Archiv für Dezember 2008

Immer noch bin ich unglaublich gut gelaunt wegen des Konzerts von Giant Sand gestern Abend im Münchner Feierwerk. Survive, when the cold wind blows. Wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke, war es – wieder einmal – das beste und netteste Konzert, auf dem ich gewesen bin. Ist jedes Mal so, wenn Giant Sand auf Tour waren. Deshalb schon wieder ein Giant-Sand-Video – einfach so. Wenn einer Stil hat, dann Howe Gelb, echt wahr!

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Da zwingt mich jetzt ein nervöser Mann doch noch zu einem Artikel.

Vor zehn Jahren, oder elf, sah ich im Berliner Central Oskar Roehlers Silvester Countdown, vor einer Weile wiederholte sich dieses Schauspiel dann auf DVD. Damals war ich ja emotional ziemlich mitgenommen gewesen nach dem Ende, dieses Mal war ich aber trotzdem noch ganz beeindruckt.
Nicht dass ich den jetzt rundheraus empfehlen wollte. Aber. Toll. Toll, wie der Herr Roehler und sein Hauptdarsteller RP Kahl hier was Eigenes machen wollten. Wie da ein Pärchen sich hysterisch liebt und begeistert fertigmacht. Konsequente Überreizung. Im Bonusmaterial erzählt ein knuffiger Roehler von der Finanzierung und Wong Kar-Wai, herzig! Hey, Ende der Neunziger…

Ich musste ja nach Berlin fahren, um Berlin Calling zu sehen (für die Schweiz ist kein Filmstart absehbar, und die DVD frühestens in einem Jahr). Das tat ich dann im Central, und wie bereits 1998 zuckt im Kino auch heute wieder dieser Unsympath durchs Bild und verteilt Hektik: RP Kahl macht das unheimlich gut, ein stressiges Vorwärts, bebende Borniertheit, Dealer Erbse, super.

Ganz im Gegensatz dazu erscheint seine platte Zartheit im Teaser einer aktuellen Tanz/Video-Arbeit oder seine Mädelsbetrachtung Mädchen am Sonntag, nochmal ganz anders dann sein Engagement für das Trashkino mit dem Verleih beängstigender Perlen wie A Gun for Jennifer.

Mehr wollt ich eigentlich auch gar nicht sagen.
Zu Berlin Calling? Ambitionierter Fernsehfilm mit Corinna Harfouch. 1-2-3-Drehbuch. Wo die Bilder mal nicht Musikvideo sein wollen, wirds durchaus schön.
Aber Mann, die Musik!

1981 funktionierte die Dada-Methode des Aus dem Zusammenhang reißen, in den Zusammenhang schmeißen noch als Subversion. Die Hamburger Band “Palais Schaumburg” veröffentlichte eine Neufassung des Liedes „Wir bauen eine Stadt“ von Paul Hindemith. Diese Version transportierte mit ihren funkigen, zerrissenen Trompeten gleich zweierlei: Den Anschluss an die Avantgarde der 20er Jahre und den Schulterschluss mit dem britischen Postpunk und dessen Abgrenzung gegenüber dem weißen Punk über den Rückgriff auf den schwarzen Funk.

Was das Auftreten anging, gab es in den frühen Achtzigern wohl wenige deutsche Bands, die so stilbildend gewirkt haben wie “Palais Schaumburg”. Noch im nachhinein ergötzt sich ein gewisser Ronald Pohl im österreichischen Standard an ihrem Dresscode: „Die Alster-Jungs tragen nicht nur Steirer-Janker – sondern Bundfaltenhosen. Slipper mit Bommeln oben drauf. Die Weltrevolution war kurze Zeit im Cottage zuhause!“

Mit dem Janker probte der deutsche Pop den Aufstand der Zeichen. Er ist in seiner Unzweckmäßigkeit eigentlich nur mit dem amerikanischen „Zoot Suit“ aus den frühen Tagen des Jazz zu vergleichen. War der Zoot Suit viel zu groß, war die Trachtenjacke viel zu warm für den Bühnenauftritt. Ursprünglich aus dem südlichen Deutschland oder Österreich stammend, signalisierte sie etwas, das mit dem urbanen New Wave nichts zu tun hatte: Anständige Kleidung im Kontext ländlicher sozialer Hierarchien.

Die Verpflanzung des Jankers zeigt: Die Popästhetik der frühen Achtziger war gleichzeitig de- und reterritorialisierend, um mit Gilles Deleuze zu sprechen. Die Fluchtlinie Pop deterritorialisierte die Volkstümlichkeit, allerdings nicht ohne wieder auf von Deleuze als dem Prozess inhärent beschriebenen „faschistischen Versteinerungen“ zu treffen, denn stilistisch waren das Hakenkreuz auf der Lederjacke der Punks und der Steirer Janker nicht so weit auseinander wie man es gern gehabt hätte. Genauer: Während die Punks mit dem platten Nazis kokettierten, versuchte es der Pop mit dem Stil der konservativen Revolutionäre der Zwischenkriegszeit. Thomas Meinecke erinnert sich in „Pop seit 1964“ daran, dass man sich in den frühen Achtzigern einen „Tonfall“ anerziehen musste, der nichts mehr mit dem Innerlichkeitsduktus der 70er Jahre“ zu tun hatte und dass dieser neue Tonfall nicht selten dem alten Tonfall Ernst Jüngers glich. Die Pop-Ästhetik der 80er konnte nicht links sein, da das ja gerade das ästhetische Modell war, von dem man sich absetzen musste. Nicht selten – und hier liegt die Schizophrenie der Selbstpositionierung des Popmusikdiskurses – war sie dem Anschein nach rechts. Der elitäre Gestus, mit dem sich die jungen 80er Jahre Popisten die „Dümmsten“ (Meinecke) vom Leibe hielt, war einfach nicht dazu angetan, den Arbeiter zu mobilisieren.

Die von Thomas Meinecke einerseits beschriebenen, andererseits von ihm selbst und Diedrich Diederichsen leidenschaftlich vorangetriebenen Bemühungen, sich von der Generation der großen Brüder und Schwestern abzusetzen, zeigt den unbedingten Wunsch nach Distinktion und Elite, der in den Achtzigern sowohl den Inhalt, als auch die Form anging. Die Methode, die anderen zu diskreditieren, war die sophistication.

Als ein „endloses, garstiges Spiel der Selbstpositionierung der bürgerlichen Mittelklasse, bei dem mit hohen Einsätzen gespielt wird“, beschreibt der amerikanische Literaturwissenschaftler Joseph Litvak die sophistication. Angewandt auf die Popmusikkultur der frühen 80er Jahre kann man sagen: Mann (in diesem Fall kann man wirklich von einer ausgesprochen männlich geprägten Deutungselite reden) ging an die Arbeit.

Abgesehen von der eigenen Positionierung, die eben genau durch die von Martin Büsser angemerkte Rigidität in der Verwerfung praktiziert wurde, stand natürlich die desophistication der Dümmsten an oberster Stelle. Das „soziopolitische“ Moment der frühen in Spex praktizierten Kritik, in der das „ästhetisch als verbraucht Empfundene auch als politisch verbraucht“ eingestuft wurde, wandte sich zuallererst gegen die Hippieästhetik und die Politik der Hippies. Das Anti-Authentische der frühen Pop-Ästhetik, ihre Selbstreflexion und die berühmt-berüchtigte „Affirmation“ als kulturpolitische Strategie sind Reaktionen auf einen Reiz, den man nicht mehr ertrug.

Forward ever backward never lautete 1991 der Spruch der Technojünger. Damit kappten sie die Seile, die die Popmusikkultur der 80er noch mit dem Mutterschiff Dada und Avantgarde verband und fuhren hinaus aufs offene Meer. Jetzt galt nur noch: Neu und weit wegführend musste der Pop sein. Die Ästhetik des Berliner Techno der Neunziger war die Besetzung der maroden Berliner Mitte durch den Sound. Die TAZ, die temporäre autonome Zone nach Hakim Bay wurde zu dem Ideal. Das sophisticatete Moment der technoiden Ästhetik war der Wunsche, der Instrumentalisierung durch Musik durch den deterritorialisierenden Sound entgegenzuwirken: Das Subjekt an sich galt als überholt. Die poplinke Philosophie ging von Baudrillard und Lyotard vollkommen auf Deleuze/Guattari über.

Das Label “Mille Plateaux”, benannt nach dem Buch von Gilles Deleuze und Felix Guattari, Gruppen wie „Oval“ und ihre Interpretationen der Deleuzschen Denkfiguren wie des „Ritornells“ wurden zur Blaupause dessen, was sich der poplinke Intellektuelle in den frühen Neunzigern unter Zukunft und poplinker Ästhetik vorstellte.

Doch der Deterritorialsierung folgte wie immer die Reterritorialisierung. Die hörte in den Neunzigern auf einen Namen: Hamburger Schule. Mit Jochen Distelmeyer und seiner Band Blumfeld kam das leidende Subjekt mit solcher Gewalt zurück in die deutsche Popmusiklandschaft, dass man schon sagen muss: Eigentlich hat die Hamburger Schule die sophistication der deutschen Musiklandschaft auf ihrem Gewissen.

Das mag auf den ersten Blick absurd klinge, waren es doch genau diese Hamburger Bands, Blumfeld, Tocotronic, Die Sterne, Tomte etc, die den Diskurspop ins Leben riefen – aber der Diskurspop hat eben mit Deterritorialisierung und sophistication nichts mehr gemein. Und wenn man diese beiden Begriffe als die Basis eine poplinken Ästhetik ansieht – einer Ästhetik, nicht eines Diskurses – dann muss man sagen: Die Hamburger Schule hat diese poplinke Ästhetik nie gehabt.

2001 tritt Jochen Distelmeyer bei „Top oft the Pops“ auf. Ein Jahr später haben Kettcar mit An den Landungsbrücken raus einen Hit – die Grenze zwischen Indie- und Deutschrock wird durchlässig. Die Vorgruppe wird zum Moter der Evolution der Hamburger Schule. Tocotronic, die Vorgruppe von Blumfeld, Tomte, die Vorgruppe von Tocotronic, Kettcar, die Vorgruppe von Tomte: Die Tautologie wird zum identitätsstiftenden Moment und damit sind die Hamburger Bands nach Boris Groys die besten Repräsentanten verlorener Subjektivität im Zeitalter der Globalisierung.

Das jugendliche Subjekt, das sich zu verorten sucht, wird zum Grundthema des deutschen Indie. Deutschrock hat ein lange Tradition in Deutschland, die vielleicht etwas mit links sein zu tun hat –Rio Reiser – aber garantiert nichts mir Pop. Insofern hat Maurice Summen schon recht, wenn er sagt, der Indierock hätte die Poplinke verstört. Ende 2008 kann man darüber hinaus erkennen, dass auch Roger Behrens vollkommen recht hat, wenn er sagt, dass die Poplinke „letztlich sang- und klanglos dahin verschwunden ist, wo sie eigentlich immer schon hinwollte: in den Konformismus deutscher Normalität.“ Die Solo-Alben von Bernadette La Hengst (Prenzlauerberg-Deutschrock), Frank Spilker (Sozialdemokratischer Liedermacherpop) die Alben von Kettcar (Schwarz-Grüne-Larmoyanz) zeigen das nur allzu deutlich.

Newcomern wie der Hamburger Teenie-Band 1000Robota traut man die poplinke Ästhetik, die sie so süß demonstrieren, einfach noch nicht zu. Für die Neo-Schnösel und ihrer Coverversion von „Wir Bauen eine Stadt“ gilt erst einmal: gefakete poplinke Ästhetik. Und „Ja Panik“, die mit der großen Klappe aus Wien: Sophistication und Deterritorialisierung Fehlanzeige. Stattdessen viel Bauchgefühl und hin und wieder ein nackter Arsch.

Der Einbruch war also die Hamburger Schule – gleichzeitig kann man natürlich sagen, dass eine poplinke Ästhetik auch eine Korrelation in der Wirklichkeit braucht. Hip Hop war in den Neunzigern so interessant, weil er der Sound einer Minderheit war – etwas ähnliches kann man über feministische Bands wie Le Tigre sagen. Im neuen Jahrtausend wäre es aber an der Zeit gewesen für die deutsche Poplinke, sich für die Minderheiten in ihrer eigenen Gesellschaft zu kümmern und das heißt in diesem Fall: Aggro Berlin statt Hamburger Schule.

Dazu waren sich die bürgerlichen Diskurs-Popper allerdings zu schade. Besonders aus München und seitens der SZ kam vermehrt die Ansage: Das ist uns zu prollig. Hier muss man schlicht noch einmal reüssieren, was Behrens im Zusammenhang mit der Birmingham School und den frühen britischen Cultural Studies geschrieben hat: Wenn man sich nicht mit denen kurzschließt, die eine Veränderung der Verhältnisse fordern – und sei es im rüdesten Ton – dann fehlt dem Pop das Linke.

2011 ist Deutschland endlich ein Einwanderungsland geworden, mit allem was dazu gehört. Wie in Frankreich repräsentieren Bands mit Migrationshintergrund die deutsche Nation im Ausland und beim Fußball. Pop ist sehr leicht geworden, Diedrich Diederichsen nach St. Louis ausgewandert, der einzige, der den Namen Popkritiker noch mit Stolz trägt, ist Dieter Bohlen.


Zum Weiterlesen:

Martin Büsser: Einfach durchwinken, Jungle World 44/2008
Roger Behrens: Drei Anmerkungen zur Poplinken – Maxiversion, www.rogerbehrens.net
Maurice Summen: Die utopische Idee, vom Zeilengeld leben zu können, Jungle World 48/2008

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