Archiv für Mai 2010

Nordkorea, Gruppe G

von Ben Strack-Zimmermann

Nicht nur der Tourismusminister Südafrikas wird wahrscheinlich “Scheiße” gedacht haben, nachdem sich Nordkorea doch ziemlich überraschend für die WM qualifizieren konnte. Verdient war es allerdings allemal: Nordkoreas komplett unansehlicher Steinzeitkommunistensystemfußball war für die meisten Gegner in Asien unüberwindbar. Fanatiker der Fußballtertiärtugenden Disziplin und Ordnung werden an Nordkoreas Kurzpass-Klein-Klein ihre helle Freude haben. Zu kreatives Spiel wird mit Auswechslung oder Arbeitslager bestraft. Zusätzlich schieben die grau gekleideten Funktionäre ihre Mundwinkel noch um zwei Zentimeter weiter nach unten. Wie man gegen internationale Athletik und Spielfreude bestehen will, weiß wohl nur der himmlische Führer, und der scheint es bisher auch nicht weitergesagt zu haben. 1966 war man neben Portugal die große Schau, diesmal wird man ordentlich eine vor den Latz bekommen.


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Slowenien, Gruppe C

von Ben Strack-Zimmermann

Zu Beginn dieses Jahrtausends hat Slowenien mit unbekümmertem Fußball seine Marke gesetzt. Die Jungs um Zlatko Zahovic stürmten, ganz im Gegensatz zum normalen Auftreten eines Außenseiters, munter und sinnlos drauflos, lieferten herrlich beherzte Auftritte ab – und schieden dann früh aus. Mehr kann so ein kleines Land eigentlich kaum erreichen, und so ist es jedes Mal als Überraschung zu werten, wenn die Slowenen sich durchsetzen können und zu einer WM-Endrunde kommen. Diesmal hat man Russland, die Tschechische Republik, Polen und das wiedererstarkte Nordirland in die Schranken gewiesen, fährt also sehr zurecht zur zweiten WM-Teilnahme. So krassen Hurrafußball wie damals wird man allerdings nicht zu sehen bekommen. Die Slowenen sind zunächst lieber mal auf Konter eingestellt – man könnte auch sagen, dass sie inzwischen gelernt haben, mit ihrer Kondition besser hauszuhalten und somit ab der 60.Minute nicht mehr auszusehen wie Iron Man-Teilnehmer nach dem Zieleinlauf (Kenner erinnern sich jetzt an das Aufeinandertreffen der Slowenen mit der Mannschaft Serbien-Montenegros im Jahr 2000). Insgesamt erscheint die Qualität auch diesmal nicht wirklich ausreichend, um die zweite Runde zu erreichen gegen England, USA und Algerien – ausser man hat eine Menge Glück und kämpft als verschworene Einheit bis zum Umfallen.
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Schweiz, Gruppe H

von Ben Strack-Zimmermann

Die Renaissance des Eidgenossenfußballs geht in die nächste Runde. Nachdem man in Sachen Jugendarbeit mittlerweile absolute Weltklasse ist, wird sie wohl noch eine ganze Zeit lang anhalten. Auf dem Spielfeld präsentiert man sich weder als in Zeitlupe jodelnde Gemeinschaft von nasebohrenden Fonduerührern, noch als unterirdisch agierende Bande von Gold hortenden Gnom-Megalomanen, sondern als erfrischend modern aufspielende Multi-Kulti-Einheit. Ach wäre das echte Leben doch etwas mehr als der Fußball, will man da seufzen, solange man nicht zu sehr darüber nachsinniert, wie der Wurstpräse von der Säbener wohl so als deutscher Kanzler wäre. Schieben wir diese Phantasien also beiseite! Bewundern wir stattdessen Ottmar Hitzfeld dafür, das er die Schweizer Nati nach der deprimierenden Heim-EM so schnell wieder aufgerichtet hat! Dabei war der Start in die Qualifikation genauso fürchterlich, wie dann das Ende glorreich und souverän war. Die Schweizer präsentieren sich 2010 als lauffreudige, gut eingespielte Einheit, mit einigen echten Zuckerln im Team. Lediglich im Sturm gibt es gelegentlich Probleme. Vielleicht tritt man insgesamt ein wenig zu bieder auf. Eigentlich sollte man mit dem Spielermaterial noch etwas stärker aufspielen können. Ein echter Spinner könnte dem Team gut tun, aber so etwas wird anscheinend derzeit nicht produziert.
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… hat sich Ian Curtis umgebracht. Denke mir gerade einmal mehr beim Hören, dass Joy Division schon eine der großartigsten Bands aller Zeiten waren. Herrjeh! Was für ein grauer, trister Tag!


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England, Gruppe C

von Ben Strack-Zimmermann

Die Großmäuler des internationalen Fußballgeschäfts sind wieder dabei – dieses Mal muss man sie leider ausnahmsweise auch noch ernst nehmen. Bei jeder WM wird uns England von der Journaille als Favorit untergejubelt. Rauskommen tut dann immer nichts, gerne im Elfmeterschießen. Man muss sich wirklich mal vor Augen führen, was die Engländer außerhalb ihres Landes international gerissen haben: einen vierten Platz bei der WM 1990 und einen dritten Platz bei der EM 1968. Ansonsten: Nix, Niente, Nada! Würde also nicht immer mal wieder ein Turnier gnädigerweise da stattfinden, wohin Football dann angeblich Home kommen würde, hätte man eine schlechtere Bilanz als Tschechien, Österreich, Ungarn, Dänemark, Schweden, Jugoslawien, Belgien und wahrscheinlich noch zig andere Teams. Eine Lachnummer mit Garantie also, eigentlich schon ein Running Gag im Zweijahrestakt. Gilt alles nicht, man ist aufgewacht und hat beim Trainer mal so richtig geklotzt, und Fabio Capello hat das Narrenschiff tatsächlich sofort auf Kurs gebracht. Die Qualifikation war supersicher. Teilweise spielte man berauschenden Fußball: eine vollendete Symbiose aus moderner kontinentaleuropäischer Taktik und wildem britischen Angriffsspiel. Allerdings hat Capello natürlich auch zu einem günstigen Zeitpunkt übernommen. Der Grundstock der Mannschaft kann ja bekanntlich Fußball spielen. Zudem haben sich in den letzten Jahren auch zunehmend wieder mehr Engländer in der heimischen Liga gegen den starken Konkurrenzdruck aus der ganzen Welt durchsetzen können. Es gibt also endlich Alternativen. Und da sich David Beckham verletzt hat, kann man vielleicht sogar wieder ein wenig für die Jungs sein. Irgendwo mag man ja die lustige Mixtur aus psychopathischen Alkoholikern, grobschlächtigen Boliden, die Mannschaftskameraden mit deren Ehefrauen betrügen, und leicht debilen Mädchenschwärmen, die England für gewöhnlich auf den Rasen schickt. Jeden zweiten Spieler kennt man irgendwie aus Charakterstudien von Dickens über das männliche Arbeiterproletariat im ausgehenden 19.Jahrhundert – so hat diese Mannschaft durchaus auch Charakter formenden Wert. Wenn man sich zusammenreißen kann und vielleicht doch mal übt, wie man aus 11 Metern einen Ball in ein Tor bekommt, dann muss man England tatsächlich auf der Rechnung haben.
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Zürich - MÜNCHEN - Berlin
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