Archiv für Juni 2008

Hätte der DFB nicht schon immer Kinder, die im Herbst geboren wurden, diskriminiert, wie ich gerade auf Spiegel Online lesen musste, dann würde es heute Abend im Finale wenig zu befürchten geben. Dann würde nämlich ich, jawohl ich, einen hervorragenden Ersatz abgeben und den Spaniern einen Freistoss reinhauen. Ganz bestimmt. Ich bin mir sicher.

Ganz so wild wie ihr Name sind die „Wild Beasts“ nicht. Tom Fleming, Benny Little, Chris Talbot und Hayden Thorpe sehen nicht gerade so aus, als würden sie einen anfallen. Durch Flemings Falsettgesang wirkt die Popmusik der Provinzler camp, man denkt eher an einen festlich gedeckten Tisch mit Kronleuchter als an Urwald.
Bei dem Gesang und den Kompositionen auf „Limbo Panto“ fallen einem automatisch drei Namen ein: Antony Hegarty, Rufus Wainwright und Edwyn Collins – ja, auch der Sänger der schottischen 80’s Band „Orange Juice“ hat sich eingeschrieben in den Pop aus Kendal, einer Kleinstadt im Nordwesten Englands. Wer das nicht glaubt, der braucht sich hier nur einmal das Stück „The Devil’s Crayon“ anzuhören. Tom Fleming singt auch ein bisschen wie Freddy Mercury, dem er auch durch seine Barttracht Tribut zollt. Brillengestelltechnisch heißt das Vorbild jedoch „Hot Chip“. Kurz gesagt: Es wird mal wieder kräftig amalgamiert auf der Insel.
Interessant an dieser blutjungen Band ist allerdings weniger, dass sie so hip it hurts ist, sondern die Mischung aus Edwyn Collins und Antony Hegarty: Zwei Ikonen der Popmusik, hetero, Rock’n’ Roll, und irgendwie der Vergangenheit zugehörig die eine, schwul, nicht sehr Rock’n’Roll und sehr angesagt die andere. Das ist der großartigen Aspekte von Popmusik: Dass sie in der Lage ist, nonchalant Synthesen zu schaffen und damit die Dispositive in Unordnung bringt.
Denn geht man über Edwyn Collins und seine spätere Bühnenpräsenz als „Crooner“ zu Elvis zurück und dessen Hollywoodfilmen, fällt auf, wie „camp“ der junge King war. Und verfolgt man Antonys Hegartys Projekte, sein Album mit „Hercules and Love Affair“ dann merkt man, wie weit sich der „schwule“ Sound schon eingeschrieben hat in den popmusikalischen Mainstream. Ja, doch, „Wild Beasts“ sind eine Queer-Band wie aus dem Semesterplan der Gender Studies. Dazu passt auch, dass sie große Fußballfans sind.

Ein wenig Werbung, ein wenig Eigenwerbung und ein wenig über Werbung:

Auf dem Münchner Filmfest sollte man sich natürlich möglichst viel von der Achternbusch-Retrospektive anschauen, weil diese Sachen auch heute noch tausendmal spannender sind als der gängige Einheitsbrei, den man ach so häufig im Kino serviert bekommt.

Davor könnte man allerdings noch ein Interview lesen, das ich mit Herrn Achternbusch zu diesem Anlass führen durfte. Was für eine Ehre! Es ist heute im Tagesspiegel erschienen. Man kann es hier online lesen.

Es ist ein wenig kürzer und geraffter, als ich es abgeliefert habe, was wohl (nur eine Vermutung) an einer riesigen, beerdigungsschwarzen Werbung für ein Max Raabe-Konzert (ich würde da ja nicht hingehen) liegen dürfte, die ein Viertel der gesamten Druckseite ausmacht.

Unter anderem ist zum Beispiel jene Frage weggefallen, deren Antwort ich sehr gerne mochte. Deshalb sei sie hier noch einmal aufgeführt. Wozu hat man denn ein Blog? Intertextualität und Hypertext, Baby!

Sie haben in ihren Büchern öfter die Western von John Ford erwähnt. Was war so großartig an John Ford?
H. Achternbusch: Er hat sich gegen Hollywood durchgesetzt. Üblich war ja, dass man das belichtete Material an die Produktion zum Schnitt abgeben musste. John Ford hat gleich so gedreht, dass man nur so schneiden konnte, wie er wollte. Der Western ist vielleicht sowieso das beste Genre. Man sitzt in Ruhe da und schaut sich die Landschaft an. Die Probleme werden meist mit Gewalt gelöst. Es wird nicht lange gequatscht und wenn gesprochen wird, fällt immer das richtige Wort. „Jetzt schau nicht so blöd, sonst fängst du eine!“ Und schon hat man eine drin! Sagen wir mal so: Der Western ist dem Bayerischen einfach sehr nahe.


Frankreich – Italien, erste Halbzeit, vom Uetliberg aus

Vor einiger Zeit habe ich die Guardian-Homepage als Startseite in meinem Browser eingestellt, die ja als besonders tolles News-Angebot im Internet gilt. Viel gelesen habe ich dort dann trotz allem Tollseins und den freundlichen Farben trotzdem nicht. Faulheit, weil Englisch, befürchte ich fast. Seit Beginn der EM hat sich das geändert. Der Guardian hat eine fantastische Fußball-Berichterstattung, stelle ich fest, und das, obwohl die Engländer gar nicht mitspielen dürfen. Vielleicht macht es mir genau deshalb so viel Spaß, dort zu lesen. Weil es einfach keine Hofberichterstattung von der eigenen Mannschaft geben muss. Und ausgerechnet die Blog-Sektion, die ja bei den meisten Zeitungsseiten im Netz, ein wenig öde daherkommt, ist hier, zumindest im Bereich Fußball, oft besonders unterhaltsam. Heute zum Beispiel gibt es einen Eintrag mit dem schönen Titel His name is Luca, he has a vague idea how to score über das Spiel Frankreich gegen Italien. Der Autor ist davon angetan, dass Luca Toni zwar zig Male vorbeigeschossen hat, es aber immer und immer wieder versuchte. “There was something genuinely heroic in his persistence. Any player can fluff one chance and then go into hiding, as Mario Gómez did on Monday. It takes real guts to go on and on and on.” heißt es da und man kann Harry Pearson, dem Autor, nur zustimmen und sich an dieser Stelle dafür entschuldigen, überhaupt jemals Luca Toni in Frage gestellt zu haben, wie ich das vor der letzten Saison hier in diesem Blog getan habe. (Pizarro wollte ich damals behalten bei Bayern. Statt Luca Toni! Ich Depp! Da verlinke ich nicht einmal mehr darauf.) Ich musste bei diesem Guardian-Eintrag mehrmals schmunzeln, aber einmal wirklich lachen und zwar bei folgendem Halbsatz:

… the Bayern Munich striker Luca Toni, who looks like the sort of big-hearted lunk who would work a double shift digging in a coprolite pit so his best pal could go off and impregnate his girlfriend.

Hihi! Ach, Fußball-Kolumnen! Wirklich die schönste Form des Journalismus! Würde ich eigentlich immer sagen, diesmal mache ich es eben als EM-Betrachtung.

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