Archiv für Juli 2009

Der Tagesanzeiger mausert sich langsam aber sicher zum Revolverblatt für Leute mit mehr als zwanzig Minuten Zeit.
tagi_relativ
Gelassen setzt er auf der gestrigen Titelseite Kreuzlingen, Amstetten, Guantanamo und Abu Ghraib in eins und obige Bildkomposition.
Soll einen zum Lesen eines Essays über “Orgien der Gewalt und Grausamkeit” animieren.

Ich bin leider selbst am Wochenende nicht in München. Ansonsten müsste ich am Freitag in die Muffathalle. Dort spielen die grandiosen Atmosphere aus Minneapolis. Deren Hip Hop hab’ ich erst mit der letzten Platte „When Life Gives You Lemons, You Paint That Shit Gold“ kennengelernt, aber seitdem gibt es wenig groovenden Rap, den ich lieber höre, wenn ich etwas Aufputschendes für Kopf und Beine brauche. Sänger Slug mit seinen rigorosen Reimen und der selbst in der Künstlichkeit absolut persönliche Sound sind fantastisch und auf der Zusatz DVD zur CD sind sie auch live mit funky Band ziemlich ansteckend. Weiß zwar nicht, wie sie es in München präsentieren, aber das kann gar nicht schlecht werden. Die Muffathalle feiert 16 Jahre Hip Hop und deshalb gibt es neben den obligatorischen Blumentopf auch die australischen Hilltop Hoods zu hören. Als weitere Platten von Atmosphere kann ich „Seven’s Travels“ oder „Strictly Leakage“ empfehlen, die sehr soulig daherkommt und die die Jungs vor ein paar Jahren umsonst im Internet vertrieben haben. Mein Aha-Erlebnis hatte ich dank eines Podcasts mit der fiesen Basslinie des Songs „Shoulda Known“. Hier das zugehörige Video, das den klaustrophobischen Bass und die dreckigen Lyrics durchaus interessant interpretiert:

[youtube YEZseJ1Wuq8]

Das sagt sich nachher natürlich immer herrlich leicht, aber ich sag´s jetzt einfach mal: Die Piratenpartei war mir schon immer suspekt. Anfangs fand ich deren Ziele einfach nur zu eingeschränkt, um sich als wirkliche Partei zu profilieren – Datenschutz und Freiheit im Netz sind mir als gesellschaftspolitische Statements schlichtweg zu dünne. Was ja nicht mein Problem ist, wähle ich eben was anderes (was ist ein andere Frage …).

Nun wird deren Setting allerdings mit jedem Tag kenntlicher und womöglich sogar grundlegender. Die Ahnung, dass sich hier eine starke anti-staatliche Bewegung formiert, beschlich mich erstmals, als ich erfuhr, dass Pirate Bay – ja, ich weiß: Das sind zwei verschiedene Organisationen. Die Wechselwirkungen verleugnen allerdings nicht einmal sie selbst – von dem schwedischen Rechtspopulisten Carl Lundström finanziert wird. Denn der ist wahrlich kein Gutmensch, der den Jungs mal ein bisschen Kohle rüberschiebt, damit sie Spaß haben. Ich nehme vielmehr an, dass Lundström recht gezielt in den konsequenten Gesetzesbruch (und den betreibt Pirate Bay nunmal nach geltenden Gesetzen; ob die nun zeitgemäß sind oder nicht ist eine ganz, ganz andere Frage) investiert hat.

Zurück zur Piraten Partei. Da ist nun also seit kurzem Jörg Tauss Mitglied, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen Besitzes der Kinderpornografie ermittelt (gute Reportage in der SZ). Ganz gleich, ob Tauss schuldig ist oder nicht, frage ich mich nun: Hätte er auch gegen “Zensursula” gestimmt, wenn das nicht der Fall gewesen wäre? Wäre er auch ohne eine Verfahren gegen ihn aus der SPD aus- und in die Piratenpartei eingetreten? Würde er auch vor das Bundesverfassungsgericht deswegen gehen, wenn er selbst nicht just betroffen wäre? Ich glaube: Nein, nein, nein. Jedenfalls sind seine persönlichen und die politischen Motive gerade nicht besonders scharf zu trennen.

Gestern schließlich berichtet Spiegel Online über andere dubiosen Äußerungen von Mitgliedern der Piraten Partei. Bodo Thiesen zum Beispiel, der sich – um es vorsichtig zu sagen – nicht ganz sicher ist, wie das damals so war mit dem Holocaust. Diese Äußerungen seien, so wird mehrmals als Erklärung angeführt, bei ihm – der wahrlich mehr als nur ein einfaches Mitglied ist – ja auch echt lang her.

Den Boden der politischen Moral verliert die Piraten Partei also Schritt für Schritt unter den Füßen. Da rechtfertigt auch, es tut mir leid, kein einziges ihre durchweg ehrenvollen Ziele mehr, dass jemand dieser Partei tatsächlich seine Stimme gibt.

Weiterlesen:
Auch Jacob Fricke macht sich Gedanken …
Sowie das Blog “Zur Politik” …
Sowie Chris von f!xmbr … (selten mit dem so einer Meinung gewesen!)
Bodo-Thiesen-Facts bei Indymedia …
Bodo Thiesen in der Diskussion über den Zweiten Weltkrieg im Heise-Online-Forum (etwas älter, aber dafür umso unmissverständlicher) …
Und noch mehr hübsche Zitate, gepostet im Piraten Forum, wo das Problem durchaus diskutiert wird.
Aktuelle Stellungnahme von Thiesen, noch unmissverständlicher …

Mit Ander auf dem Velo in die Rote Fabrik geeilt, seine Technik aufgebaut und dann Instruktionen von Xavier van Wersch erhalten. Das ist ein junger Herr aus den Niederlanden, der das analog-digitale Spiel Sonic Wargame entwickelt hat und gerne einen Stahlhelm trägt. Im Rahmen des Pool Loop Festival für Löter kam es mal wieder zur Aufführung (irgendwie ist das schon seit acht Jahren unterwegs).
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Vier elektrische Musiker in vier Ecken des Raumes machen konstant Musik, während der jeweilige Adjutant an einer handgelöteten Spielkonsole steht und gegen die anderen um Hörbarkeit kämpft. In Anders Fall war das mein Job. Wie beim Grand Prix d’E kann man nur die anderen wählen, und wer schliesslich zwei Stimmen auf sich vereint, der ertönt über die PA. Erstaunliche taktische Spielchen sind möglich, und ab der zweiten Runde stellen sich die Gamer zumindest ein bisschen auf eine gewisse Erträglichkeit für das Publikum ein, zudem kann man immer auch die Sounds der anderen ins eigene System einspeisen und bearbeiten.
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Weit entfernt von einem ausgereiften Plan und Ablauf rockt man also wild los, zwanzig Minuten Krieg gegen die Konkurrenz, jeder macht eh völlig andere Musik, dauerndes Voting und harte Schnitte verwirren jeden und fordern den ganzen Mann; Glück braucht man in den Bonusrunden, die einen mit Bomben, Raketen und Soli beschenken.
Grosser Spass, und das letzte Spiel gewannen wir nach Punkten!

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Mit Ander in einem liebenswerten T3 nach Mecklenburg gefahren, zwei Tage in den Bäumen herumgeklettert und unsere Installation installiert. In den kurzen Nächten knutschten, kifften und kotzten dort die Gäste unter projizierten Tieren (andere habens auch fotografiert).
Fusion. Gerne wieder.
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Zürich - MÜNCHEN - Berlin
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