Archiv für Juni 2008


Nun, da die Schweizer Nati eh draussen ist, schreib ich also über den auch zuvor schon verzweifelten Einsatz von Hopp Schwiiz.
Wie einst in unserer Jugend Raider in Twix umbenannt wurde, so heisst der Riegel Mars für die EM-Zeit hier nämlich Hopp, nach dem Schlachtruf der Fans . Aufwendiges Marketing… Und wenn man eine Packung Hopp minis kauft, schenken sie einem die CD-Single mit gleich drei Versionen (deutsch, französisch, Karaoke) ihrer EM-Hymne (hier auf der Hopp-Flash-Seite zu hören) dazu. Dass diese einfach grausam ist, muss nicht extra erwähnt werden, aber das Vorspiegeln von Stadion-Atmosphäre ist in diesem Fall schon besonders dreist und hörenswert!
Interessant ist noch die Geschichte des Liedes, das nämlich 1984 als Protestsong gegen die geplante Winter-Olympiade im Berner Oberland entstand. Davon leider keine freie Version im Netz… Damals wie heute singt Polo Hofer, dem deutschen Leser vielleicht am besten als Schweizer Udo Lindenberg erklärt – einst ein wilder Hund, Pionier des Mundartrocks und Hanflegalisierer, ist er heut eine alter Schlagersack (höre hier) und als Polo National in der gleichen Maskottchen-Liga wie Köbi Kuhn.
Nun hat er kein Problem, von einem Schokoriegel-Fabrikanten 350.000 Singles in Supermärkten verscherbeln zu lassen. Hier plaudert er im Sonntag über “ein Song ist nur ein Song” – insgesamt aber nicht uninteressant!

Abgesehen vom Singen: den Herrn lernte ich vor Jahren in einem Klopfenstein-Film kennen, Die Vogelpredigt, etwas abstrus, aber auch sehr lustig. Könnte man beinahe empfehlen, lief schliesslich auch auf der Berlinale.
Ach ja, noch letzte Nacht hörte ich das Hopp Schwiiz vor meinem Fenster verzweifelt in den Regen gerufen, untermalt von Kuhglocken…

Als große Pathos-Brüder habe ich die Schweizer bisher nicht wahrgenommen, aber jener Fernsehbeitrag, den das Schweizer Staatsfernsehen aus den ersten öffentlichen Äußerungen von Alexander Frei nach seiner Verletzung fabrizierte, belehrt mich dann tatsächlich eines Besseren. Großes Kino der Emotionen, Zeitlupe, Klaviermusik, eine Nation weint. Man kann es auch übertreiben, behaupte ich jetzt mal so distanziert und kühl.

Ein wenig peinlich ist mir, dass mir Freis Verletzung immerhin so nahe ging, dass ich während der Live-Übertragung des Spiels tatsächlich den Raum verlassen habe und dem Schlusen eine SMS schreiben musste. In manchen Momenten wollen Männer eben alleine sein, hüstel, oder unter anderen Männern, ähm. Wahrscheinlich hätte mein Film in diesem Moment, falls ich einen hätte produzieren müssen, ziemlich ähnlich ausgesehen.

Heute Abend gegen die Türken also ohne Frei. Ein Elend!

(via medienlese.com)

Die schlimmsten Erwartungen haben sich erstmal nicht bestätigt: kein Ausnahmezustand in Zürich, sondern ausreichend Platz in der Fanzone und vor den öffentlichen Fernsehern, kaum Wartezeit an den Imbiss- und Bierbuden; sogar unmittelbar vor dem Letzigrund und dem Spiel Rumänien-Frankreich gestern hatte der Nosn uns innert zwei Minuten ein Bier organisiert. Kein Carlsberg. Karten gabs auch noch, und Interessierte boten dem Vernehmen nach nicht mehr als den Ausgabepreis.
Bloss der öffentliche Verkehr war halb zusammengebrochen, während auf den offiziellen Parkplätzen mehr Ordner als Autos standen. Die Zuschauer stauten sich beinahe komplett vor der Südseite des Stadions.
Also alles nicht so schlimm? Scheinbar schon für den Detailhandel, der haut schon am dritten EM-Tag seine “Fanartikel” auf den Grabbeltisch.
Expect Emotions™, und erhoffet Umsätze.

Gestern noch kurz in Basel gewesen (weil Art Basel). Direkt neben der Messe fand das offizielle Uefa™ Eröffnungs-Dinner statt, und das Stadion ist auch nur ein paar Kilometer entfernt. Strenge Polizisten auf Wache, in einem umzäunten Messegebäude war das Militär untergebracht, glückliche Rekruten schleppten das Abendbrot zwischen den dicken Räumfahrzeugen durch… und wieder dacht ich mir, dass die Schweizer die ganze Sache irgendwie von der falschen Seite aus angehen, erst mal in der Kategorie Stress und Ansage denken.
Beim Vorbeilaufen an den Fahrradständern eine schöne kleine Entdeckung auf allen Gepäckträgern. Aber seht selbst:

Zürich - MÜNCHEN - Berlin
  • Musste auch gesagt werden

This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Germany.