Archiv für Mai 2008

Wie alles, was rund ist, ist auch der Fußball ein Sinnbild für das Ungewisse, für das Glück und die Zukunft. (Peter Handke)

Munich, Bavariapark


Look and see: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4 und Teil 5.

Nach jahrelangem Nachdenken und einer gehörigen Portion Textexegese habe ich jetzt endlich eine Definition für “Kunst” gefunden. Sie ist frappierend einfach. Sie lautet: “Kunst ist all das, was in der New York Times unter Arts steht.”

Wenn man als Feuilletonist, Journalist oder sonst wer seine Leser von der Relevanz, ja Kunsthaftigkeit eines Themas überzeugen will, dann schreibe man: “Sogar die New York Times hat über dieses Thema geschrieben, sogar eine ganze Seite unter Arts.” Ich habe kaum eine Besprechung des Computerspiels Grand Theft Auto 4 gelesen, in der nicht eben jener Kunstgriff der Kunstdefinition wegen verwendet wurde.

Amüsant finde ich daran, dass sich augenscheinlich halbwegs intelligente Menschen ziemlich minderwertig fühlen müssen, wenn sie gerne Computerspiele spielen. Einfach spielen geht nicht, wenigstens muss es Kunst sein, womit wir Bildungsbürger uns beschäftigen. Im Normalfall erwartet man von Computerspielen anscheinend gar nichts. Wie sonst könnte man sich beinahe in die Hose machen vor lauter Begeisterung ob des, nun ja, kritischen Potentials oder der “im Mainstream selten gewordenen Subversivität”, die man sich nur erlauben könne bei einer Kundschaft, die daran gewöhnt sei, von eben diesem Mainstream als brutalisierte Idioten angesehen zu werden, wie beispielsweis Kollege Christian auf spon schreibt.

Die viel zitierte Subversivität ist in erster Linie Haudrauf-Parodie: Hey! Endlich zeigt’s einer mal dem American Dream! Und New York heißt Liberty City und die Freiheitsstatue hat ‘nen Kaffeebecher in der Hand! Und es gibt im spielinternen Internet Dating-Seiten, die Dating-Seiten verarschen und die Polizei erst! Die ist auch korrupt! Und es gibt ein Bier das Pisswasser heißt! Und die Dialoge sind auch ganz gut und um einen der Fastfood-Läden wanken nur besonders fette Leute herum. Check’s halt! Voll krasse Kritik, oder? Spricht ja nichts dagegen, finde ich als alter Punkrocker sogar ganz sympathisch, aber eine Neuerfindung des Rades ist das auch nicht.

Wirklich seltsam sind allerdings Aussagen, wie sie etwa Thomas Lindemann, Welt-Kulturredakteur, in einem Interview mit golem.de tätigt: “Die coole Kinoaction hat sich seit jeher am Videospiel inspiriert.” In meinem bescheidenen Weltbild orientieren sich Spiele wie Grand Theft Auto 4 seit jeher an der coolen Kinoaction, vor allem der Siebzigerjahre, an all den Cop- und Gangstermovies mit den wüsten Verfolgungsjagden und den gebrochenen Persönlichkeiten, die – und das nur nebenbei – sehr häufig den American Dream ad absurdum geführt haben. Und an diesem Punkt zeigt sich dann doch das große Defizit eigentlich aller Computerspiele im Gegensatz zum Film: Auch GTA4 schafft es kaum, eine Geschichte zu erzählen, in der die Hauptfigur mich als Spieler mehr interessiert ist als jeder andere x-beliebige Pixelhaufen der Computerspiel-Geschichte. Die eigentliche Story wird dann doch wieder in filmischen Zwischensequenzen erzählt, die ich meist dazu nutze, um mal kurz die Hände auszuschütteln und mir ein Getränk aufzumachen, weil sie mir nach stundenlangem Autofahren, reichlich willkürlich getimed, eine Pause gönnen. Mitgefühl mit Niko Bellic? Der ist mir vollkommen wurscht, auch wenn ich ihm mal einen schicken Anzug kaufe oder ihn mit irgendeiner Frau zum Bowling schicke, weil das Spiel das so will.

Natürlich ist Grand Theft Auto 4 ein Riesending und natürlich hat es großen Einfluss auf die Popkultur. Meine Güte, alles hat Einfluss auf die Popkultur. Es ist ein fantastisches Computerspiel. Es sieht aus wie tausende Filme. Nicht mehr, nicht weniger. Kirche beim Dorf lassen usw. Ob das Kunst ist, ist mir persönlich wirklich egal. Ich spiele es so oder so und habe einen Heidenspaß dabei. Wird schon stimmen, das mit der Kunst. Steht ja in der New York Times.

Ich zahlte, stand auf und ging. Am Imbiss an der Ecke, wo die enge, ruhige Gasse auf die Istiklal Caddesi trifft, kaufte ich mir eine Flasche Mineralwasser und trank sie im Stehen aus. Ich hatte noch ein wenig Zeit und lief bis zum Galatasaray-Gymnasium.

Dafür, dass es mitten in der Woche war, war jede Menge los in der Fußgängerzone. Mit gleichmäßigen Schritten – zwischen eiligen, trödelnden, herumstehenden und unvermittelt lospreschenden Leuten hindurch – bahnte ich mir einen Weg. Machte einem gewichtig patroullierenden Polizisten Platz, ließ den Wagen der Stadtverwaltung durch. Das Geplärre aus den Boxen am Stand des Buchhändlers wurde zwanzig Schritte weiter von der Beschallung aus dem Kassettenrecorder des nächsten fliegenden Händlers übertönt. Bewusst steckte ich mir keine Zigarette an.

(aus: Celil Oker, Letzter Akt am Bosporus)

Bill CallahanSo ein Schmarrn! Da sitzt man oft wochenlang herum und wartet darauf, endlich mal wieder auf ein Konzert zu kommen und dann so was: morgen spielen fast ein halbes Dutzend interessanter Musiker gleichzeitig. Wer sich so was ausdenkt?!? Okay, die Texaner Explosions In The Sky mit ihren instrumentalen Soundflächen hätte ich mir im Feierwerk vielleicht nicht unbedingt angeschaut, müssen aber live wirklich gut sein. Und Elektrofrickler und Turntable-Rocker Schneider TM treibt in den Kammerspielen erst in der Spätschicht die Beats an. Ist also durchaus mit einem zweiten Konzert zu kombinieren. Dass aber Dinosaur Jr. und Bill Callahan gleichzeitig spielen, da bin ich echt sauer. Die Indierock-Heroen waren letztes Jahr nur als Vorband der Red Hot Chili Peppers im Olympiastadion da, davor vielleicht vor zwanzig Jahren. Morgen also in der Muffathalle. Und Bill Callahan hat auch zuletzt in den 90ern seine meditativen Depri-Epen zelebriert. Damals, meistens im Substanz, machte er alles allein und nannte sich Smog. Jetzt hat er eine Band und nennt sich Bill Callahan. Lustig. Aber da ich letztes Jahr für einen Chili-Pepper-freien Auftritt von Dinosaur Jr. extra nach Berlin gefahren bin – was sich sehr gelohnt hat – wird es morgen der Herr Callahan im Orangehouse werden. Der hat auch noch den schottischen Barden Alasdair Roberts dabei, zu dessen Balladen man sich allein schon prima betrinken könnte. Aber Gitarren-Gott J. Mascis gleichzeitig in der Stadt zu wissen…

Also bitte: schön sich morgen beschallen lassen und dann schreiben, wie’s war. Der Schatten auf dem Callahan-Bild ist übrigens Joanna Newsom, mit der er seit einiger Zeit liiert ist.

Nachdem “Gegen den Tag” in den Feuilletons gerade gefeiert wird, möchte ich jetzt auch kurz meinen ganz persönlichen Senf zu dem Thema “postmoderner Roman” abgeben. Seien wir doch mal ehrlich: Am praktischsten an diesen Wälzern ist doch, dass man sie aufklappen kann, wo man will. Die kleine Nachtlektüre ähnelt dann dem TV-Konsum. Sie wird ein unterhaltsames Zappen.
Schon bei den Tausend Plateaus von Deleuze/Guattari – die ich jetzt hier mitnichten als postmodernen Roman hinstellen will (oder vielleicht doch?) – fand ich immer prima, dass man auf jede Ebene steigen konnte, ohne auch nur im entferntesten der Chronologie zu folgen. Ob diese Lektüre dann zu einem umfassenden Wissen über den Inhalt oder den Plot führt, kann ich nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen. Auf jeden Fall gibt es Erkenntnisfunken.

 1 2 3 älter
Zürich - MÜNCHEN - Berlin
  • Musste auch gesagt werden

This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Germany.