Archiv für November 2008


Die Popberichterstattung aus Berlin lag etwas danieder. Das wird jetzt anders. Gestern beispielsweise war ich beim “TV On The Radio”-Konzert im SO 36.
Dafür, dass die Band schon Ende September in Berlin gespielt hat, war es surreal voll. Irgendwie kam ich mir eh vor wie im falschen Film. Ich bekam den ganzen Abend diesen metalischen “Wir-Kinder-vom-Bahnhof-Zoo”-Geschmack nicht aus dem Mund. Woran lag es?
Nicht ganz abwegig: Die Atmo mit dem Ort verbinden. Zwar haben im SO 36 die “Sex Pistols” gespielt, hing hier Kippenberger mit der “Tödlichen Doris” ab – aber in den letzten Jahren ist der Club doch ziemlich zu einem Treffpunkt rückwärtsgewandter Lokalpatrioten geworden. Bester künstlerischer Ausdruck dafür: Der sonntägliche Tanztee und Karaoke.

Mit Tanztee hatte das Konzert gestern nun wenig gemein, schon während des Schlangestehens vor der Tür spürte man: Heute wird es nicht gesittet. Blödes Anrempeln, zu lautes Gelaber, die Mützen wurden tief ins Gesicht gezogen. Die Tür war hart, man hatte mal wieder den Eindruck, als Palästinenserin nach Israel einreisen und nicht einer Kulturveranstaltung beiwohnen zu wollen. (Fotoapparate waren übrigens auch nicht erlaubt, deshalb gibt es an dieser Stelle auch kein Gigfoto).
Drinnen wurde einem dann allerdings schnell klar, dass die penible Taschen- und Körperkontrolle wohl doch nur Show war – lange her, dass ich so viel Verstrahlte auf einem Haufen gesehen habe. Die Betonung liegt auf “viel”, denn wirklich war es so voll, dass man das Konzert eigentlich vergessen konnte. Irgendwo in weiter Ferne konnte man die Bühne erahnen und nach einer Weile zwei New Yorker mit großen Brillen – wo war der Rest?

Auch wenn das Konzert betont anti-effekthascherisch begann (also nicht die Hits des aktuellen Albums “Dear Science”, sondern ein paar ältere Rockstücke), an “TV On The Radio” lag es bestimmt nicht, dass das SO 36 gestern mühelos den Wettbewerb “Abgefucktester Club der Woche” gewonnen hätte. Bekanntlich sind die Brooklyner gerade unter anderem so in, weil sie so einen guten Geschmack haben. Ihnen ist die längst nötige Ablösung des Hot Chip inspirierten 80er-Jahre-Metallbrillenmodells durch das tellergroße Hornbrillenmodell zu verdanken und schon dafür sollten sie den Bundesverdienstorden bekommen. Daneben ist ihr neues Album „Dear Science“ sicherlich der momentan gelungenste Ausdruck einer post-racial Ästhetik neben Barack Obama.

Umso schlimmer, dass es gestern so eine pickepack volle Versammlung von Panneköppen war. An oberste Stelle: Die Leute, die von sich glauben, sie seien nonkonformistisch, wenn sie demonstrativ in Clubs rauchen. Man möchte ihnen die Fluppe aus der Hand schlagen, drauf treten und sagen: “Wenn das alles ist, was du an Widerstand bereit hälst, dann spring doch gleich von der Brücke”. Super im “Berghain”: Da werden Leute dafür bezahlt, dass sie die demonstrativ rauchenden Peinsäcke vor die Tür begleiten. Nötigung Nr 2: Echt eklige volltrunkene Mittfünfziger mit leeren Whiskeygläsern in der Hand, nervig rauchend und Frauen aufreißend. Das Modell „paisleytuchtragender Syberberg-Imitator” gibt’s doch gar nicht mehr? Gibt’s eben doch. Im SO 36. Nr. 3 der Verstöße: Im Vorraum neben den Klo verdrogt auf dem Boden rumsitzen und sich von geschmacklosen Punkern mit Bausparvertrag volltexten lassen. An anderer Stelle werde ich noch mal genauer erklären, warum meine Geschlechtsgenossinen im Nachtleben leider sehr ungünstige Tendenzen aufweisen, so viel sei aber schon mal verraten: Natürlichkeit ist nicht immer Trumpf.
Sonst hätte der riesengroße blonder Junge mit den Rastalocken – „a giant“, wie die kleine Frau neben mir bemerkte – sicherlich mehr Bewunderer gehabt, als plötzlich an der Bar zusammensackte und allen Ernstes ohnmächtig wurde. Der Gigant musste halbnackt von fünf Helfern aus dem Raum getragen werden. Expedition aus dem Tierreich.

Ach ja: Ein Rockkonzert ist eine Rockkonzert ist ein Rockkonzert. Keine Messe, kein Museum, keine Vorlesung und schon gar kein „Kulturveranstaltung“. Hätt ich beinahe mal wieder vergessen.

Aber interessant, was Dave Simon, Ex-Reporter und Macher der wunderbaren HBO-Serie The Wire, zum Thema Medien, Bürger-Journalismus und Internet zu sagen hat. Seinen Vortrag “The Audacity of Despair”, gehalten am 10. September 2008 an der Universität Berkeley, könnte und sollte man sich ruhig mal anschauen, gerade in diesen traurigen Zeiten, wo sich BILD-Leserreporter bald bei LIDL mit Leserreporter-Kameras (mehr bei heise.de) ausrüsten können. Das Video des Vortrags gibt es hier.

Ach und Weh, warum gibt es verdammt noch mal keine einzige anständige Sonntagszeitung im deutschsprachigen Raum?
Jeder neue Fehlkauf führt in seichte News-Unterhaltung und selbstgefällige Stil-Beilagen.
Natürlich hab ich noch nicht alle probiert, aber NZZaS, FAS, Sonntagszeitung… mag ich schon gar nicht mehr aufschlagen.
Empfehlt ihr mir was?
Sonst rate ich euch: mit der immer wieder hervorragenden NZZ vom Samstag lässt sich auskommen.

(Nächstes Mal: warum kann man eigentlich Die Zeit kaum mehr lesen?)

Die Filmkamera als Mordwerkzeug: Eines der Stativ-Beine ist ein Bajonett. Hochgeklappt, nach vorne aufgerichtet, muss es die Psychoanalyse bei all ihrer Symbolsuche zwangsläufig an einen Penis erinnern. Der Mörder, ein Kameramann, will Todesangst erzeugen. Während des Mordens filmt er das angstverzerrte Gesicht seiner weiblichen Opfer aus nächster Nähe. Filmen und Töten werden eins. Im Filmlabor, dem Refugium eines Mad Scientists, projiziert er diese Filme wieder und wieder, sitzt im Dunkeln voller Erregung und starrt auf die erleuchtete Leinwand – mit dem Blick eines Kino-Besuchers, der ungesehen sehen will.
1960 kam Peeping Tom (deutscher Titel: Augen der Angst) von Michael Powell, heute ein Klassiker des britischen Horrorfilms, in die Kinos und wurde gehasst von weiten Teilen der Kritik, von den Moralanstalten sowieso, und das Publikum zeigte sich auch nur mäßig begeistert. Welcher Filmfan fühlt sich schon wohl in einem Film, der eine direkte Verbindung zwischen Kino, Voyeurismus, Sexualität und Tod herstellt und diesen Zusammenhang auch noch in allen Facetten vor (Kamera-)Augen durchspielt? Zwar sind all diese Diskussionen heute schon vielfach geführt und dennoch: Der grundsätzliche Grusel funktioniert immer noch hervorragend, wie ich neulich im Münchner Filmmuseum feststellen durfte.
Ausgerechnet Karlheinz Böhm, der brave Franz Joseph aus den Sissi-Filmen, Traumprinz und Lieblings-Schwiegersohn, spielt den Psychopathen Mark. Freilich wurde Mark nur dazu, weil sein Vater der Wissenschaft zuliebe an der kindlichen Psyche herumdoktern musste, um über das Thema “Angst des Kindes” zu publizieren. Karlheinz Böhm ist hier der freundliche, etwas verschlossene Mann von Nebenan bzw. von der Wohnung darüber, beruflich integriert und geschätzt, doch im Privaten liegt alles im Argen. Alles, was er hat, sind seine Filme, seine Obsessionen und seine Morde. Dann der Kontakt zu einer Frau, ein echter Kontakt, ohne das distanzierende, vermittelnde Auge der Kamera dazwischen! Rettender Engel kann sie dann natürlich doch nicht werden, nur die Vorahnung von einem anderen Leben. Morde werden gesühnt.

Nett ist der englische Kino-Trailer, der sich – wahrscheinlich wohlwissend – gleich wunderbar reisserisch an die niederen Instinkte der Zuschauer wendet.

[youtube 8fdw7Koujas]
YouTube direkt

Nebenbei: Peeping Tom ist einer dieser Filme, die sehr schön zeigen, wie sich Zeitgeist und Kunstverständnis über die Jahre ändern. Fand der katholische Filmdienst damals diesen Film doch “krankhaft, abwegig und peinlich geschmacklos”, konstatiert heute das Lexikon des Internationalen Films, das ja aus gleicher Quelle stammt: “Rückblickend gesehen ein erstaunlich moderner Film über den Zusammenhang von Schaulust, Todessehnsucht und sexueller Neurose.”

Klingelt doch eben das Telefon, ein Mann der Konzert-Agentur Argo ist dran, sagt, er hätte meine Nummer von einem meiner Auftraggeber, und fragt, ob ich für die „Leipziger Volkszeitung“ einen Münchner Termin mit Patricia Kaas wahrnehmen könnte. Man wollte erst einen Redakteur der „Leipziger Volkszeitung“ einladen, das hätte nun leider nicht geklappt; wenn ein freier Journalist die Sache vor Ort übernehmen könne, würde die „Leipziger Volkszeitung“ aber gerne einen Text nehmen.
Da mir die Angelegenheit etwas komisch vorkam (wieso ruft die „Leipziger Volkszeitung“ nicht selbst bei mir an?), habe ich nachgefragt. Und tatsächlich: Der Text wird also von Argo bezahlt und die „Leipziger Volkszeitung“ bekommt ihn gratis – das sei schließlich die Bedingung dafür, dass dem Thema in der „Leipziger Volkszeitung“ überhaupt Platz eingeräumt würde, erklärte mir der Mann freimütig am Telefon.
Als ich erklärte, derartige PR-Aufträge widersprächen meiner Berufsauffassung (auch journalistisches Ethos genannt), war er nicht mehr ganz so nett wie zuvor und sagte: „Da sind Sie aber die Erste, die damit ein Problem hat.“
Und was das Schlimmste daran ist: Das glaube ich ihm aufs Wort.

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