Archiv für April 2008

“Die Hymne der modernen Frau” wird “Mercy” in den Medien genannt. Befremdlich, denn nichts ist an dem Hit der Waliserin “Duffy” zeitgemäß. Weder der Song selbst, der ein Motown-Hit aus den Sechzigern sein könnte, noch die Message, die einem Roman aus dem 19. Jahrhundert entnommen sein könnte, noch die Videoästhetik. Gerade diese könnte aber auf einem interessanten neuen Marketingprinzip basieren, das sehr viel mit Vintage zu tun haben könnte: Das UK-Video zu „Mercy“ – so die hier vertretene These – würde es ohne You Tube so nicht geben: Eine neue Form der Video-Intertextualität bildet sich heraus.
Auf You Tube gibt es nämlich ziemlich viele Original Videos zu dem alten Wigan Casino, oftmals aus alten BBC-Sendungen. Schaut man sich die ersten paar Minuten der Dokumentation an, dann zeigt sie sofort den Innenraum des Casinos und später, wie die Jungs tanzen – in Zeitlupe. Diese Endsiebziger-Nordengland-Ästhetik wurde nun verwendet, um dem Vintage-Look in Duffys Hitvideo hinzubekommen. Und was soll man sagen: Es funktioniert.
Hauptsächlich liegt das daran, dass der Fokus des Videos nicht auf der Sängerin, sondern auf den Bewegungen der Tänzer liegt, deren Backspins und Do the Dog Moves stilistisch einwandfrei in Szene gesetzt werden – ebenfalls in Zeitlupe. Schön ist auch dieses diffus Nebelhafte in der Luft – gern möchte man glauben, dass es sich dabei um Talkum Puder handelt, es könnte aber auch das Sphärenhafte vergangener Epochen signalisieren. In der Dokumentation brauchen sie dieses visuelle Raunen nicht. Streiten kann man sich über das kleine Logo, das auf dem Polohemd des einen Mod-Models zu sehen ist, denn dabei handelt es sich eindeutig um einen Fred Perry-Lorbeerkranz. Stimmt ja, dass bei einem schönen glatten Mod-Look das Fred Perry-Polohemd genauso dazu gehört wie das karierte Button Down Hemd und die Kotletten – allerdings hinterlässt es bei dem Video einen schalen Beigeschmack: Sponsering? Schleichwerbung?
Egal. UK tanzt zurück in die Sechziger. Der Unterschied zwischen Retro und Vintage sei hier noch einmal kurz erklärt: Vintage ist ein Look und Retro ist ein Zitat. Vintage ist neu, Retro ist Secondhand. Vintage ist meist edel und kostet viel, oft ist es die Konnotation von alt und edel, für die man bezahlen muss. Retro kann auch Schrott sein. Jetzt aber zurück zu der These: Ohne You Tube und der Faszination, die diese alten Filmchen ausstrahlen mit den originalen, ziemlich unstylischen, Teenagern, hätten sie das Vintage-Video nicht so hinbekommen. Also kreiert You Tube ein neue kommerzielle MTV-Video-Ästhetik. Könnte man meinen.

Bereits heute Morgen bin ich über den Artikel “Müsli macht Männer” in der Süddeutschen Zeitung gestolpert. Nicht wegen der multiplen Alliteration, die eh längst verboten gehört, sondern wegen dessen Titelunterzeile. Denn da steht tatsächlich (im Gegensatz zur Online-Version):

Ernährung in der frühen Schwangerschaft beeinflusst das Geschlecht des Kindes

Ich hielt das zunächst für einen Verleser wegen mangelnden Kaffeekonsums meinerseits. Dann für einen Redigierfehler – hatte ich Depp doch in der Schule noch gelernt, dass das Geschlecht des Kindes bei der Befruchtung entstünde, dann nämlich, wenn die halbe Eizelle und das halbe Sperma sich zu einem Ganzen namens Embryo verbinden. Ist aber anscheinend wirklich ein alter Hut – hab ich da irgendwas verpasst? – denn auch die taz berichtet:

Werdende Mütter, die sich kalorien- und nährstoffreich ernähren, bringen häufiger Jungen zur Welt als jene, die energiearm essen, so eine Studie.

Die BBC, auf deren Homepage die taz verweist, rückt mein Bioweltbild zum Glück wieder halbwegs gerade. Denn da steht:

A woman’s diet around the time of conception may influence the gender of her baby, research suggests.

Ich werde die Mainstreammedien also in Zukunft nicht mehr verteidigen, wenn ein paar Blogger auf ihnen herumhacken. Sondern nur verschämt schweigen. Und immer brav die SZ-Wissen-Seite lesen, damit ich auch in Zukunft stets gut informiert bin darüber, wie das so funktioniert mit den Bienen und den Blümchen. Denn da erwarte ich mir durchaus noch die eine oder andere brisante Aufklärung.

ob mein Posting mit dem ScribeFire-Plugin für den Firefox auch wirklich ankommt. Schön wär’s! Gefällt mir gut.

Was besagt ein Shakespearescher Theatertod gegen das entscheidende Kopfballtor in der 92. Minute? (H. Böttiger, Publizist)

Munich, Bavariapark

Andere Bolzplatz-Styles: Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

ich hab die meisten. Nämlich exakt 100 Kommentare.

 neuer 1 2 3 4 5 älter
Zürich - MÜNCHEN - Berlin
  • Musste auch gesagt werden

This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Germany.