspringen. Jedoch kämen ja auch die Eigentümer nicht straflos davon. Ihr Vermögen sei auf einen Bruchteil geschrumpft. Das sie das gewollt haben, kann man beim besten Willen wohl nicht unterstellen Sie haben sich also schlicht und einfach verspekuliert, in dem sie den Totalverlust des Bankvermögens riskiert haben.

Ich frage mich nur, wie es jemals ethisch gerechtfertigt sein könnte, wenn so eine Bank einen totalen Niedergang riskiert, auch wenn die Gewinne noch so exorbitant sein könnten. Ein Zusammenbruch darf im globalen Wirtschaftsgefüge ja anscheinend nicht passieren. Irgendjemand muss immer dafür zahlen, um irgendwelche Katastrophen zu verhindern. Das passiert im Normalfall im Nachhinein, wenn das Risiko zur Realität wurde. Und trotzdem werden von den Wirtschaftsjournalisten immer wieder diese stereotypen Sätze der Sorte wie “Der Markt regelt sich selbst”, “Das Scheitern gehört zum Kapitalismus ebenso sehr wie der Erfolg”, “Exorbitante Gewinne sind gerechtfertigt, wenn der Totalverlust riskiert wird”, usw … herausgekramt, um die beweisen, wie wichtig eine besonders liberale Wirtschaftspolitik sei, obwohl man einen ganzen Artikel darüber schreibt, was für ein Quatsch das oft in der Realität ist und mit jener meist gar nichts zu tun hat. Aber ich lerne ja noch.

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