Archiv für Oktober 2008

Bundespräsident gestorben? Atomkrieg ausgebrochen? Attentat in Berlin? BMW verstaatlicht?

Ballack bleibt Kapitän der Nationalmannschaft, ach ja, soso.

Screenshot von sueddeutsche.de, 16.50 Uhr

Screenshot von sueddeutsche.de, 16.50 Uhr

Aus der Reihe “Eilmeldung/Info-Verschmutzung”

Vor etwa 25 Jahren, 1983, ist das erste der Fantasy-Abenteuer-Spiel-Bücher von Steve Jackson und Ian Livingstone auf Deutsch erschienen. Es hieß “Der Hexenmeister vom Flammenden Berg” und faszinierte mich damals unendlich. Ich hätte kaum mehr daran gedacht, hätte ich gestern Kneipenabend nicht ausführlich mit dem Hansbap und dem Ruppert über das Spielen heute und gestern diskutiert. Nach Tabletop, Pen-and-Paper-Roleplaying und frühen Computerspielen wie Paradroid oder Barbarian kamen wir irgendwann auf diese Fighting-Fantasy-Bücher (so die englische Bezeichnung), die wir alle drei bis zum Erbrechen gelesen bzw. gepielt haben.

Für die Unwissenden: Diese Bücher waren eine Form interaktiver Fiktion, bestehend aus meist genau 400 durchnummerierten Textabschnitten. Vor Beginn musste man sich einen typischen Rollenspiel-Helden mit verschiedenen Werten auswürfeln und bei Abschnitt 1 zu lesen anfangen. Am Ende des Abschnitts wurde man vor eine Entscheidung gestellt in der Art: Wenn du die bösen Gnome verfolgen willst, lies weiter bei XXX. Wenn du dich lieber unbemerkt aus dem Staub machen willst, dann gehe zu XXX. Wenn alles gut ging, landete man irgendwann beim Abschnitt 400 und hatte das Abenteuer bestanden. Oft genug ist man jedoch gestorben und musste zurück blättern, um nicht wieder ganz von vorne anfangen zu müssen, was lästig war, weil die Nummerierung natürlich nur in eine Richtung funktionierte.

Man hatte es mit einer einfachen Variante eines Hypertextes zu tun, ohne zu wissen, was Hypertext überhaupt ist und lange bevor der Begriff durch das Internet allgemeine Verbreitung erfuhr. Ich bilde mir ein, dass es eine ähnliche Variante der Fiktion, quasi ein Lesen nach Zahlen, bereits im 19. Jahrhundert in England gab in Form von schwülstigen Liebes- und Gesellschaftsromanen, finde aber trotz längerer Suche keine Quelle dafür. (Für Hinweise wäre ich dankbar.) Sicher ist jedoch, dass der französische Dichter und Schriftsteller Raymond Queneau einige Spielereien mit Hypertext-Literatur unternommen hat, etwa in seinem Cent mille milliards de poèmes (1961). Ausprobieren!

Ein paar Jahre später hat Queneau seinen kleinen Text Un conte à votre façon (Online-Version) vorgestellt, eine winzige, surrealistische Geschichte über drei Erbsen. Der Inhalt der Geschichte ist in kleine Häppchen auf Zellen aufgeteilt, die ihrerseits jeweils wieder ein oder zwei Nachfolgerzellen haben. Der Leser kann sich von Zelle zu Zelle entscheiden, wie er weiterliest. Man kann diese Geschichte als gerichteten Graphen aufzeichnen, durch den sich der Leser seinen Weg bahnt, wie es Alfred Schreiber, Mathematik-Professor an der Uni Flensburg, in seinem Text Queneau, Mathematik und “Potentielle Literatur” zeigt. Der Autor schreibt darin auch, dass dieses Experiment eine Art Mini-Vorläufer sei für oben erwähnte Abenteuer-Bücher: “Allerdings paaren sich in diesem Genre, nicht selten ästhetisch fragwürdig, beachtliche technische Perfektion und kombinatorische Komplexität mit aufdringlichen, ja abgeschmackten Inhalten (meist aus der “fantasy”- oder “adventure”-Sphäre)”, meint Schreiber dazu …

… was uns damals natürlich egal war. Wir haben Graphen mit hunderten Ecken und Kanten aufgezeichnet, durch “Das Labyrinth des Todes”, “Die Stadt der Diebe” oder durch den “Sumpf der Skorpione”. Für die Lösung der Geschichten war dieser Aufwand zwar nicht notwendig, aber es hat halt eine Menge Spaß gemacht. Man kam sich unglaublich professionell vor in seiner Abenteurer-Akribie. Was ein Graph ist, wusste damals auch noch niemand. Das waren halt Landkarten.

In unserer kleinen Reihe Car chase movies eine weitere Empfehlung: The Driver von Walter Hill, der merkwürdig selten Erwähnung findet im allgemeinen Filmkanon. Mit Bullitt etwa kann er meiner Meinung nach durchaus mithalten – nicht nur, weil Steve McQueen ursprünglich die Hauptrolle spielen sollte. Letztendlich machte das dann Ryan O’Neal, stoisch, unbewegt und so wortkarg, dass Arnold Schwarzenegger in Terminator 2 dagegen wie ein Schwätzer wirkt.
Ach ja, einsame Männer, mal wieder, irgendetwas muss da schief gelaufen sein in der Jugend, man erfährt es nie. Wieder ein Film der Namenlosen: Dem Driver wird eine Falle gestellt vom verbissenen Detective. Er soll bei einem von der Polizei arrangierten Banküberfall das Fluchtauto fahren. The Player (Isabelle Adjani) läuft ein wenig erratisch durch den Film. Eigentlich ist sie einfach The Girl, das jeder Film braucht. Auch sie redet kaum, sie schaut in erster Linie.
Ein guter Schuss Neo-Noir, artifizielle, eigene Gangster-Welt, Überfälle, die alle nach dem selben Prinzip ablaufen. Der Fluchtfahrer wartet, maskierte Typen springen in den Wagen, spektakuläre Verfolgungsjagd mit Kamera auf Höhe der Stoßstange, viel Blechschaden. Der Film wurde 1978 gedreht, ein paar Jahre später als früher bereits erwähnten Two Lane Blacktop und Vanishing Point. Man sieht die schäbigen 80er schon an der Oberfläche blitzen. Trostlose, trockene Geschichte in ihrer ganzen Machart.
Ich mag den Film ja schon wegen des darauf basierenden Computerspiels, auch wenn es darin nur noch ums Autofahren ging.

“Was fällt Ihnen zu Goethe ein?”
–”Schiller.”

Über die Jahre hat er sich wohl ein wenig abgenutzt, aber im nach der Renovation wieder neu eröffneten NZZ-Gebäude ist davon nichts zu spüren.

Wieder eine kleine Perle für den auto-interessierten Cineasten:
Gestern Two Lane Blacktop gesehen, welchen ich nun gerne weiterempfehlen möchte.

Vollkommene Tristesse einsamer Männer auf ihrer Tour über die Dörfer, nach Washington, DC. Zwei schweigen in ihrem aufgepumpten 55er Chevi, einer quasselt wie besessen in seinem 70er GTO. Dazwischen Rennen. Und Schrauben. Und eine kratzbürstige Lolita, die sich gelegentlich beschwert.
Mehr ist nicht, und mehr soll nicht, wunderschön, mein erster Monte Hellman.
Aus dem gleichen Jahr wie Vanishing Point, 1971, und namenlos über die gesamte Laufzeit: es gibt nur the driver, the mechanic, the girl…

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