Archiv für April 2008

Welche sprachlichen Versatzstücke braucht man, um einen EM-Song zu fabrizieren, der so voller Klischees steckt, dass man kaum noch glauben mag, dass das ernst gemeint sein kann?

Ich fange mal an: Europameister, Fußballwunder geht weiter, Trikot an, 12. Mann, wollen euch kämpfen sehen, können alles drehen, gehen in die Geschichte ein, Helden sein, Stadion kocht, Fußballgott, Ziel nicht fern, Wunder von Bern undsoweiterundsofort ….

All das kommt im Song “Helden 2008″ von der Gruppe revolverheld vor. Deren Sänger gibt in jedem Refrain ein AHHH-AAAAHH-AAAAH von sich, das an Zahnschmerzen erinnert oder an einen saftigen Tritt in die Klöten. Bei aller Liebe – aber daran musste ich sofort denken. Später gibt’s dann noch das Sample einer Live-Reportage vom EM-Finale 1996: Bierhoff trifft und so weiter. Aber irgendwie finde ich gleich den ersten Strophensatz besonders bezeichnend: “Es geht wieder los”. Als ob es zwei Jahre lang keinen Fußball gegeben hätte. Also alle wieder los! Public Viewing! Ein bisschen Fahne schwenken, “positiver Patriotismus” und so und alle zusammen: AHHH-AAAAHH-AAAAH auf der “Fan”-Meile. AHHH-AAAAHH-AAAAUUAH!!!! AHHH-AAAAHH-AAAAH! AUAAUAAUA! Wer war denn eigentlich dieser Bierhoff? Gibt’s noch Golden Goal? Das Zielpublikum ist klar, doch selbst diesem hätte man gewünscht, dass es nicht als gar so hohl eingeschätzt würde von den Machern dieses Lieds.

Eigentlich kaum erwähnenswert ist dann die Tatsache, dass der DFB so etwas gleich zu seinem offiziellen EM-Song 2008 kürt. Hier kann man das Lied anhören. Zum besten EM-Song 2008 wurde das Lied auf bild.de gewählt. Na dann, Prost!

Aus der Reihe ‘Mein Computer spricht zu mir, aber ich verstehe kein Wort':
the neverending internet

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Dieser Sommer wird ein Pynchon-Sommer auf zweitens-magazin. Soeben ist “Gegen den Tag” auf Deutsch erschienen.

Am Sonntag habe ich angefangen zu lesen. Die Bedingungen waren perfekt, wie ich finde. Ich saß im Biergarten am Chinesischen Turm. Das Wetter war wunderbar, eine Russenmaß stand vor mir, die Blasmusik spielte und die Bayernfans tranken sich warm für das Spitzenspiel gegen den VfB Stuttgart. Weit bin ich noch nicht gekommen, aber nach wenigen Seiten hat mich schon wieder dieses seltsame Pynchon-Reisefieber ergriffen. Wie wird die Welt danach aussehen?

Wir werden in den nächsten Wochen, vielleicht auch Monaten, versuchen, dieses zu Buch lesen und (hoffentlich) regelmäßig hier auf zweitens-magazin über unseren Lesetrip schreiben: Anmerkungen, Gedanken, vielleicht auch nur ein paar Sätze als Zitat, wenn sie uns besonders gut gefallen. Der Spaß daran ist das Wichtigste. Und wenn es nur bei dieser – zugegebenermaßen etwas großspurigen – Absichtserklärung bleiben sollte – auch egal! Nebenbei: Gemeinsam ein Buch lesen – wann hat man das zuletzt getan? Man sollte es zumindest mal wieder versuchen. Vielleicht hat ja auch der eine oder andere Leser dieses Blogs Lust dazu.

“Es wirken mit: Anarchisten, Ballonfahrer, Spieler, Industriekapitäne, Drogenenthusiasten, Unschuldige und Dekadente, Mathematiker, verrückte Wissenschaftler, Schamanen, Psychotiker, Zauberkünstler, Spione, Detektive, Abenteuerinnen und Auftragskiller” – so Pynchon selbst.

Was könnte man noch mehr wollen?

Dem Plattenladen meines Vertrauens ist mal wieder zu danken, denn er hat eine junge Folkdame aus Kalifornien erst auf CD aufgetrieben und bringt sie jetzt am Dienstag sogar in München auch noch auf die Bühne. Alela Diane heißt sie und macht unaufgeregte Musik, hauptsächlich mit der Gitarre und ein paar wenigen weiteren akustischen Instrumenten. Teilweise sind es bluesige Südstaaten-Nummern und manchmal singt die ganze Großfamilie mit. Der eigenartige Gospel-Einschlag und die starke Stimme sind auch beim oftmaligen Hören immer noch faszinierend. Alela Diane tappt immer haarscharf an der Hippie-Falle vorbei und hat genug Reibungspotenzial, um in der Presse schon mit Cat Power und Joanna Newsom verglichen zu werden. Könnte also bald groß rauskommen, die 25-Jährige. Mal sehen. Auf jeden Fall macht sie ihre Sache wirklich gut. Und singt im Rahmen der 5-Jahre Resonanz-Jubiläum-Feier in der Roten Sonne. Am Mittwoch dann auch in Berlin. Mit Mariee Sioux ist auch noch eine weitere neue Folkfee dabei. Die mir persönlich aber doch etwas zu süßlich ist.

Alela Diane hat hier ihre Homebase und hier gibt’s was zu hören und sehen. „The Rifle“ von ihrer bisher einzigen hierzulande erhältlichen Platte „The Pirate’s Gospel“ ist zu empfehlen. Mariee Sioux gibt’s hier.

München, Gärtnerplatz

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Zürich - MÜNCHEN - Berlin
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