Archiv für September 2008


Das Schönste an Wahlen sind schon stets die Plakatwände.

Sprach-Diktatur!
Das ist so ein typischer Vorwurf gegen die Deutschen hier, wenn die Einheimischen sich ihnen gegenüber aus freien Stücken (oder Distinktionsdrang, einer Art Artenschutz) des Hochdeutschen befleissigen.
Nur eine kleine Blüte am Rande, aus der vergangenen NZZ am Sonntag:

Steve Jobs ist im Herzen also auch ein Deutscher, was man am typisch germanisierten “Wo Gags?” sieht.
All die Hochdeutsch tippenden und ebenso an der Sprachkorrektur leidenden (nein, ich gehöre nicht dazu, ich habe nur einmal leihweise gelitten, ich laboriere nur am ganz normalen t9 ganz normaler Telefone) iPhone-Besitzer dürfen hier ihr lesenswert lustiges Leid ausschütten und noch bis Ende des Monats eine Petition gegen die Tipp-Diktatur unterschreiben.

In Zürich haben wir eher keine Probleme mit der Video-Überwachung.
Allenfalls Louis Vuitton an der Bahnhofstrasse scheint ein Signal setzen zu wollen:
Sage und schreibe 34 silberne Kameras sind auf zwei Paar Schuhe gerichtet. Das soll den Schergen in den Kontrollräumen dieser Welt sicher signalisieren, dass es Schöneres zu beobachten gäbe als Bahnhofsunterführungen, Schalterräume und öffentliche Plätze.
Und ein Schaufenster weiter wird es noch mal ganz deutlich gemacht: auch die etwas einsame Einzelkamera konzentriert sich auf die Tasche statt auf das Model.

Überwachung gegen Sachen sei also erlaubt, gegen Menschen jedoch nicht.
(Alte Terroristen-Weisheit)

Was ich eigentlich sagen wollte: Extra dafür fahr ich nicht nach München, aber wenn ich schon mal dort bin, geh ich natürlich gern auf die Demo gegen diverse Aspekte alltäglicher Überwachung.
Marienplatz, 14 Uhr.
Bis dann.

Tatsächlich sehr lesenswert, wenn auch zutiefst deprimierend, ist das Buch “Sichere Siege” über Fußball, Spielmanipulation und organisiertes Verbrechen des Briten Declan Hill, das in den letzten Wochen ja zu einigem Medienrummel einschließlich obligatorischem Beckmann-Interview geführt hat. Zwar kann Hill nicht beweisen, dass einige Spiele der WM 2006 tatsächlich manipuliert wurden, doch zumindest für die Viertelfinalpartie zwischen Ghana und Brasilien, auf die Hill besonders wert legt, sind die Indizien wirklich so erdrückend, wie man es üblicherweise nur Beweisen nachsagt.

Wirklich erschreckend ist jedoch, dass einem beim Lesen Stück für Stück auffällt, wie sehr man sich mittlerweile an systematischen Betrug im Fußball gewöhnt hat und wie ungern man alle hinreichend bekannten Fälle in der eigenen Bewertung des Sports zusammendenkt: Korruption im britischen Fußball in den 50ern und 60ern, der Bundesliga-Skandal Anfang der 70er, die zweifelhafte WM 1978 in Argentinien, jenes widerliche Spiel bei der WM 1982 zwischen Deutschland und Österreich, das als “Schande von Gijon” in die Geschichte einging, die Bestechungsskandale um Olympique Marseille Ende der 80er Anfang der 90er, die Morde im russischen Fußball in den 90ern, all die Schiebungen in der belgischen, türkischen, portugiesischen Liga, der Zusammenbruch ganzer Ligen in Asien, weil bis zu 80 Prozent aller Spiele verschoben waren, der Zwangsabstieg von Juventus Turin in Italien, die angeblichen Doping-Beweise im Fuentes-Fall, die vermutlich nur zurückgehalten werden, weil Profis von Real Madrid involviert sind, all die Schiedsrichter-Skandale bis hin zu Robert Hoyzer, der dann wie seine kroatischen Freunde ins Gefängnis kam, während so gut wie alle anderen Ermittlungen gegen mindestens 25 Personen im Sande verliefen. Wenn man viele dieser Fälle noch einmal vor Augen geführt bekommt, kann man sich schon kaum noch vorstellen, dass es irgendeinen Wettbewerb gibt, an dem nichts faul ist.

So spannend Hills Geschichten über den Wettmarkt in Asien auch zu lesen sind, seine gefährlichen Treffen in schäbigen Restaurants mit Gangstern, am meisten hat mich dann doch die Tatsache beeindruckt, dass ich einen Großteil der beschriebenen Ereignisse bereits kannte und dennoch nie, nie, nie darüber nachdenken wollte, dass es sich vielleicht gar nicht lohnen könnte, in dem ganzen verkommenen Fußballzirkus nach so etwas Esoterischem wie der “Wahrheit des Spiels” zu suchen.

Ich fürchte, ich werde auch in Zukunft möglichst selten darüber nachdenken.

Zürich - MÜNCHEN - Berlin
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