Archiv für Mai 2009

Wie heißt das? Den Pfahl im eigenen Auge nicht sehen? Warum man im SPIEGEL-Shop Nazi-Bücher findet – und woanders auch


So schön …

Äußerst lesenswert ist Hans Schmids dreiteiliger “Bericht über eine Reise nach Absurdistan” auf telepolis. Der Autor versucht darin, quasi als Rahmenhandlung, Mario Bavas Film Ecologia del delitto von 1971 zu erwerben, einen Film, der von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien 1983 indiziert wurde und somit nicht mehr verkauft werden darf. Natürlich geht es um Zensur und Meinungsmache, Inkompetenz und Ignoranz, um den Unterschied zwischen “gutem Töten” und “bösem Töten” und um die absurde Tatsache, dass ein paar Filmsekunden darüber enstcheiden, ob ein Film jugendgefährend ist oder nicht.

Eine – zugegebenermaßen polemische – Stelle mag ich besonders gern. Der Autor schreibt da über Ten Little Indians von George Pollock, eine Agatha Christie-Verfilmung.

Ich verlange nicht, dass Ten Little Indians auf den Index kommt. Es stellt sich aber die Frage, was Bava falsch gemacht hat und Pollock richtig. Zunächst ist da natürlich die Gewalt. Hitchcock war irgendwann angewidert von Filmen, in denen es “Peng” macht und dann fällt die Leiche um. Deshalb zeigte er in Torn Curtain (Der zerrissene Vorhang) und in Frenzy, dass es viel schwieriger ist, einen Menschen umzubringen, als es uns im Kino meistens vorgegaukelt wird. Bava empfand das wohl so ähnlich. Pollock dagegen hielt sich an die Regeln. Bei ihm ist man weit weg, wenn eine Frau in einen Abgrund stürzt und zerschmettert wird, und er schneidet, bevor das Messer in den Körper eindringt. So ist das Töten, weil “nicht brutal”, erlaubt. Das führt zu kuriosen Sätzen wie dem in der Indizierungsentscheidung der BPjM (Blutrausch): “Die dargestellten Tötungs- und Verletzungshandlungen sind grausam und unmenschlich.” Mir gruselt vor Leuten, die solche Sätze schreiben. Ich dachte, wir hätten uns nach 1945 darauf geeinigt, dass das Töten von Menschen (Bava lässt das auch für die Tiere gelten) prinzipiell grausam ist. Deshalb haben wir die Todesstrafe abgeschafft, statt nach der “humansten” Hinrichtungsmethode zu suchen.

Teil 1: Wie ich einmal versuchte, einen indizierten Film zu kaufen

Teil 2: Einmal gefährdungsgeneigt, immer gefährdungsgeneigt

Teil 3: Amokläufer unter sich

Herr Magris feierte letzthin seinen 70. Geburtstag, was Anlass für zahlreiche freundliche Artikel gab. Und darüber Grund für mich, sein vor Jahren beiseitegelegtes Werk “Donau – Biographie eines Flusses” wieder hervorzuziehen und ein Lesezeichen bei 400 oder so zu finden. Ganz ganz fein, und nach langem endlich wieder gefesselt!
So sauber gebaut und gedacht, eine kulturgeschichtliche Unternehmung von Donaueschingen bis ans Schwarze Meer. Eben komm ich zum Kapitel Götter und Pfannkuchen, will kurz untypisch Flottes zitieren (über Bukarest):

Der franko-balkanische Stil wird grober und ornamentaler, gibt der Verführung des Dekorativen ebenso nach wie dem horror vacui; die Balkone und die schmiedeeisernen Verzierungen der den Pariser Gebäuden nachempfundenen Fassaden betonen Kurven und verschlungene Schnörkel, der Klassizismus ist massiver, der Ekklektizismus markanter und schwerfälliger, gekünstelte Säulen und Kapitelle, heitere Kuppeln in einem mittelmässigen Art Déco. Der Jugendstil stellt viel Gold und Armut zur Schau, ergeht sich in bemalten Glasfenstern und verfallenen Freitreppen. In dem Jugendstil-Atrium der Casa de Mode drängen sich Zigeuner, während unweit davon die Marktstände in Lipscani übelriechende Süssigkeiten und Büstenhalter anbieten, die vor kurzem benutzt zu sein scheinen.

Lesen bei offenem Fenster, Frühling, grossartig.

Zürich - MÜNCHEN - Berlin
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