Archiv für März 2008

Das Schöne an den Wissensteilen deutscher Zeitungen ist dieses kurze Aha-Aha-Gefühl nach dem Lesen – am Frühstückstisch, wenn das Panorama mal wieder arg langweilig ist und man sich noch im Halbschlaf befindet. Letztes Wochenende wurden mal wieder Fußball-Mythen zerstört durch alle Macht der Mathematik. Zwei Wissenschaftler haben bei der Jahrestagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft ihre Untersuchungen vorgestellt und wollen Sensationelles entdeckt haben. Ob sie in ihren Studien Fußball-Mythen tatsächlich zerstört haben, weiß ich nicht. Ich kenne die Original-Studien nicht. Aber ich habe mich informiert, aus der Zeitung. Ich habe die Wissensseite der SZ gelesen.

„Zerstörte Bundesliga-Mythen“ heißt es da und ich lese: So etwas wie die viel beschworene Siegesserie einer Mannschaft gebe es gar nicht. Nach vier siegreichen Spielen sei es mitnichten wahrscheinlicher, dass eine Mannschaft auch das fünfte gewinnen würde. Eine Mannschaft würde nach vier siegreichen Spielen im Schnitt sogar schlechter spielen als es ihrer Leistunsgfähigkeit entspreche, heißt es da. Und gleich im Anschluss: „Diese Normalform hat der Physiker als mehrjähriges Mittel über die Platzierung am Saisonende berechnet.“ Ich habe länger über diesen Satz gegrübelt, bis ich mir jetzt beinahe sicher bin, mit „Normalform“ ist tatsächlich die Form einer Mannschaft gemeint und nicht etwa irgendeine mathematische Normalform oder die aus der Spieltheorie. Vielleicht täusche ich mich da aber auch. Egal. Mir scheinen da andere, wirklich relevante Faktoren nicht vorzukommen, etwa die Überlegung: Gegen welche Mannschaften wurde denn überhaupt gewonnen, wenn eine Siegesserie von vier Spielen hingelegt wurde? Gegen Bielefeld, Duisburg, Cottbus und Hinterhugeldapfing? Falls ja, dann würde die Wahrscheinlichkeit, mal wieder auf einen starken Gegner zu treffen, von Spiel zu Spiel größer. Ergo: Die Wahrscheinlichkeit einer Niederlage wird auch größer. Die Gründe für das Ende einer Siegesserie, die im Artikel angeführt werden, sind dann reine Psychologie: Übermut, Motivation des Gegners und solche Sachen. Es liest sich immer so toll, „mathematisch wurde bewiesen“. Mir leuchtet es zumindest nicht ein, Siegesserien zu untersuchen, ohne die Umstände des Zustandekommens derselben zu berücksichtigen. Ich kann da beim besten Willen keinen Erkenntnisgewinn sehen. Vielleicht haben in vielen Fällen Bayern München oder Werder Bremen diese Serie einfach beendet.

Auch folgender Punkt bleibt mir weitgehend schleierhaft: Auch der Zufall entscheide, wer auf- bzw. absteigt – so die These. Alle nicken, weil es einfach so ist. Im Fußball spielt Glück keine kleine Rolle. Um das zu beweisen, spielten am Computer 18 exakt gleich starke Mannschaften eine Saison komplett durch – sogar mehrmals. Die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen oder zu verlieren, war für jeden Mannschaft exakt gleich groß, lese ich in dem Artikel. Also 50 zu 50, wobei ich nicht entnehmen kann, wie diese Spiele durchgespielt wurden: simuliert durch zwei gleichstarke KI-Programme? Gelost? Eigentlich dürfte das ja im Endeffekt auch keine Rolle spielen: 50 zu 50. (Unentschieden werden im Artikel nicht weiter erwähnt. Also gehe ich davon aus, dass es keine gibt.) Das Ergebnis: Jedes Mal gab es am Ende der Saison Mannschaften die etwa 65 Punkte hatten und Mannschaften, die nur 35 Punkte hatten. Also habe der Zufall seine Hände im Spiel und bestimme, wer auf- und absteigt. Und ich verstehe es wieder nicht! Selbstverständlich entscheidet der Zufall Spiele, wenn ich jedes Spiele zufällig 50 zu 50 entscheide! Von entwaffnender Schlichtheit ist jener Satz: “Rein intuitiv wäre bei dieser Konstellation zu erwarten, dass am Ende der Spielzeit sämtliche Mannschaften die gleiche Punktzahl haben, schließlich sind alle gleich stark.” Nein. Wirklich nicht! Auch nicht rein intuitiv! Ich erwarte zum Beispiel auch nicht rein intuitiv, dass ich bei sechsmaligem Würfeln die Zahlen 1 bis 6 bekomme, nur weil jede Zahl mit gleicher Wahrscheinlichkeit auftreten müsste. Ist an dem Saisonbeispiel irgendetwas anders? Übersehe ich da etwas? Stehe ich auf dem Schlauch? Hansbap, hilf! Aber ich denke nicht. Aus dem Artikel kann ich nichts anderes entnehmen und wundere mich, dass man so etwas erforscht und hoffe inständig, dass der Autor des Artikels mir vereinfachtes Zeug erzählt.

Und prompt macht auch die Realität einen Strick durch diese Rechnung: “Dass neben dem Zufall auch Können im Spiel ist, zeigen die Tabellen der vergangenen Jahre. In der Bundesliga hatte der Meister am Ende meist mindestens 70 Punkte; der Letzte lag unter 30. Nur so ist angesichts einer Tabellen-Lotterie zu erklären, dass Teams wie Bayern München und Werder Bremen sich über Jahre oder gar Jahrzehnte an der Spitze halten können” Tja. es scheint doch kein Zufall zu sein, dass der FC Bayern deutscher Rekordmeister ist, während der FC Holzkirchen nur in der Bezirksoberliga spielt. Manche Mannschaften würden sich aus dem Sumpf des Zufalls immer wieder herausziehen können, heißt es da. „Teams wie Bayern und Werder müssen also über die letzten Jahre vieles richtig gemacht haben“, wird der Wissenschaftler zitiert.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben sie ihre Spiele nicht ausgewürfelt.

Man muss sowas von froh sein, in welche Stadt man geboren wurde! Kann mir das gar nicht vorstellen, was ich gerade als Gelsenkirchener machen würde. Kann ja zu Hause Champions League und ähnliches gucken. Also gerade kämpft sich Schalke in Porto möglicherweise ins Viertelfinale des Landesmeisterwettbewerbs. Aber so ein schlechtes Spiel habe ich wohl noch nie in meinem Leben gesehen. Auweija, jetzt trifft auch noch so ein Sträflings-Portugiese, fünf Minuten vor Schluss – jetzt gibt’s wahrscheinlich Verlängerung und ich muss mir das noch eine halbe Stunde länger anschauen! Weil Hinspiel war ja 1:0 für Schalke. Ich guck’s halt wegen einziger deutscher Mannschaft, und Spannung, und so. Aber da läuft wirklich kein einziger kompletter Angriff. Immer stolpert irgendwer am Ball vorbei. Die Portugiesen wollen tricksen, die Schalker rennen. Aber gar nichts klappt. Auch der Schiri ist ein Totalausfall… Als UEFA-Cup-Spiel hätt’ ich längst den Stecker raus gezogen… Mann, jetzt hat Schalke sogar noch eine top Chance. Kläglich vergeben.

Aber das alles ist bestimmt die Strafe dafür, dass gestern Milan gegen Arsenal teilweise echt unglaublich war. Da gab’s zwar auch massenweise Ballverluste, aber nur, weil zwanzig sowas von schnelle und technisch erstklassige Spieler auf dem Platz waren, und einfach immer wieder einer noch schneller geschaltet hat, als sein Gegner. (Dieser Quaresma mit seinen Hackenvorlagen geht mir gerade total auf die Nerven) Kaka schien am Anfang Arsenal allein zu zerlegen. Dann aber die Wenger-Boys: Passspiel ohne Punkt und Komma. Wahnsinn.
Aber jetzt zur Verlängerung…

Weils so nett ist:
while(!asleep()) sheep++;
(bash.org)

Gestern war ich bei einer Lesung von William Gibson und erstaunt darüber, wie sophisticated der Autor von “Neuromancer” war. Er sah ein wenig aus wie Hans Beimer aus der Linderstraße, nur eleganter, und plauderte sehr amüsant darüber, dass Science Fictions eigentlich immer in der Gegenwart spielen würden (1984 also 1948) und er der Meinung sei, heute würden wir alle im Cyberspace leben und “irgendwo draußen” sei die Real World. Sein neuer Roman “Quellcode” wurde auch vorgestellt – nicht schlecht fand ich die Idee der GPS – Kunst. Grob gesagt ging es um virtuelle Kunstwerke, die man nur mit einem Zusatzgerät auf dem Handy sehen kann. Beispielswiese ein Denkmal für River Phoenix auf dem Hollywood Boulevard. Ansonsten ging es noch um Expatriots und Musikjournalistinnen und auf die Frage, warum eigentlich alle immer Angst hätten in seinen Romanen, meinte Gibson, die Idee, Menschen hätten in der heutigen Zeit keine Angst, ginge über seine Vorstellungskraft.

Dass ich momentan das Gefühl habe, eine neue Bewusstseinsstufe erreicht zu haben, liegt einerseits an Lars Jensen, andererseits am Sturmtief Emma. Erstgenannter hat vor ein paar Wochen in der FAS einen Artikel über die Fernsehserie “The Wire” geschrieben, der mir als ausgesprochenem Fan von Cop-Filmen gar keine andere Möglichkeit lies, als mir diese Serie schleunigst zu besorgen, um mit eigenen Augen zu sehen. Emma dagegen hat mir durch ihr Wüten draußen vor der Wohnungstür die nötige innere Ruhe gegönnt, um stundenlang ohne schlechtes Gewissen vor dem Fernseher sitzen zu können und die erste Staffel am Wochenende durchzusehen. Kurzes Resümee: Ich werde auch die Staffeln zwei, drei, vier und fünf anschauen – und zwar komplett, was ich bei keiner anderen Fernsehserie bisher getan habe, weil mich Serien im Normalfall einfach langweilen und ich im Fernsehen bisher beim besten Willen keinen recht viel größeren Sinn sehen konnte, als mir ab und an Fußballspiele (ehrlicher: fast jedes) anzuschauen. Natürlich hat auch “The Wire” so gut wie gar nichts mit dem deutschen Fernsehen zu tun. Die Serie wurde vom amerikanischen Privatsender HBO produziert. Und selbst wenn einer dieser deutschen Privatsender diese Serie zeigen würde, könnte ich es nur unter Schmerzen ertragen, weil ich diese dauernden Werbeunterbrechungen nicht aushalten kann, wie ich bei meinem Fernsehversuch mit “24” einfach einsehen musste. Ich habe doch keine Lust, mir alle zehn Minuten mit voller Grausamkeit zeigen zu lassen, was ich für diese Menschen bin: Quotendepp für Werbekunden. Aber es geht ja hier um “The Wire” und nicht um RTL.

Tatsächlich musste ich einsehen, was vielleicht altbekannt ist, mir ignorantem Cineasten allerdings bisher wie ein Lippenbekenntnis erschien: Es könnte tatsächlich ein Fernsehen geben, das in mancher Weise dem Kino überlegen ist. Banal? Kann sein. Für mich ist das beinahe weltbild-erschütternd. Man kann tatsächlich über dreizehn Stunden eine mordskomplexe Geschichte erzählen, ohne jedes Mal zu Beginn zusammenfassen zu müssen, was bisher passiert ist. Man kann Charaktere derart entwickeln, dass sich ganz nebenbei komplexe, changierende Persönlichkeiten ergeben, die je nach Situation sympathisch erscheinen, dann jedoch wieder äußerst fragwürdig. Man kann tägliche Basis-Polizeiarbeit mit komplizierten politischen Machtspielchen verschränken, Intrigen, Ränkeschmiedereien, Druck und Gegendruck entwickeln, ohne dabei den Plot geschweige denn die Glaubwürdigkeit zu verlieren. Schwer beeindruckend, wie hier die Rädchen ineinander greifen, wie langfristig angelegte Subplots später Bedeutung bekommen, wie Hauptplots sich in Luft auflösen und man sich ähnlich gefrustet wie jene Polizeieinheit fühlt, weil ein scheinbar erfolgsversprechender, mit großem Ermittlungsaufwand angelegter Weg in eine Sackgasse mündet. Wahrscheinlich funktionieren gute Serien immer so. Vielleicht habe ich einfach noch keine mit genug Ausdauer angeschaut. Sonst würde mir jetzt vielleicht nicht gar so ein Licht aufgehen. Egal! Mein Problem. “The Wire” (Wikipedia) ist zumindest, soweit ich das nach Staffel 1 einschätzen kann, sensationell. “Copy that!”, wie wir Baltimore-Cops zu sagen pflegen. Check’s halt!

 neuer 1 2 3
Zürich - MÜNCHEN - Berlin
  • Musste auch gesagt werden

This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Germany.