Archiv für Mai 2008

Vielleicht kennt ihr Thomas Heise, den deutschen Dokumentarfilmer? Vor ein paar Jahren sah ich in Halle im verdienstvollen LaBim-Kino sein STAU – Stand der Dinge über, nun ja: Halle. Halle-Neustadt. Ein Hammer an Hoffnung und Verzweiflung des Kleinbürgertums; den Blick des Vaters, als er erfährt, dass sein neues Einfamilienglück im Flutgebiet der Saale steht, werde ich wohl nie vergessen.

Jetzt unterbricht das Xenix meine letzten Diplombemühungen mit einer Werkschau. Gestern zeigten sie seinen ersten und einzigen Film aus dem Studium an der HFF Babelsberg (Wozu denn über diese Leute einen Film?, 1980) sowie eine Perle aus seiner Tauchzeit an der staatlichen Filmstelle (Das Haus, 1984/2001).

In ersterem besucht er zwei kleinkriminelle Brüder aus Prenzlauer Berg bei Ihrer Mutter, immer beim Kaffee am Wohnzimmertischchen vor dem Kohleofen. Da nuscheln sich zwei Jungs durch ihre halbstolzen Erzählungen vom Einbruch in die Kaufhalle, verraten eher aus Versehen noch den Mittäter, sind so dermassen glaubwürdig in ihrer stillen Asozialität, ihrem echten Outlaw-Sein… und die Mutter immer am Vermitteln, Beschwichtigen. Umwerfend, einfach umwerfend.
Zwischenhalt am Wasserturm, wo auf dem Hügel die Jugend des Kiezes steht und raucht und unheimlich schön aussieht, im Parka, mit Frisuren wie auch heut wieder. Einer hält einen Kassettenspieler, es läuft Dylans Subterranean Homesick Blues, und das passt so gut in dieses graue Ostberlin, dass es beinahe weh tut.
Kneipengespräch mit dem Typ, der die neuesten Westplatten hat, “Maid in Tschäppn von Deep Purple, wollt ihr das…?” – “Hammwa schon”.

Und wieder Dokumentarfilme online, diesmal vor allem aus dem Fernsehen: www.dokumentarfilm24.de/

Das Dok.Fest München ist dieses Jahr leider ein wenig an mir vorbeigegangen, doch immerhin einen Film habe ich gesehen, der mich schwer beeindruckt hat: Comeback von Maximilian Plettau. Es ist einer dieser Filme, in dem sich Thema, Stil und Zufall wunderbar ergänzen.

Der ehemalige Deutsche Meister im Supermittelgewicht Jürgen “The Rock” Hartenstein trainiert wie ein Verrückter, um nach zweijähriger Boxabstinenz wieder auf Karrierespur zu kommen. Plettau begleitete Jürgen, bis es endlich zu einem kleineren Kampf in Philadelphia kommt, der den Wiedereinlass in den Profi-Boxwelt mit Sponsoren, Managern, usw… bedeuten soll. Man sieht dem Boxer bei seiner Arbeit als Türsteher in München zu, beim einsamen Training, mal im dunklen Dachgeschoss schwitzend am Boxsack, mal mit seinem Trainer Markus Kone, mit dem er ein Gym ausbaut, das mittlerweile in Giesing tatsächlich existiert. Ausflüge zur Großmutter, ein wenig Yoga. Das war’s. Für Heldengeschichten, wie sie Hollywood so gerne erzählt, taugt das alles nichts, auch wenn die Geschichte Rocky Balboas natürlich immer mitschwingt, etwas beim Treppenlauf an der Bavaria. Dennoch: Keinerlei Glamour, ein karges, wortloses Leben, teilweise bei Wasser und Brot, weil das Geld zu nichts anderem reicht. Training, Arbeit, Training, Arbeit, dazwischen immer wieder Telefonate mit einem Box-Veranstalter in den USA. Here is Jürgen from Germany. Do you have some news for us? Und wieder nichts.

Der Film ist Direct Cinema im besten Sinne, reine Beobachtung, ruhig und meditativ und doch beginnt man sich im Kinosessel zu winden vor Aufregung, als es endlich klappt mit dem einen Kampf in den USA. Beinahe wie ein schlechter Witz wirkt da der Name der schäbigen, ersten Unterkunft in Amerika, die tatsächlich “American Dream Hostel” heißt und ganz und gar von der Nicht-Existenz desselben zeugt. Nur ein einziges Mal verlässt der Film seine beobachtende Haltung und gestattet sich so etwas wie einen Kommentar. Während der ersten Runde ist der Kampf in Zeitlupe aus der Totalen gefilmt, Trommeln untermalen den ersten Schlagabtausch der Boxer. Hier ist er, der Moment, an dem alles möglich wäre, der Schicksalsmoment, den Hollywood so gerne überhöht und in dem auch Comeback seinen Höhepunkt findet. In der zweiten Runde geht es dann schnell: Der Regisseur nimmt wieder die Rolle des Beobachters ein, Jürgen geht einmal zu Boden, ein zweites Mal und der Kampf ist vorbei. Dass Philadelphia am gleichen Abend ausgerechnet auch noch von starken Gewittern heimgesucht wird und man Blitze zucken sieht vor dem Fenster des Raumes, in dem Jürgen kurz vor seinem Kampf nervös wartet, ist beinahe schon zu schön, um wahr zu sein.

Da ackert einer monatelang für seinen großen Traum, übt Verzicht, quält sich, glaubt an sich, ist nur auf ein Ziel fokusiert, läuft dann in ein, zwei Schläge und alles ist vorbei! Man ist schwer versucht, den Sport mal wieder als das wahre Sinnbild des Lebens zu sehen. Ich verkneife es mir.

Während des Abspanns hört man Jürgen wieder telefonieren, mit einem anderen Box-Veranstalter aus den USA: Jürgen from Germany. Do you have some news for me?

Ich habe mich beeilt, wie ihr vielleicht bemerkt, und bin nun auch schon auf Seite 87. Das einzige, was mir zu dem Stil (bis jetzt) einfällt, ist: bizarre (französisch ausgesprochen).

Ich bin mir nicht so sicher, ob ich dieses altmodische Idiom wirklich mag. Du hast schon recht, Karl, ein paar Sätze sind recht putzig (mein Lieblingsdialog ist natürlich: “Mein Pop fehlt mir mächtig.”
“Das muss furchtbar hart für dich sein, Chick. Ich glaube, an meinem erinnere ich mich noch nicht einmal.”

Ansonsten muss ich aufpassen, dass ich den Text nicht zu maniriert finde und – viel schlimmer – bald wie Alfred Kerr denke, der sinngemäß gesagt hat: Romane lesen nur Menschen, in deren Leben nichts passiert. Oder war es Alfred Polgar? Egal.

Fußball ist Ding, Dang, Dong. Es gibt nicht nur Ding! (G. Trapattoni)

Munich, Bavariapark

Weitere Star-Portraits: Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4. Ausdrucken, ausschneiden, aufhängen!

Zürich - MÜNCHEN - Berlin
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