Archiv für April 2008

Bis eben wusste ich nicht, dass diese Apparate Rube-Goldberg-Maschinen heißen, benannt nach dem amerikanischen Cartoonisten. Das Ziel: einfachste Aufgaben auf möglichst komplexe und umständliche Weise zu lösen durch Verwendung physikalischer Grundprinzipien wie Schwerkraft oder Hebelwirkungen.

Ich könnte diesen Apparaten ewig zusehen. Das Video, das ich auf KineticWorld entdeckt habe, zeigt einen Zusammenschnitt aus einer japanischen Wissenschaftssendung auf NHK TV, die wohl Pitagora Suicchi heißt. Die Musik ist leider kaum zu ertragen.

[youtube UQHViJ94CG4]
Direkt auf youtube

Und weil ich gerade darüber gelesen habe: 1987 drehten die Schweizer Medienkünstler Peter Fischli und David Weiss den etwa halbstündigen Experimentalfilm Der Lauf der Dinge, der den Ablauf einer riesigen Rube-Goldberg-Maschine zeigt und mittlerweile Dauerexponat im New Yorker Museum of Modern Art sowie im Centre Pompidou ist. Einen Trailer kann man hier anschauen und staunen.

Wann fängt denn jetzt endlich das TORHÜTERDUELL an? Nur noch sieben Wochen bis zur EM und von einem Duell nichts in Sicht und das, obwohl die deutsche Nationalmannschaft derzeit, wenn man es genau nimmt, gar keinen Keeper hat, zumindest keinen, der den vor der WM 2006 so viel beschworenen Kriterien entspricht.

Damals hatte man einen der besten Torhüter der Welt, “unsere 1A”, wie sie Oliver Kahn damals nannten, als Stamm-Torhüter, dicht gefolgt von Jens Lehmann, “unserer 1B”. Dann hieß es Duell, irgendwas mit “Leistung, Leistung, Leistung” oder “Top-Leistung” und dann hatte aus für die meisten Menschen kaum wirklich nachvollziehbaren Gründen die 1B plötzlich “das Näschen ein Stück vorn” und wurde zur “Nummer 1″. Als gemeiner Fan muss man ja auch nicht nachvollziehen, wie ein Bundestrainer entscheidet, auch wenn sich manch einer, ich zum Beispiel, vielleicht ein wenig über die schäbige Art gewundert haben mag, über diese Lippenbekenntnisse zu Kahn monatelang, um dann doch im letzten möglichen Moment durchzusetzen, was eigentlich von Anfang an, mit der Ausrufung des Tortwartduells, klar war: nämlich Jens Lehmann ins Tor zu stellen. War ja inhaltlich keine falsche Entscheidung, beide Torhüter spielten auf Weltklasse-Niveau, hatten internationale Erfahrung, Spielpraxis. Nur einer kann spielen. Also. Es ging ja um “Leistung, Leistung, Top-Leistung”.

Und jetzt: Lehmann spielt bei Arsenal nur noch äußerst sporadisch, sein Trainer Arsene Wenger nimmt ihn, wie es aussieht, kein Stück weit mehr Ernst, in den wenigen Länderspieleinsätzen, etwa gegen Österreich, war er alles andere als überzeugend, dauernd reisst er den Mund auf und gibt Blödsinn von sich und trotzdem hat er auf einmal diese viel besungene Nase nicht nur ein kleines Stückchen, sondern so dermaßen weit vorne, dass einem ein Robert Enke wirklich leid tun muss. Denn das ewige Mantra “Leistung, Leistung, Leistung” ist wohl nicht mehr das Kriterium. Jetzt gilt auf einmal die “internationale Erfahrung”. Auch die viel beschworene “Spielpraxis” ist daneben keinen Pfifferling mehr wert. Internationale Erfahrung ist jetzt das Allerwichtigste. Armer Robert Enke.

Lehmann wird bei der EM spielen. Alles andere wäre ein Wunder, wenn nicht gar dumm – sieben Wochen vor der EM. Seltsam nur, dass es immer irgendein Kriterium dafür gibt, warum Lehmann spielen muss. Das Kriterium scheint da äußerst flexibel zu sein. Das war 2006 so, trotz großem Schein-Duell, und das ist jetzt so, wo man andere Torhüter von vorne herein ausschließen kann aufgrund der auf Lehmann gemünzten Gewichtung der Kriterien.

Ach ja, ich kann’s mir einfach nicht verkneifen: Spielpraxis, internationale Erfahrung und “Top-Leistung” garantiert zur Zeit witzigerweise eigentlich nur einer, nämlich Oliver Kahn. Aber der geht dann zum Golfen.

Nachtrag (19.04.): Als kleine Ergänzung: Heute erzählt Christian Wörns in der SZ seine Version über die Kader-Zusammenstellung vor der WM 2006 und seine Ausbootung. Unter anderem sagt er: “Da wurde nach außen hin immer davon gesprochen, dass es nur nach Leistungskriterien geht. Im Verein hatte ich die Saison komplett durchgespielt. Außer Per Mertesacker hat damals sonst keiner der Innenverteidiger im Verein gespielt. Klinsmann hat dann allerdings einen Innenverteidiger nominiert (Christoph Metzelder, Anm. d. Redaktion) , der in Dortmund aus Leistungsgründen nicht gespielt hat. Es ist genau diese Art der Heuchelei, die ich als ungerecht empfand.” und etwas später: “Aber von Konkurrenzkampf und Leistungsprinzip zu sprechen, obwohl alles längst intern abgemacht ist, ist unsportlich und gehört sich nicht.”

Es kommt immer darauf an, mit welchem Gestus man etwas betreibt. Ganz besonders im Pop. In der Veranstaltungsreihe “Plattenspieler”, die momentan im “Hau 2″ in Berlin stattfindet, folgt der Ort der Aufwertung des Gesprächs als Kunstform. Das “Über-Platten-Reden”, vielen von uns bekannt als vergnüglicher Feierabendspaß, fand gestern auf einer subventionierten Theaterbühne statt.

Und so sieht das Ganze dann in der Wirklichkeit aus: Popmusiker und Schriftsteller Thomas Meinecke sitzt auf der ansonsten leeren Bühne mit einem Gast an einem kleinen Tisch. Von diesem Gast muss er wissen, dass er oder sie Ahnung von der Popmusik der letzten vierzig Jahre hat – und eine große Vinyl-Sammlung – denn um beides wird es sich in den nächsten zwei Stunden drehen. Zwei Plattenspieler sorgen dafür, hier werden alte und neue Platten abgespielt, während das jeweilige Plattencover an die große Bühnenrückwand projiziert wird. Dann wird über diese Platten gefachsimpelt, wobei abschweifen erlaubt ist. Einfach genial oder genial einfach – wie man es sieht.

Das Schwierige an der Disziplin Plattenschnack ist ja bekanntlich die Leichtigkeit, mit der das so mühsam erworbene symbolische Kapital vorgezeigt werden sollte. Das sophisticatete Gespräch über Platten muss hochkultiviert und kenntnisreich sein, sollte aber gleichzeitig leicht und witzig “rüberkommen”. Auf keinen Fall darf es ins Penetrante abdriften. Bloß nicht zum “Nerd”, also beckmesserisch und langweilig, werden. Augenblicklich offensichtlich ein Problem von Meinecke, denn es vergeht kein öffentlicher Auftritt, in dem er nicht erwähnt, dass er dieses oder jenes wohl “nerdig” ausgedrückt habe – wenn auch ungewollt.

Daniel Richter, den Meinecke sich für den Abend eingeladen hatte, scheint dieses Problem nicht zu kennen. An dem Hamburger Maler und Musiklabel-Besitzer konnte man wieder einmal beobachten, dass das Reden über Popmusik alternatives Kanonwissen (Bildung!) und Geistesschärfe abverlangt. Den Witz, den es bei Richter wie den dritten dicken Aal auf dem Hamburger Fischmarkt immer noch umsonst mit dazu gab, steckte man beschenkt weg.

Gut machten sich bei diesem Laborieren zwischen Cool und Uncool immer die durch den Projektor groß an die Rückwand geschmissenen Eheringe, die beide Männer trugen. Die Pointe liegt in der Drehung ehemaliger Rock’n’Roll-Verortungsprobleme. Mann macht sich intensive Sorgen um den richtigen Ton, hat aber den Zwang zum jugendlichen, ehemals als “richtig” empfundenen Lebensstil – einsam und autodestruktiv – schon längst überwunden. Das lebensgefährliche Leben im Pop (No Future!) wird ersetzt durch das umso verfeinerte Reden über den Pop. Man könnte darüber spekulieren, ob es damit auch “aufgehoben” im Hegelschen Sinne ist.

Im Wettbewerb um Sophistikation ist der oftmals der Sieger, der seine Sophistikation am besten verbirgt. Das war am gestrigen Abend sicherlich Daniel Richter. Die letzte offene Frage, wieso stellt man so etwas auf eine Theaterbühne, beantwortete der fast volle – und zur Hälfte weiblich besetzte – Publikumsraum: Kunst ist, was andere dafür halten.

popurls.com ist eigentlich eine richtig schöne Seite, nur: Wo gibt es denn das Hirn für all diese Infos?

Dieses Zürich – erschlägt einen mal wieder mit bewährtem Sturzregen und Wildbächen auf dem Trottoir, während evil Technik meine Abschlussarbeit hindert.

Solche Gründe bräuchte es aber gar nicht, wieder und wieder ins Kino zu laufen, denn das Angebot ist einfach beglückend: im Xenix allerlei Western (mit diesem Genre kann man ja meiner Meinung nach am besten das Kino an sich betrachten); Forty Guns hab ich leider verpasst, dafür gestern The Professionals im fast leeren Saal genossen. Ein ganz ein klassischer, mit mässig überzeugenden Wendungen, glutäugigen Mexikanern und einer wie immer nicht mehr als sinnlichen Claudia Cardinale (hat die irgendwann mal wirklich eine Rolle gespielt?!), aber so einem schönen Leiden und Schwitzen in der Salzwüste, dazu schüchternem Diskutieren der Revolution als Liebesaffäre – das Leben als Sinnsuche im Kampf.

Und dann haben wir noch das Filmpodium mit einer (im Moment natürlich nicht rasend originellen) Nicholson-Retrospektive. Endlich konnte ich mal Rafelsons
Five Easy Pieces sehen, sooo schön!! Unglaublich plattes (aber schon lustiges) Frauenbild, doch dermassen toll Nicholsons Figur des Bob… wie stark muss dieser Auftritt gewirkt haben zu einer Zeit, als man noch nicht wusste, was kam, wenn man Nicholson sah! Ganz ruhig entsteht der Film, ohne dass man wüsste, wo es hingehen könnte, spielt kurz Road Movie, dann Kammerspiel, am Ende geht es endlich in die notwendige Einsamkeit, ohne Jacke ins gelobte Alaska.

Film kann so glücklich machen.

 neuer 1 2 3 4 5 älter
Zürich - MÜNCHEN - Berlin
  • Musste auch gesagt werden

This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Germany.