Archiv für Februar 2009

Als Künstler: diese elende Mühe, wahrgenommen zu werden.

Die gute und zeitgemässe Abhilfe gegen die Unsichtbarkeit bieten Online-Galerien wie diese und jene, die vermehren sich wie die Karnickel zur Zeit. Heute begeistert mich die Lumobox-Galerie, welche ihr Geschäftsmodell stärker als die Konkurrenz auf die Kundenwünsche abzielt. Hier kann man die Kunst nach Farben sortiert durchblättern und sich schliesslich eine Wohnzimmer-Vorschau generieren lassen!
Das ist die Zukunft! Leider für hunderttausend Werke im immer gleichen bünzligen Laminat-Ledersofa-Zierbaum-Ambiente, da fühl ich mich dann doch nicht als Teil der Zielgruppe.

Und durchaus verwandt folgende Anzeige vom Kunsthaus Mensing, die mir eben zugesandt wurde. Durchlesen lohnt!
veraufer

Zum Glück werd ich jetzt a) erstmal nicht Künstler und b) hab einen Job ganz woanders.

Die Berlinale war dieses Jahr für mich geprägt von Extremen. Auf der einen Seite die beeindruckende 70mm-Retrospektive: neben dem DDR-Kostüm-Opus „Goya“ und dem Marlon-Brando-Spaß „Die Meuterei auf der Bounty“ hab‘ ich noch „Lawrence von Arabien“ gesehen. Fast eine Reihe nach hinten gedrückt hat mich im International aber John Fords letzter Western „Cheyenne Autumn“. Es war zwar keine restaurierte Kopie und sie hatte schwedischen Untertiteln, oder waren es norwegische? Aber die Farben und die Schärfe des Monument Valley waren als echte 70mm-Projektion wirklich unglaublich. Und selbstredend ist auch ein mittelmäßiger Western von John Ford besser als fast alle neuen Filme.

Auf der anderen Seite gab es diese vielen ganz kleinen Momente. Natürlich Andre Bujalskis feiner „Beeswax“, wo Bujalski wie schon bei „Mutual Appreciation“ Freunde von ihm beim alltäglichen Konversationswahnsinn auf 16mm filmt. Diesmal als Gerichtsthriller ohne Thrill, wie er beim Q&A danach zugab. Wieder geht es um Beziehungen und Unbeziehungen und all die sprachlichen Vermittlungsversuche, mit viel Witz und Fingerspitzengefühl. Auch die Asiaten haben mich wieder schwer beeindruckt. Etwa das stimmungsvolle koreanischen Road-Movie “My dearest Enemy” von Lee Yoon-Ki, bei dem ein Ex-Pärchen durch Seoul kurvt, damit der Mann Geld für seine Ex-Freundin auftreiben kann. Den stärksten Film fand ich „Claustrophobia“ von Ivy Ho.

claustrophobia

Eine Geschichte von einer Handvoll Menschen, die zusammen in einem engen Büro in Hongkong eingepfercht arbeiten, in einem engen Aufzug und einem engen Auto nach Hause fahren. Es geht um das alltägliche Leben in Hongkong also, erklärte die Regisseurin und nennt es auch ein Road-Movie. Wie beim koreanischen Film am Tag zuvor aber nur in einer Stadt. Der Film beginnt mit einer Autofahrt der Gruppe bei der sich zwei Personen anfangen zu streiten. Dann gibt’s einen plötzlichen Sprung in die Vergangenheit und wenig später weiter in die Vergangenheit… Der Film ist rückwärts erzählt, schafft aber das Außergewöhnliche, dass es einem wie eine normale Filmstruktur vorkommt. Langsam entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die mit dem Anfang ihren Höhepunkt findet. Sehr stark. Das Drehbuch hat Frau Ho übrigens für Herrn To, genau: Johnny To, geschrieben. Nachdem er ein Jahr nix daraus gemacht hat, hat sie’s zurückgekauft und selbst verfilmt.

Diesmal hab’ ich nicht wie letztes Jahr mit “Tropa De Elite” den Gewinnerfilm (“La Teta Asustada”) gesehen. Obwohl ich es mit dem etwas zu naiven “Mammoth” von Lukas Moodysson und dem gradlinig berührenden “London River” von Rachid Bouchareb durchaus versucht habe. Bei letzterem hat immerhin Sotigui Kouyaté den Preis als bester Schauspieler gewonnen. Aber irgendwie gewinnen bei der Berlinale ja immer fast alle Filme irgendwas.

Also, dass die NZZ aber gar so langsam ist mit dem Pekinger Hotelbrand… der Tagesanzeiger weiss schon seit einer halben Stunde, dass es doch nicht Koolhaas’ Staatsfernsehen ist, wie man ja auf allen Bildern auch gut erkennt.

Im Theorieregal stehen sowieso immer zu wenige Bücher, auch wenn ein Drittel ungelesen und in zweiter Reihe auf seine Zeit wartet. Will immer gern die anregenden Weltdeuter verschlingen, bis sie sich dann doch als zu schwer oder ärgerlich fürs Erreichen der letzten Seite herausstellen. Oder nicht mal richtig begonnen werden, was weiss ich warum.

Nichtsdestotrotz müssen dann wieder neue her, irgendwo hat sie jemand gut besprochen, irgendwer hat sie mir empfohlen, und bis vor einer Weile gabs noch die Geschmacksproben im Theorieseminar. Oder ich laufe beim Berlinbesuch ins pro qm und stosse auf den besten denkbaren Titel mit dem besten denkbaren Rückentext.

ueberwachung

Auf dem Rücken findet sich die charmanteste Kombination zweier Zitate zum irgendwie gleichen Zustand, aus einem Abstand von 70 Jahren Walter Benjamin und Wolfgang Bosbach.
Ganz mein Fall, von allem scheint was dabei: Bildbegriff, politische Entwicklungen der westlichen Welt und die Auflösung der klassischen Öffentlichkeit. Bürgerrechte angesichts staatlicher “Terrorismus!”-Argumentationen, das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft. Toll, toll, toll, denk ich mir, und auch noch so aktuell, grad erst ists erschienen.
Beim Lesen jedoch wächst in mir der Ärger; zwar freu ich mich über eine Fülle an Daten und Fakten, aber Stil und Argumentation enttäuschen auf ganzer Linie. Schon nach der Einleitung mit einem schwachen Bild startet das erste Kapitel mit einer Sentenz für die Ewigkeit: “Videoüberwachung blickt zwar von oben herab, fällt aber nicht vom Himmel.” Oh weh.
Schwammig drechselt Dietmar Kammerer sich dann weiter, wechselt Begriffe mitten in der Argumentation aus und zieht ab und an einen hanebüchen Schluss. Am schönsten, wenn er von der Tatsache, dass ein Überwacher vor zu vielen Monitoren den Überblick verliert, auf das “irritierende Paradoxon” schliesst, “weniger Kameras bedeut[et]en bessere Prävention”. Dass hier nur schon eine Aufstockung des Personals eine grössere Überwachungsleistung ermöglichte, passt ihm nicht in sein gelegentlich zu pointenfreudiges Vorgehen.

Schade schade, aber fertiglesen werd ich trotzdem, Theorie lässt sich einfach besser stückeln als ein Roman. Rein für die bedeutsame Thematik, die oftmals überraschenden Untersuchungsergebnisse und Zitate, die tausend Quellen möcht ich das Buch schon empfehlen, allein die Form macht es mir a bissl schwer.

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Zürich - MÜNCHEN - Berlin
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