Archiv nach Autoren: nadja

Ich bin wohl die Letzte, die nicht für eine Komplizierung von Sachverhalten wäre. Ganz einfach, weil ich davon überzeugt bin, dass Kunst und Politik kompliziert sind und die Reduktion von Komplexität zugunsten der Verständlichkeit einer Vergewaltigung nahe kommt. Es lebe die Komplexität!

Allerdings sollte man auch keinen Unsinn schreiben. Also komplex ja, schwierig auch, aber keinen Unsinn.

So wie hier sollte man es also nicht machen liebe Freunde. Warum nicht? Weil mit diesem aus dem Zusammenhang gerissenen und in den Zusammenhang geschmissenen Adorno-Zitat niemandem geholfen wird. Noch nicht einmal dem Poststrukturalismus.

Es ist einfach nur ärgerlich, wenn es um einen interessanten Musiker geht (Bonnie Prince Billy) und um ein interessantes Konzept (ich mach Coverversionen und nenne die Autoren des Originals nicht) und das alles mit einem Zitat eines nach Meinung vieler auch nicht uninteressanten Philosophen einfach der gesamte geistige Mehrwert in die Tonne getreten wird. Oder ist das etwa nicht ein vollkommen unverständliches, geradezu Ärger hervorrufendes Zitat? (Ich bitte um Kommentare) Ist es nicht die pure Sophistik, die von der Sophistication so weit entfernt ist, wie böse von gut?

Zitieren ja, meinetwegen auch Adorno, aber gekonnt muss es schon sein.

ripit.jpgRip It Up And Start Again: Das Buch für alle, die schon immer einmal wissen wollten, warum sie sich für Popmusik interessieren – obgleich sie doch KUNST immer umgetrieben hat.

Für mich das wirklich Ausschlaggebende für diesen roten Faden durch die Postpunkjahre (also von 1978-1984): Die Anfangsthese von Autor Simon Reynolds, dass sich die Postpunkbands gegen den Rockismus und für die Kunst ausgesprochen haben. Dass sie sich in einer Tradition mit Dada und anderen anti-bürgerlichen Kunstformen sahen. Klar, Greil Marcus hat das in seinen Büchern schon immer behauptet, aber das eine war von außen auf Musikrichtungen oktroyierte These. Wunschdenken eines hochkulturell interessierten Popkritikers. Reynolds dahingegen recherchiert, führt 124 Interviews, erzählt mehr, als dass er argumentiert. Dadurch leuchtet es ein, dass sich dieser ganze Neuaufbruch nach Punk selbst so konstruiert hat. Daher die Plattencover von Killing Joke (“Wardance”), daher die Polittexte von Scritti Politti (“Jacques Derrida”), daher die Motown Emphase von Orange Juice (“Just like the Four Tops: I cant help myself”): Es ging darum, sich neue Traditions-linien zu basteln, ein neues Selbstverständnis anzueignen und: Es ging um eine neue Politik.

Ein Teil des Pop-Politik Dilemmas der Neunziger baut darauf auf: Die Vorstellung, gegen die Gesellschaft zu sein, “anti”, eben wie avantgardistische Kunst und “nasty”. Das ganze Hakenkreuzrevival und dann natürlich der Skandal schlechthin: eine Band Joy Division zu nennen, nach einem Begriff aus einem Roman von 1965, “House of Dolls”, in dem der Autor mit dem Pseudonym Ka-Tzetnik 135633 über die “joy division” des Konzentrationslagers Auschwitz schreibt, ein Freudenhaus für Nazisoldaten, indem junge KZ-Häftlinge als Sex-Sklavinnen arbeiten mussten.

All das der Versuch, eine Gegenposition zum Mainstream zu etablieren, die sich aber eben doch nicht nur als dagegen, wie die Counter Culture, sondern auch als “neu” und hip” ansah, also deutlich avantgardistische, bissige, zynische Züge trug.

Hört man sich den Sound dieser Jahre noch einmal an, Devo, Joy Division, The Fall, The Pop Group – auch die deutsche New Wave Band Palais Schaumburg, dann glaubt man, das Konzept hinter dieser Popmusik hören zu können: Coolness, Brüche, lebendige Unsicherheit, Sophistication: Wie eine Welle schwappt es wieder über einem zusammen. Mehr als nur Musik, ein ganzer Lebensentwurf stand dahinter. Und viel Kopfarbeit.

Es wird immer beklagt, dass Teenager die Popmusik nicht mehr als Haltungsrahmen annehmen, ohne zu bemerken, dass die Popmusik von heute diesen Rahmen gar nicht mehr anbietet. Vielleicht bisweilen auf der textlichen Ebene (Die Türen etc.) aber lange nicht mehr als Gesamtkunstwerk, sowie in den frühen Achtzigern. Bei Scritti Politti wurde das “Scritti communiqué”, ein post-strukturalistisch und popjournalistisch geschultes Think Tank eingerichtet, um gehaltvoll genug in Interviews zu sein. Und die ästhetische Praxis hielt eben mit. Heute ist das zu aufgeteilt: Progressiver Sound auf der einen, mittelschlaue Texte auf der anderen Seite. Das könnte ein Problem sein.

PS: Der Titel “Rip It Up” ist übrigens ein Song der schottischen Band Orange Juice. Hörenswert und wenn möglich setze ich den hier demnächst rein.

Drei herausgegriffene Alben aus dem letzten Jahr. Die Auswahl ist streng subjektiv und erhebt keinerlei  Anspruch, exemplarisch sein zu wollen. Interessengesteuert, was auch sonst.

WeenErstens: “Ween, La Cucaracha”. Nach Jahren kamen die falschen Brüder Jean und Dean Ween mal wieder mit einem Album über, das sich so sehr von allem abgesetzt hat, was sonst so auf den Markt geworfen wurde, dass es eine Würdigung in Form eines Rückgriffs verdient. “Das beste Buch des Jahres 1981″, schrieb Peter Glaser 1984, “ist eine Schallplatte: ‘Monarchie und Alltag’ von Fehlfarben”. Wendet man dieses Bonmot auf “La Cucaracha” an, muss man gleichzeitig klar stellen, was das eigentlich bedeutet, das beste Buch war eine Platte. Es meint eigentlich nichts anderes als narrativen Mehrwert. Der narrative Mehrwert einer Ween-Platte ist beträchtlich, es gibt ihn hoch zwei. Einerseits wird auf der inhaltlichen Ebene so einiges verhandelt, vom Entstehen der Erde und der menschlichen Rasse bis zu dem Vergnügen, das man auf einer Party auch als verheiratetes Paar haben kann. Darüber hinaus gibt es auf der musikalischen Ebene Anekdoten und Schwänke: Was hat Heavy Metal mit Country zu tun, was Dub mit Pop? Ween fragen. (Kleiner Tipp: Es sind alles kleine Erzählungen im Kontext der Musikgeschichte, die die große Narration verneint.)

 burial-untrue1.jpgZweites Beispiel: “Burial, Untrue”. Wie war das noch einmal beim Punk? Die Energie ist es, die den Reiz der Sache ausmacht. Bei elektronischer Musik – und um die handelt es sich bei dem Londoner Musiker Burial – könnte man behaupten, es sei die Atmosphäre, die ausschlaggebend sei. Warum? Macht man das zweite Album des englischen Einzelgängers an, gibt man freiwillig eine große Portion Aufmerksamkeit ab. Es ist so atmosphärisch dicht, dass man innehält, in dem was man gerade tut und lauscht. Was man hören kann, ist recht schwer in Worte zu fassen: Viele Breaks, eines soulige Frauenstimme, analoges Knistern. Drum&Bass meets Trip Hop meets Dubstep meets Breakbeats meets, ja, was denn noch eigentlich? Gekonnt zusammengemischt ist das Ganze, Burial, atmosphärisch fett, mehr kann man kaum dazu sagen. Muss man hören.

jollygoods.jpegDrittes Beispiel: Zwei junge Frauen (16 und 19) aus der Provinz mit einem beknackten Namen: Jolly Goods. A play with words. Jolly good, also verdammt gut, wird zu zwei verdammt guten Gütern. Na ja. Egal, wichtiger ist das Projekt dahinter: Zwei angry young women. Lange nicht mehr gehabt. So “anti”, dass Spex gleich anhand von ihrem Debütalbum “Her.barium” den Neo-Grunge ausruft. Soweit wollen wir hier nicht gehen, aber Wut, ja, Wut und Radikalität kann man hören in den Songs von – Achtung, so heißen die wirklich – Angie und Tanja Pippi. Vielleicht hat sie der Name radikalisiert. Musikalisch ist dieses Projekt übrigens schwächer als haltungstechnisch. Aber Frauen mit einer Haltung werden belohnt, Gitarrespielen können sie ja noch üben. In Neukölln, da wohnen die beiden Schwestern jetzt nämlich.

So weit zur Popmusik, die wie immer gleichzeitig mit mehreren Liedern auf vielen Lippen aus dem Haus geht und hoffentlich nicht so schnell wieder heim kommt.

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