Archiv nach Autoren: nadja

Ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht, aber ich möchte oft über ein Album schreiben, dass es „Pop at it‘s best“ sei – ohne mich eigentlich je wirklich gefragt zu haben, was das eigentlich heißen könnte. Ich tue es jetzt: Pop at it’s best heißt, dass es eine Balance gibt zwischen Abstraktion bzw. Künstlichkeit und einem gewissen Banalitätsgrad, sprich einer gewissen Bodenständigkeit. Darüber hinaus erzeugt Pop at it’s best (ab jetzt abgekürzt PAIB) eine Intensivierung des Augenblicks. Seltsamerweise spürt man sich stärker in der Welt – ich tue auf jeden Fall.
Nehmen wir beispielsweise das neue Album von Hot Chip. Einige mögen hierin ein Leichtgewicht sehen, auch ich bin dieser Meinung nicht ganz abgeneigt, dennoch würde ich gleichzeitig sagen: Ein hervorragendes Pop-Album, gerade weil es stellenweise so banal ist. Banalität und Klasse sind keine Gegensätze, das haben wir in den 1980er Jahren gelernt. Da hatte Pop darüber hinaus auch noch Pathos, mochte den Kitsch. Es ging beides: Ganz große Oper und trotzdem Subversion. Solche Bands hörten dann auf den Namen Human League, menschlicher Bund. Wahnsinn (und auch ein bisschen bekloppt). Bei Hot Chip ist das auch so. Die sind sich nicht zu schade, so einen etwas billigen Sexknüller („Night and Day“ ) zu bringen mit seltsam frisierter Funk-Slickness. Da denkt man zuerst: Schon ein bisschen peinlich, dass so ein weißer Nerd seiner Angetrauten so einen Blaxploitation-Knüller zuneigt – aber dann eben auch wieder nicht. Pop hebt Peinlichkeit auf. Wenn man wirklich auf einen bestimmten Sound steht, so wie Hot Chip offensichtlich auf Disco Boogie, dann darf man auch den Disco Boogie-Sex-Appeal übernehmen, auch wenn man rein äußerlich gar nicht dafür gerade stehen kann. So sehe ich das zumindest. Pop kann also noch mehr: Er spielt mit dem Imaginären.
Doch kommen wir zurück auf PAIB, diesem seltsamen Mittelweg zwischen Mathematik und Matsche oder auch Abstraktion und Sinnlichkeit oder gleich Idealismus und Positivismus.
Findet man ein Album gut, wie ich das neue von Hot Chip, obwohl es vielleicht rein „werkimmanent“ gar nicht so gut ist, dann überträgt es bestimmte Vibes. Vibes, die einem zu verstehen geben, dass das Leben gar nicht so schlimm ist, weil es auch gute Momente haben kann.
Die werden einem dann, wie bei „In Our Heads“ sowohl durch die Lyrics als auch durch den Sound nahegebracht. In unserem Köpfen – guter Titel! – geht also irgendetwas ab, nennen wir es Entlastung. Hört man „In Our Heads“ im Zug oder auf dem Rad, dann weiß man, dass die Wirklichkeit, die man sieht, nicht die einzig mögliche ist.
Und das, meine Damen und Herren, ist guter Pop. Pop at it’s best. Er findet in unserem Kopf statt und er erlaubt uns, eine Alternative zu denken – mit dem Körper!
Viel besser als Kunst.

Hot Chip, In Our Heads, (Domino Records).

1981 funktionierte die Dada-Methode des Aus dem Zusammenhang reißen, in den Zusammenhang schmeißen noch als Subversion. Die Hamburger Band “Palais Schaumburg” veröffentlichte eine Neufassung des Liedes „Wir bauen eine Stadt“ von Paul Hindemith. Diese Version transportierte mit ihren funkigen, zerrissenen Trompeten gleich zweierlei: Den Anschluss an die Avantgarde der 20er Jahre und den Schulterschluss mit dem britischen Postpunk und dessen Abgrenzung gegenüber dem weißen Punk über den Rückgriff auf den schwarzen Funk.

Was das Auftreten anging, gab es in den frühen Achtzigern wohl wenige deutsche Bands, die so stilbildend gewirkt haben wie “Palais Schaumburg”. Noch im nachhinein ergötzt sich ein gewisser Ronald Pohl im österreichischen Standard an ihrem Dresscode: „Die Alster-Jungs tragen nicht nur Steirer-Janker – sondern Bundfaltenhosen. Slipper mit Bommeln oben drauf. Die Weltrevolution war kurze Zeit im Cottage zuhause!“

Mit dem Janker probte der deutsche Pop den Aufstand der Zeichen. Er ist in seiner Unzweckmäßigkeit eigentlich nur mit dem amerikanischen „Zoot Suit“ aus den frühen Tagen des Jazz zu vergleichen. War der Zoot Suit viel zu groß, war die Trachtenjacke viel zu warm für den Bühnenauftritt. Ursprünglich aus dem südlichen Deutschland oder Österreich stammend, signalisierte sie etwas, das mit dem urbanen New Wave nichts zu tun hatte: Anständige Kleidung im Kontext ländlicher sozialer Hierarchien.

Die Verpflanzung des Jankers zeigt: Die Popästhetik der frühen Achtziger war gleichzeitig de- und reterritorialisierend, um mit Gilles Deleuze zu sprechen. Die Fluchtlinie Pop deterritorialisierte die Volkstümlichkeit, allerdings nicht ohne wieder auf von Deleuze als dem Prozess inhärent beschriebenen „faschistischen Versteinerungen“ zu treffen, denn stilistisch waren das Hakenkreuz auf der Lederjacke der Punks und der Steirer Janker nicht so weit auseinander wie man es gern gehabt hätte. Genauer: Während die Punks mit dem platten Nazis kokettierten, versuchte es der Pop mit dem Stil der konservativen Revolutionäre der Zwischenkriegszeit. Thomas Meinecke erinnert sich in „Pop seit 1964“ daran, dass man sich in den frühen Achtzigern einen „Tonfall“ anerziehen musste, der nichts mehr mit dem Innerlichkeitsduktus der 70er Jahre“ zu tun hatte und dass dieser neue Tonfall nicht selten dem alten Tonfall Ernst Jüngers glich. Die Pop-Ästhetik der 80er konnte nicht links sein, da das ja gerade das ästhetische Modell war, von dem man sich absetzen musste. Nicht selten – und hier liegt die Schizophrenie der Selbstpositionierung des Popmusikdiskurses – war sie dem Anschein nach rechts. Der elitäre Gestus, mit dem sich die jungen 80er Jahre Popisten die „Dümmsten“ (Meinecke) vom Leibe hielt, war einfach nicht dazu angetan, den Arbeiter zu mobilisieren.

Die von Thomas Meinecke einerseits beschriebenen, andererseits von ihm selbst und Diedrich Diederichsen leidenschaftlich vorangetriebenen Bemühungen, sich von der Generation der großen Brüder und Schwestern abzusetzen, zeigt den unbedingten Wunsch nach Distinktion und Elite, der in den Achtzigern sowohl den Inhalt, als auch die Form anging. Die Methode, die anderen zu diskreditieren, war die sophistication.

Als ein „endloses, garstiges Spiel der Selbstpositionierung der bürgerlichen Mittelklasse, bei dem mit hohen Einsätzen gespielt wird“, beschreibt der amerikanische Literaturwissenschaftler Joseph Litvak die sophistication. Angewandt auf die Popmusikkultur der frühen 80er Jahre kann man sagen: Mann (in diesem Fall kann man wirklich von einer ausgesprochen männlich geprägten Deutungselite reden) ging an die Arbeit.

Abgesehen von der eigenen Positionierung, die eben genau durch die von Martin Büsser angemerkte Rigidität in der Verwerfung praktiziert wurde, stand natürlich die desophistication der Dümmsten an oberster Stelle. Das „soziopolitische“ Moment der frühen in Spex praktizierten Kritik, in der das „ästhetisch als verbraucht Empfundene auch als politisch verbraucht“ eingestuft wurde, wandte sich zuallererst gegen die Hippieästhetik und die Politik der Hippies. Das Anti-Authentische der frühen Pop-Ästhetik, ihre Selbstreflexion und die berühmt-berüchtigte „Affirmation“ als kulturpolitische Strategie sind Reaktionen auf einen Reiz, den man nicht mehr ertrug.

Forward ever backward never lautete 1991 der Spruch der Technojünger. Damit kappten sie die Seile, die die Popmusikkultur der 80er noch mit dem Mutterschiff Dada und Avantgarde verband und fuhren hinaus aufs offene Meer. Jetzt galt nur noch: Neu und weit wegführend musste der Pop sein. Die Ästhetik des Berliner Techno der Neunziger war die Besetzung der maroden Berliner Mitte durch den Sound. Die TAZ, die temporäre autonome Zone nach Hakim Bay wurde zu dem Ideal. Das sophisticatete Moment der technoiden Ästhetik war der Wunsche, der Instrumentalisierung durch Musik durch den deterritorialisierenden Sound entgegenzuwirken: Das Subjekt an sich galt als überholt. Die poplinke Philosophie ging von Baudrillard und Lyotard vollkommen auf Deleuze/Guattari über.

Das Label “Mille Plateaux”, benannt nach dem Buch von Gilles Deleuze und Felix Guattari, Gruppen wie „Oval“ und ihre Interpretationen der Deleuzschen Denkfiguren wie des „Ritornells“ wurden zur Blaupause dessen, was sich der poplinke Intellektuelle in den frühen Neunzigern unter Zukunft und poplinker Ästhetik vorstellte.

Doch der Deterritorialsierung folgte wie immer die Reterritorialisierung. Die hörte in den Neunzigern auf einen Namen: Hamburger Schule. Mit Jochen Distelmeyer und seiner Band Blumfeld kam das leidende Subjekt mit solcher Gewalt zurück in die deutsche Popmusiklandschaft, dass man schon sagen muss: Eigentlich hat die Hamburger Schule die sophistication der deutschen Musiklandschaft auf ihrem Gewissen.

Das mag auf den ersten Blick absurd klinge, waren es doch genau diese Hamburger Bands, Blumfeld, Tocotronic, Die Sterne, Tomte etc, die den Diskurspop ins Leben riefen – aber der Diskurspop hat eben mit Deterritorialisierung und sophistication nichts mehr gemein. Und wenn man diese beiden Begriffe als die Basis eine poplinken Ästhetik ansieht – einer Ästhetik, nicht eines Diskurses – dann muss man sagen: Die Hamburger Schule hat diese poplinke Ästhetik nie gehabt.

2001 tritt Jochen Distelmeyer bei „Top oft the Pops“ auf. Ein Jahr später haben Kettcar mit An den Landungsbrücken raus einen Hit – die Grenze zwischen Indie- und Deutschrock wird durchlässig. Die Vorgruppe wird zum Moter der Evolution der Hamburger Schule. Tocotronic, die Vorgruppe von Blumfeld, Tomte, die Vorgruppe von Tocotronic, Kettcar, die Vorgruppe von Tomte: Die Tautologie wird zum identitätsstiftenden Moment und damit sind die Hamburger Bands nach Boris Groys die besten Repräsentanten verlorener Subjektivität im Zeitalter der Globalisierung.

Das jugendliche Subjekt, das sich zu verorten sucht, wird zum Grundthema des deutschen Indie. Deutschrock hat ein lange Tradition in Deutschland, die vielleicht etwas mit links sein zu tun hat –Rio Reiser – aber garantiert nichts mir Pop. Insofern hat Maurice Summen schon recht, wenn er sagt, der Indierock hätte die Poplinke verstört. Ende 2008 kann man darüber hinaus erkennen, dass auch Roger Behrens vollkommen recht hat, wenn er sagt, dass die Poplinke „letztlich sang- und klanglos dahin verschwunden ist, wo sie eigentlich immer schon hinwollte: in den Konformismus deutscher Normalität.“ Die Solo-Alben von Bernadette La Hengst (Prenzlauerberg-Deutschrock), Frank Spilker (Sozialdemokratischer Liedermacherpop) die Alben von Kettcar (Schwarz-Grüne-Larmoyanz) zeigen das nur allzu deutlich.

Newcomern wie der Hamburger Teenie-Band 1000Robota traut man die poplinke Ästhetik, die sie so süß demonstrieren, einfach noch nicht zu. Für die Neo-Schnösel und ihrer Coverversion von „Wir Bauen eine Stadt“ gilt erst einmal: gefakete poplinke Ästhetik. Und „Ja Panik“, die mit der großen Klappe aus Wien: Sophistication und Deterritorialisierung Fehlanzeige. Stattdessen viel Bauchgefühl und hin und wieder ein nackter Arsch.

Der Einbruch war also die Hamburger Schule – gleichzeitig kann man natürlich sagen, dass eine poplinke Ästhetik auch eine Korrelation in der Wirklichkeit braucht. Hip Hop war in den Neunzigern so interessant, weil er der Sound einer Minderheit war – etwas ähnliches kann man über feministische Bands wie Le Tigre sagen. Im neuen Jahrtausend wäre es aber an der Zeit gewesen für die deutsche Poplinke, sich für die Minderheiten in ihrer eigenen Gesellschaft zu kümmern und das heißt in diesem Fall: Aggro Berlin statt Hamburger Schule.

Dazu waren sich die bürgerlichen Diskurs-Popper allerdings zu schade. Besonders aus München und seitens der SZ kam vermehrt die Ansage: Das ist uns zu prollig. Hier muss man schlicht noch einmal reüssieren, was Behrens im Zusammenhang mit der Birmingham School und den frühen britischen Cultural Studies geschrieben hat: Wenn man sich nicht mit denen kurzschließt, die eine Veränderung der Verhältnisse fordern – und sei es im rüdesten Ton – dann fehlt dem Pop das Linke.

2011 ist Deutschland endlich ein Einwanderungsland geworden, mit allem was dazu gehört. Wie in Frankreich repräsentieren Bands mit Migrationshintergrund die deutsche Nation im Ausland und beim Fußball. Pop ist sehr leicht geworden, Diedrich Diederichsen nach St. Louis ausgewandert, der einzige, der den Namen Popkritiker noch mit Stolz trägt, ist Dieter Bohlen.


Zum Weiterlesen:

Martin Büsser: Einfach durchwinken, Jungle World 44/2008
Roger Behrens: Drei Anmerkungen zur Poplinken – Maxiversion, www.rogerbehrens.net
Maurice Summen: Die utopische Idee, vom Zeilengeld leben zu können, Jungle World 48/2008


Die Popberichterstattung aus Berlin lag etwas danieder. Das wird jetzt anders. Gestern beispielsweise war ich beim “TV On The Radio”-Konzert im SO 36.
Dafür, dass die Band schon Ende September in Berlin gespielt hat, war es surreal voll. Irgendwie kam ich mir eh vor wie im falschen Film. Ich bekam den ganzen Abend diesen metalischen “Wir-Kinder-vom-Bahnhof-Zoo”-Geschmack nicht aus dem Mund. Woran lag es?
Nicht ganz abwegig: Die Atmo mit dem Ort verbinden. Zwar haben im SO 36 die “Sex Pistols” gespielt, hing hier Kippenberger mit der “Tödlichen Doris” ab – aber in den letzten Jahren ist der Club doch ziemlich zu einem Treffpunkt rückwärtsgewandter Lokalpatrioten geworden. Bester künstlerischer Ausdruck dafür: Der sonntägliche Tanztee und Karaoke.

Mit Tanztee hatte das Konzert gestern nun wenig gemein, schon während des Schlangestehens vor der Tür spürte man: Heute wird es nicht gesittet. Blödes Anrempeln, zu lautes Gelaber, die Mützen wurden tief ins Gesicht gezogen. Die Tür war hart, man hatte mal wieder den Eindruck, als Palästinenserin nach Israel einreisen und nicht einer Kulturveranstaltung beiwohnen zu wollen. (Fotoapparate waren übrigens auch nicht erlaubt, deshalb gibt es an dieser Stelle auch kein Gigfoto).
Drinnen wurde einem dann allerdings schnell klar, dass die penible Taschen- und Körperkontrolle wohl doch nur Show war – lange her, dass ich so viel Verstrahlte auf einem Haufen gesehen habe. Die Betonung liegt auf “viel”, denn wirklich war es so voll, dass man das Konzert eigentlich vergessen konnte. Irgendwo in weiter Ferne konnte man die Bühne erahnen und nach einer Weile zwei New Yorker mit großen Brillen – wo war der Rest?

Auch wenn das Konzert betont anti-effekthascherisch begann (also nicht die Hits des aktuellen Albums “Dear Science”, sondern ein paar ältere Rockstücke), an “TV On The Radio” lag es bestimmt nicht, dass das SO 36 gestern mühelos den Wettbewerb “Abgefucktester Club der Woche” gewonnen hätte. Bekanntlich sind die Brooklyner gerade unter anderem so in, weil sie so einen guten Geschmack haben. Ihnen ist die längst nötige Ablösung des Hot Chip inspirierten 80er-Jahre-Metallbrillenmodells durch das tellergroße Hornbrillenmodell zu verdanken und schon dafür sollten sie den Bundesverdienstorden bekommen. Daneben ist ihr neues Album „Dear Science“ sicherlich der momentan gelungenste Ausdruck einer post-racial Ästhetik neben Barack Obama.

Umso schlimmer, dass es gestern so eine pickepack volle Versammlung von Panneköppen war. An oberste Stelle: Die Leute, die von sich glauben, sie seien nonkonformistisch, wenn sie demonstrativ in Clubs rauchen. Man möchte ihnen die Fluppe aus der Hand schlagen, drauf treten und sagen: “Wenn das alles ist, was du an Widerstand bereit hälst, dann spring doch gleich von der Brücke”. Super im “Berghain”: Da werden Leute dafür bezahlt, dass sie die demonstrativ rauchenden Peinsäcke vor die Tür begleiten. Nötigung Nr 2: Echt eklige volltrunkene Mittfünfziger mit leeren Whiskeygläsern in der Hand, nervig rauchend und Frauen aufreißend. Das Modell „paisleytuchtragender Syberberg-Imitator” gibt’s doch gar nicht mehr? Gibt’s eben doch. Im SO 36. Nr. 3 der Verstöße: Im Vorraum neben den Klo verdrogt auf dem Boden rumsitzen und sich von geschmacklosen Punkern mit Bausparvertrag volltexten lassen. An anderer Stelle werde ich noch mal genauer erklären, warum meine Geschlechtsgenossinen im Nachtleben leider sehr ungünstige Tendenzen aufweisen, so viel sei aber schon mal verraten: Natürlichkeit ist nicht immer Trumpf.
Sonst hätte der riesengroße blonder Junge mit den Rastalocken – „a giant“, wie die kleine Frau neben mir bemerkte – sicherlich mehr Bewunderer gehabt, als plötzlich an der Bar zusammensackte und allen Ernstes ohnmächtig wurde. Der Gigant musste halbnackt von fünf Helfern aus dem Raum getragen werden. Expedition aus dem Tierreich.

Ach ja: Ein Rockkonzert ist eine Rockkonzert ist ein Rockkonzert. Keine Messe, kein Museum, keine Vorlesung und schon gar kein „Kulturveranstaltung“. Hätt ich beinahe mal wieder vergessen.

Liebe Münchner,
hier eine Ankündigung für eine Ausstellung, die von meiner Kollegin Anna vom “Ideenshop” mitkuratiert wurde. Selbstermächtigung rules, yeah!

Lost & Found
18.10. – 29.11. 2008
Die Ausstellung „Lost & Found“ richtet den Blick auf die aktive Rezeption von Popkultur.
Im Zentrum stehen aktuelle Möglichkeiten der kulturellen Selbstermächtigung, die durch die Auseinandersetzung
mit einem Song, einem Werk, dem Lebensentwurf einer Person oder der Aneignung von „Mainstream“ entstehen.
Dabei spielen Nachahmungen, Neuinterpretationen, queere Umdeutungen, feministische und postkoloniale
Referenzen eine Rolle, die in den Vordergrund gerückt und offengelegt werden.
Mit: Pauline Boudry (CH/D), Stella Brunner (CH), Anna McCarthy (UK/D), Discoteca Flaming Star (D/E) & François
Boué (USA), Christine Lang (D), Didi Neidhart (A), Sabine Reinfeld (D), Dimitrina Sevova (BG/CH), Andrea Thal (CH)
Kuratiert von Alice Cantaluppi, Isabel Reiss und Anna Voswinckel
Fr, 17.10.08, 19 Uhr Vernissage mit anschließender Queer Party des Münchner Kollektivs „Get Rid”
live: DAMENKAPELLE! Give a Wham!, Give a Bam!, but don`t give a Damn!
Sa, 18.10.08, 20 Uhr „Queering the Bitch“
Vortrag von Christiane Erharter und Sonja Eismann, in Zusammenarbeit mit inter@ktiv.
Sa, 25.10.08, ab 19 Uhr Lange Nacht der Münchner Museen
Screening von „rampenfieber- Die Doku“, Künstlerfilm von Bea Bösinger & Roland de Roo
Fr, 28.11.08, 20 Uhr Screening von „Unbeschreiblich Weiblich”
in Anwesenheit von Dimitrina Sevova. Eine autobiografische Zeitreise.
Sa, 29.11.08, 19 Uhr Finissage und „Vorlesung in eigener Sache“:
Re-Interpretationen von 70er-Jahre-Glamrock-Songtexten, eine Performance von Stella Brunner

lothringer13/laden
Lothringer Str. 13, D-81667 München, +49 89 45911905, laden@lothringer13.de, Do – Sa, 16 – 19 Uhr www.lothringer13.de/laden

Der Hauptbahnhof am Donnerstagabend quoll über vor Menschen. Niemand kam mehr vom Fleck, geduldig warteten einige in Nischen, bis der Strom abebbte und man auf den Bahnsteig gehen konnte. Kein Zug weit und breit, die Dame der Durchsage widersprach sich, Panik auf den Gesichtern der Menschen: Würden sie jemals in ihre geschlossenen Räume zurückkehren dürfen?

Wenn sich die Buchmesse durch Frankfurt ihren Weg bahnt, wird der Main zu einem Rinnsaal. Der Buchmensch als individueller ist verloren. Nur noch sehr vereinzelt ragt er aus der Masse, wie der von mir sehr geschätzte Stephan Schlak. Er trug einen großkarierten Flanellanzug, während er debattierend durch die Halle stürmte.

Heinz Strunk ließ sich verheizen oder heizte selber ein, schwer zu sagen, kein blaues Sofa, auf dem er nicht saß. Er gab Müller-Wirth contra, zurecht – einen Autor mit dem falschen Namen anzureden, ist schon ein Fauxpas sondergleichen. Ausgerechnet Harald. Auf Müller-Wirths Stichelei, „Zugfahrten nehmen eine herausragende Stellung in ihrem Roman ein“ antwortete er, man müsse ja auch an das Bahnmagazin „Mobil“ denken. Ehrlichkeit sticht immer.
Ansonsten ist die Redundanz Heinz Strunks bestechend. Noch einmal „An der Nordseeküste“, so könnte man die rhetorische Strategie auf dem Punkt bringen, mit der er so populär wurde, wie er jetzt unzweifelhaft ist. 12 Jahre Tiffanys gehen halt doch nicht einfach so an einem vorüber, da übernimmt man einiges und sei es nur das Herumreiten auf dem einen Hit.

Kracht habe ich dagegen gar nicht gesehen. Als sei er verloren gegangen in dem von ihm selbst erschaffenen Réduit, dem rhizomartigen Tunnelgeflecht der SSR, der Schweizer Sowjet Republik, kurz vor dem „Piz Lenin“. Nun ja, die von ihm beschworene Eleganz des Wesens spricht dagegen, sich auf der Messe gemein zu machen. Aber klauen: Von Johnny Cash, Ernst Jünger und Karl may, James Bond und Jules Verne, Joseph Conrad, Krieg der Sterne und Matrix.

Auch ich habe eine Vision: Der Frankfurter Hauptbahnhof wird überrollt, von einem 100 Meter hohen ICE-Tsunami. Die aufgestauten Züge türmen sich auf und bereiten dem Verlagswesen ein Ende.

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nadja

Nadja Geer
nadja.geer@textetage.com
http://www.nadjageer.de
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