Archiv für Juni 2009

Als das Gerede von der Wirtschafts- respektive Finanz- respektive Zeitungskrise anfing, habe ich mir schon ein paar Sorgen gemacht. Allerdings konnte ich noch jedes Mal, wenn mich jemand nach meinen persönlichen Erfahrungen damit befragte, fröhlich zugeben, dass mich das überraschenderweise nicht weiter tangiert.

War ja auch so: Nachdem Montgomery die Berliner Zeitung übernahm und zu sparen versuchte, was das Zeug hielt, waren wir Freie mal kurz kalt gestellt. Aber wirklich nur sehr kurz. Und dann lief wieder alles weiter wie zuvor.

Als die Netzeitung von eben demselben Montgomery bzw. seinem Stellvertreter auf deutscher Erde Josef Depenbrock für 2009 einen Etat bekam, der keine freien Mitarbeiter mehr vorsah und die vier Autoren der Medien-Kolumne “Altpapier” (von denen ich eine bin) Ende November 2008 also erfuhren, dass sie ab Januar 2009 nicht mehr gewünscht wären, bekamen wir sogleich vier oder fünf (allesamt bedenkenswerte) Angebote für dessen Fortführung. Wir sind dann bei dnews gelandet.

Dann wurde auch noch der Freitag von Jakob Augstein aufgekauft und relauncht, was zwar die Länge der Texte verringerte, durch den Ausbau der Website aber zusätzliche (auch Verdienst-)Möglichkeiten bot.

Und ich dachte: Was für eine Krise?

Nun gut, diese naiven Zeiten sind vorbei, jetzt nähert sich die Krise auch mir. In bislang kleinen Schritten zwar, allerdings mit unverkennbarer Ausrichtung.

Für dnews habe ich in den vergangenen Monaten nicht nur das “Altpapier” geschrieben, sondern ab und an auch Literaturkritiken. Damit ist´s nun vorbei, wie mir der zuständige Redakteur schrieb, da der Kulturteil “zurückgenommen” werde.

Ich will das auch gar niemandem übel nehmen. Mich hatte es ohnehin gewundert, dass ein Nachrichtenportal sich Literaturkritik leistet (eine Tatsache, die ja auch schon genug über meine Meinung über die Online-Presselandschaft sagt). Und wenn es die Leser nicht interessiert, lässt man das als Redaktion eben. Ich frage mich nur, ob Klicks tatsächlich Auskunft geben können über das Informationsbedürfnis der User. Demnach müsste ich auf meiner Website dann einfach nur noch Sexgeschichten anbieten, denn die bringen mir viele Klicks. Will ich aber nicht. Q.e.d.: Geld verdiene ich mit dieser Seite natürlich so gut wie keines.

Nur wenige Tage später erreichte mich dann eine Nachricht der Literaturchefin des Berner Bund, für den ich zwar nicht viel, aber sehr gerne (und ertragreich) geschrieben habe. Sie ist gekündigt worden. Wie viele ihrer Kollegen und Kolleginnen. Denn: Der “Bund” wird ab Herbst ein Kopfblatt des Zürcher “Tages-Anzeigers” und wird selbst nur noch über bernische Themen schreiben (Artikel aus der Basler Zeitung/PDF). Das heißt, dass beispielsweise auch die Literatur vollumfänglich von Zürich “bezogen” wird. Aus dem Geschäft bin ich also ebenfalls `raus.

Es mag nun eine unzulässige Pauschalisierung sein, da ich nur aus persönlicher Erfahrung sprechen kann, aber: Eines der ersten Opfer der Zeitungskrise ist – zumindest in meinem Fall ganz klar – die Literaturkritik.

Was ich außerdem nicht mehr übersehen kann: Ich werde mehr und mehr von öffentlichen Institutionen bezahlt. Und damit meine ich nicht nur solche Ausnahmeprojekte wie die Ausstellung, die ich 2007 für das Nürnberger Kulturreferat mitgestaltet habe, sondern eben einen Gutteil meiner ganz normalen Auftraggeber: den epd medien, das Grimme Institut und auch das Münchner Kulturreferat, das den KLAPPENTEXT finanziell fördert.

Bekommen wir also, was wir niemals wollten: dass der Journalismus zunehmend verstaatlicht wird? Wenigstens bei “meinem” Journalismus sieht es arg danach aus.

Das will ich schon seit vergangenem Donnerstag posten:
Natürlich die alte Leier der gegenseitigen deutsch-schweizerischen Verständnislosigkeit, viel mehr aber die wie immer unseriöse Tagi-Arbeit.
Das bittere Resumee des scheidenden Schauspielhaus-Intendanten war offenbar nicht dramatisch genug.

Hartmann: Da wird dann die schweizerische Gesprächskultur problematisch: Ich weiss nicht mehr, wo sie Raum für andere Meinungen gibt und wo sie Heuchelei ist.
Tagi: Abgesehen vom Schauspielhaus wird in Zürich also viel gelogen.
Hartmann: Wahnsinnig viel.



Was dann direkt zur Überschrift in Anführungsstrichen führt:
“In Zürich wird wahnsinnig viel gelogen”
Man kann ja gern zusammenfassen, aber hier riechts schlecht…

Auch, weil der Interviewer die gleiche Dünnhäutigkeit an den Tag legt:

Tagin: Da müssen Sie sich sehr fremd vorgekommen sein in diesen vier Zürcher Jahren.
Hartmann: Ich habe hier auch sehr viele gute Freunde gewonnen.
Tagi: Schweizer?
Hartmann: Ja
Tagin: Dabei haben die Schweizer doch immer das Bedürfnis, sich zu definieren und abzugrenzen?
Hartmann: Journalisten haben dieses Bedürfnis am stärksten.
Tagi: Einmal mehr sind die Medien schuld.


Ach ja, schon vor einem Jahr hatte Hartmann sich unbeliebt gemacht mit einem Beitrag in der NZZ, der viel entspannter und nachvollziehbarer das Gleiche beklagte (bei allen Artikeln lohnt sich ein Blick in die Kommentare).

Innere Wiener Straße, Haidhausen

europawahl

Seit wann kommt der 27. Mai nach dem 1. Juni, Herr Karl?

alleinstellungsmerkmal1
In meinem Beruf habe ich auch mit Journalisten zu tun. Oder zumindest sieht es auf den ersten Blick so aus, wenn jemand von einer Zeitschrift anruft und die Sonderausgabe zum Thema unseres Business ankündigt. Ein Interview mit dem CEO oder ein Artikel über die Firma, das wär doch schön.
Dieses Mal war es ein regelmässiger Einleger für die FTD [mit der er aber m.W. sonst nicht zusammenhängt], der gern etwas über uns gebracht hätte. Da hab ich mir doch mal ein Probeexemplar und die Unterlagen “für eine ziel- und themengerechte Ansprache potentieller Kunden” zuschicken lassen.

Unverhohlen wird dann der Beschiss geplant. Damit sich unser “Beitrag von anderen abhebt” wird unser Firmentext “nach redaktionellen Aspekten bearbeitet”, uns “selbstverständlich zur Freigabe vorgelegt” und dann “farblich unterlegt in das Gesamtbild der Reportage eingefügt”. Und dies alles gegen einen “Druckkostenzuschuß”.

Wie sich im Beispielheft zeigt, geschieht all das ohne jede Anzeigen-Kennzeichnung, Typo und farbliche Unterlegung mögen genügen. Und “Reportage-Teilnehmer” wie deutsche Banken, Grossunternehmen, Hochschulen nutzen das Instrument begeistert, deswegen ist auch tatsächlich die Hälfte des Blättchens farblich unterlegt, das “anspruchsvolle redaktionelle Umfeld” plaudert gefällig über die gleichen Themen.

Alternativ könne man auch eine klassische Anzeige schalten, praktisch findet das offenbar aber nur auf dem Umschlag statt.

Wäre jetzt wenigstens das Anschreiben in funktionierendem Deutsch, würden die Sätze nicht irgendwo beginnen und dann punktlos im Nichts enden, gäbe es einen inhaltlichen Faden…

Dass ein solches Umfeld weder den werbenden Unternehmen noch dem Veranstalter peinlich ist, will ich nicht verstehen. Der zuständige Sachbearbeiter nahm meine Fragen zur quasi nicht vorhandenen Trennung von werbendem und, nun ja, redaktionellem Inhalt jedenfalls freundlich entgegen und wollte sie “so weiterleiten”.
Vielen Dank dafür.

[update 2. Juni]
Die kleinen Aufmerksamkeiten sind natürlich erfreulich. Und wundern mich schon auch; lese ich doch oft genug bei bildblog oder erlebe es im blätternden Alltag, ist doch auch normal. Beinahe.

Wenn nicht jemand aus London anruft, statt aus Bonn. Von grösseren Magazinen mit diesem Geschäftsmodell, aufwendigen, mit Inhalt. Die schreiben über alle möglichen Businessfelder, Politik und ein bisschen Lifestyle. Etwas aufregender als Airline-Magazine.

Aber harte Verkäufer haben sie, wirklich aufdringlich. Und deutlicher als die aus Bonn:
“Outside Back Cover, One page advertisement, Three pages A4 size editorial (about 1,800 words), Email blast of a text summary of your article to our 46,000 subscribers database, Full on-line coverage of your article via our web-site.
Cost of partnership: (GBP) £ 6,750.00
”
Geht ja noch.

[update 11. Juni]
Weils grad so schön ist (ich könnt’ ja ewig weitermachen…) und das Wort independent vorkommt:

“1) 1 x Advertisement or 1 x 2 page co-published chapter with reprints.
2) Quotes & comments within the independent features we will be writing relevant to [your] offering.
3) Co-published chapter to be placed on the website – first as a daily news story and then archived.
We will be competitive on costs and feel that a rate of US$15,000 to be fair particularly as we are widely read in […] and are seen as the best Finance title with the best website in the region.”

Zürich - MÜNCHEN - Berlin
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