Archiv für April 2010

Italien, Gruppe F

von Ben Strack-Zimmermann

So ähnlich wie Italien an sich nimmt sich derzeit auch der italienische Ligafußball aus. Man blickt auf eine Melange aus allerschmierigster Korruption, allergrößter Unfähigkeit und grenzenloser Kriminalität. Neofaschisten schütteln sich die Hände mit Mafiosi. Konservative Politikerschmierlappen liegen im Bett mit satten, Korruptheit ausstrahlenden Unternehmern, und vor den Logen dieser modernen Cäsaren treten eitle Hinfaller, weinende Muttersöhnchen und hinterhältige Arschgeigen jedes Jahr noch etwas schlechter gegen den Ball, und töten das schöne Spiel immer noch ein bisschen mehr. Catenaccio, gestenreiche Spielertrauben um den Schiri, der Blick zum Schiri schon während des absichtlichen Sturzes im Elfmeterraum (Pippo Inzaghi-Gedächtnisblick), das operettenhafte Rumgeheule und Mädchengetue, wenn man auch nur einen Hauch eingesteckt hat, während man gleichzeitig austeilt wie Claudio Gentile 1982, angefeuert von Heerscharen von Fans, die nur allzu gern mit faschistischem Gruß ihre peinlichen Helden ehren…

Ich fange noch einmal an! Das hatte nämlich mit der italienischen Nationalmannschaft nur entfernt etwas zu tun. Die spielt nämlich weitestgehend starken, taktisch sehr reifen Fußball und ist unter den großen Fußballnationen ganz sicherlich diejenige, die am ökonomischsten spielt. Machen wir uns nichts vor: Damit sind die Italiener automatisch ein Titelkandidat! Wie wir mittlerweile alle wissen, brauchen die nicht einmal eine wirklich große Mannschaft, um einen Titel zu gewinnen. Das ist für den Erfolg oder Misserfolg einer italienischen Mannschaft bei einem Turnier weitestgehend unerheblich. Eine Gewinnermannschaft aus Italien braucht ganz andere Dinge als unbedingt Qualität. Sie braucht einen großen Trainer, der taktisch alles drauf hat. Sie braucht Spieler, die sich im Laufe eines Turniers steigern können oder dort sogar erst so richtig entdeckt werden. Und sie muss das hässliche Spiel beherrschen: Zeitverzögerung im richtigen Moment, unbarmherzige Härte und komplettes Ignorieren jeglichen Fair-Play-Gedankens. Einen großen Trainer haben sie ganz sicher: Marcello Lippi hat Donadoni eine Europameisterschaft lang gewähren lassen, dann hatte er ein Einsehen und kehrte zurück, womit Italien sofort wieder zurück in der Erfolgsspur war. Unter ihm spielt die Mannschaft geradlinig, unspektakulär, entzieht sich allen taktischen Normen der letzten 15 Jahre – und ist verdammt schwer zu knacken. Auch für den zeitweilig grassierenden Jugendwahn im internationalen Fußball hatte man in Italien nicht einmal ein Achselzucken übrig. So ist die derzeitige Mannschaft ganz sicher eine der ältesten (und gewieftesten) im Turnier. Die Qualifikation brachte man ziemlich souverän hinter sich. Hinten steht man gut, und man hat nicht nur ein paar interessante, noch weitgehend unbekannte Trumpfkarten in der Hinterhand, sondern beherrscht vor allem auch den ganzen Katalog an schmutzigen Tricks, der bereits die Vorgänger groß gemacht hat. Wenn die anderen Teams das nicht verdammt ernst nehmen, dann werden halt wieder die Italiener Weltmeister.
» Hier geht’s weiter …

Über keine Regel im Fußball wird soviel gestritten wie über das Abseits. Ich werde diese Regel jetzt hier nicht wiederholen. Die letzte große Änderung gab es 2005, als festgeschrieben wurde, dass ein Spieler aktiv ins Spielgeschehen eingreifen muss, um strafbar im Abseits zu stehen. Anfangs ging es da um rechte Wortglaubereien, was “ins Spiel eingreifen” genau bedeutet. Kurz nach der Regeländerung etwa wurde während des Confederations Cups erst Abseits gepfiffen, nachdem ein Spieler tatsächlich den Ball berührt hat, egal ob das Abseits schon zu Beginn eines 30-Meter-Sprints zu erkennen war oder nicht. Das war natürlich Blödsinn und wurde einigermaßen schnell korrigiert. Jetzt wird gepfiffen, wenn der Eingriff ins Spiel bereits absehbar ist. Seitdem funktioniert die Abseitsregel bei aller Unschärfe gut, wie ich finde, auch wenn alle fünf Tage irgendjemand daherkommt und im schlimmsten Fall dafür plädiert, die Abseitsregel komplett abzuschaffen, was – bei aller Liebe – von vollkommener Ahnungslosigkeit, mindestens aber Ignoranz gegenüber den grundlegenden Prinzipien des Spiels zeugt.

Äußerst lesenswert zum Thema und der eigentliche Grund meines Eintrags ist der im Guardian in der Kolumne “The Question” erschienene Text Why is the modern offside law a work of genius? von Jonathan Wilson. Wilson erläutert darin die Geschichte der Abseitsregel und erklärt, warum die die heutige Variante mit den schönsten Fußball ermöglicht, der je gespielt wurde. Überhaupt sollte man Wilsons Kolumne regelmäßig lesen, wenn man sich für Fußball jenseits von Stammtisch und Schulnoten für Spieler interessiert. Falls man jetzt Blut geleckt hat und die ganze Packung braucht: Wilson hat außerdem ein brilliantes Buch geschrieben, über das ich eigentlich schon längst etwas schreiben wollte. Es heißt: Inverting The Pyramid: The History of Football Tactics und sollte eigentlich mindestens Pflicht im Schulunterricht werden. In zwei Monaten beginnt die WM! Ich mein’ ja nur …

Portugal, Gruppe G

von Ben Strack-Zimmermann

Portugal war schlimmste Fußballdiaspora, bis ein junger Mann aus Mozambique namens Eusebio die Mannschaft 1966 zu Ruhm und Ehren führte. Danach war man für lange Zeit wenigstens im Vereinsfußball eine Nummer, konnte allerdings bis auf ein kleines Ausrufezeichen bei der EM 84 auf internationaler Ebene nie wieder überzeugen, bis die berühmte “Golden Generation” um Figo, Rui Costa, Paulo Sousa und Co für Furore sorgte. Einen Titel gewann diese güldene Generation nicht, führte Portugal aber nichtsdestotrotz in die höchsten Sphären des Weltfußballs. Und nun? Spielerisch ging es seit dem Abtritt der großen Spieler schon deutlich bergab, dafür hat man derzeit treffsichere Stürmer, woran es bei den goldenen Schönspielern immer mangelte. Die Qualifikation war eine einzige Zitterpartie, man hat sich eindeutig noch nicht gefunden, und auch das in den 80ern und 90ern so vorbildliche Jugendausbildungssystem speit nicht mehr im selben Tempo ein Supertalent nach dem anderen aus, so dass man zunehmend rustikale Handwerker ins System einbauen muss. Es könnte gut sein, dass man dank Cristiano Ronaldo und Liedson unterm Strich gar nicht so viel ungefährlicher ist als noch vor ein paar Jahren. Die einstige spielerische Überlegenheit ist allerdings ziemlich den Bach runter gegangen. Interessanterweise ist Portugal in den letzten Jahren zu einer der unbeliebtesten Mannschaften auf dem Planeten geworden. Nicht ganz nachvollziehbar eigentlich. So viel schrecklicher als Fernando Torres, David Beckham oder Michael Ballack ist der viel gehasste Cristiano Ronaldo ja nun wirklich nicht. Wobei: Er lässt sich schon ganz gut unter diese Pfeifen einreihen … also vielleicht doch hassen? Man weiß es noch nicht genau, würde sich aber schon mal wünschen, dass die Portugiesen etwas landestypischer Fußball spielen würden. Soll heißen, mehr so wie alte, traurige Frauen, die in schwarz gekleidet, wehklagend in engen, nach Fisch riechenden Gassen schwermütig tanzen und singen. Dann klappt es auch mit der Sympathie.
» Hier geht’s weiter …

 neuer 1 2
Zürich - MÜNCHEN - Berlin
  • Musste auch gesagt werden

This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Germany.