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Kann nur empfehlen, sich „Ein Prophet“ von Jacques Audiard anzuschauen, so lange er noch in den Kinos läuft. Endlich mal wieder ein richtig trockener Gangsterfilm. Und ein stimmungsvoller Gefängnisfilm noch dazu. Mit tollen Schauspielern, besonders natürlich dieser Tahar Rahim, der als ein arabischer Niemand im Knast eingeliefert wird und sich tief ins Ganovenbusiness hineinarbeitet. Eine Traumebene gibt dem Film eine poetische Note, die aber niemals nervt. Da ich gerade auch die starke Camorra-Zustandsbeschreibung „Gomorrha“ auf DVD wiedergesehen habe und vier Folgen vor dem Ende der wohl realistischsten Cop-Serie „The Wire“ – über die hier schon mal geschwärmt wurde – stehe, spannt sich das Thema des organisierten Verbrechens bei mir gerade über den ganzen Globus. Und es ist erschreckend, wie sich die fantastisch recherchierten Meisterwerke „Gomorrha“ und „The Wire“ und damit die Systeme der Drogenkriminalität in Neapels Betonsilos von Scampia und Baltimores Eastside- und Westsidecorners ähneln: die Drogenumschlagsplätze, die Gruppendynamik in der Pusher-Szene und vor allem die Macht der Kids. Denn wenn in „The Wire“ ab der dritten Staffel der eiskalte Marlo Stanfield immer mehr die Fäden zieht, dann fragt man sich zuerst schon, warum denn niemand diesem Mittzwanziger-Lümmel mal die Ohren langzieht. Die Antwort gibt „Gomorrha“-Autor Roberto Saviano im interessanten Interview auf der Doppel-DVD des Films: „Die alten Verbrecher gibt es nur im Film. In Wirklichkeit sind die Bosse jung. 90 Prozent der Opfer der organisierten Kriminalität sind unter 30 Jahren.“ So ist dann auch das grandios augenzwinkernde Ende von „Ein Prophet“ wieder absolut realistisch.

Hier noch der Trailer von “Ein Prophet”:

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Heute war der Kampf zwischen den Sonntagszeitungen schon rein optisch schnell entschieden. Mit Blumen im Eis hat einen die FAS nicht wirklich angemacht. Dagegen die WamS: unsere Lieblingsministerin Kristina Schröder im Beauty-Shot! Daneben die sexy Headline: “Wie das Netz unser Leben verändert”. Netz ist diesen Sonntag aber nur Facebook. Und tatsächlich erklärt dann die Familienexpertin Schröder hintendrin in ihrem Eingangsbeitrag auf der Doppelseite im original Facebook-Design, warum sie das Netzwerk so gerne mag, obwohl sie eigentlich ja ein “‘Spätzünder'” ist. Und da fallen so schöne Zitate wie: „Ich schätze dort auch das hohe Niveau, es gibt nur ganz selten Einträge unter der Gürtellinie“, oder: „Ein Politiker sollte Facebook allerdings nur dann nutzen, wenn er wirklich eine Affinität dazu hat. Wenn er andere für sich posten lässt, merkt man das sofort“, oder: „Was mich am Anfang bei Facebook wirklich gestört hat, war der Begriff ‚Freunde‘. Denn das sind ja keine wirklichen Freunde. Inzwischen habe ich mich aber daran gewöhnt”, oder auch: „Wenn ich keine Politikerin wäre, hätte ich trotzdem großen Spaß an Facebook.“

Die WamS wurde mir übrigens von einem netten Straßenverkäufer gratis angeboten. Und bei dem Aufmacherbild konnte ich diesmal echt nicht nein sagen.

Weil die Filme jetzt auch ins Kino kommen, hier mal mein Rückblick auf das Münchner Filmfest vor ein paar Wochen, bei dem es für mich einen ganz klaren Gewinner gab: den Genrefilm. Wo die deutschen Filme als Komödien-Western-Medien-Romanzen-Mutanten ziemlich abgesoffen sind, haben mir gerade die klassischen Geschichten am besten gefallen:

Science-Fiction: „Moon“
Duncan Jones, Sohn von David Bowie, geht hier mit quasi nur einem Schauspieler dem existentiellen Problem der Einzigartigkeit und des Alleinseins des Menschen auf den Grund. So etwas war ja bei der Science-Fiction schon immer am besten aufgehoben. Sam Rockwell als Astronaut spielt sich selbst an die Wand und endlich gibt es mal wieder diese reine, verstörende Sci-Fi, die ohne all die Monster auskommt, die seit „Aliens“ diesem Genre fast den Gar ausgemacht haben. Zuletzt hab‘ ich mich da etwa über Danny Boyles „Sunshine“ sehr geärgert.

Kriegsfilm: „The Hurt Locker / Tödliches Kommando“
Kathryn Bigelows Film über die Bombenentschärfer im Irak ist absolut brachial, machomäßig und actionlastig. Auch wenn manche Duelle wie ein Western wirken, ist es doch ein Film der durch und durch die irren Wesenszüge des Kriegs auslotet. Er vermittelt präzise die Gefühle der Soldaten zwischen auswegloser Angespanntheit und kindlicher Ausgelassenheit. Die schicksalhafte Verdammnis zu ihrem Job war für mich das vielleicht stärkste Motiv dieses tatsächlich überwältigenden Films.

Coming-of-Age: „Adventureland“
Greg Mottolas Geschichte des Jungen James, der sich sein Geld fürs Studium in einem Abenteuerpark verdient und dort in vielen Episoden Freundschaft, Liebe und einiges dazwischen kennenlernt. Im Gegensatz zu anderen „Indie-Perlen“ oder „Festival-Hits“ wie der neue „Lymelife“ oder der ältere „Juno“ braucht dieser Film keinen skurrilen Aufhänger, sondern konzentriert sich ganz einfach auf den Sommer 1987 und seine Hauptfigur(en). Da gibt es einige magische Momente zwischen James und seinen Kumpels oder zwischen ihm und seinem Mädchen zu belachen und beweinen. Ich muss zugeben, dass allein der Score von Yo La Tengo und die Songs von Falco bis Hüsker Dü mich parteiisch gemacht haben.

Gangsterfilm: „Public Enemies“
Michael Mann hat einen Film gemacht, dessen einzige Schwäche es wohl ist, dass er nur ein Gangsterfilm ist. Mann und der endlich mal wieder supersmarte Johnny Depp zeigen John Dillinger als ein einen edlen Bankräuber, der einen Coup nach dem nächsten durchzieht, sich ein hübsches Mädchen anlacht und am Ende doch nicht entkommen kann. Keinerlei psychologische Entwicklung, weder bei Dillinger noch in seiner Beziehung zur Freundin oder zu seinem Jäger gibt es. Es ist ein glasklarer Krimi, bei dem man sich den Verlauf jeder Szene zwar denken kann, die Auflösung wegen der eindringlichen Bilder, des fantastischen Tons und des erzählerischen Niveaus mir aber immer wieder den Atem geraubt hat. Dank Michael Manns neuer Vorliebe für HD-Filmkameras geht der Film außerdem näher ran an die Kostüm-Gangster, als man es jemals im Kino gesehen hat. Und Depp vs. Bale ist derzeit wohl kaum zu überbieten.

Ich bin leider selbst am Wochenende nicht in München. Ansonsten müsste ich am Freitag in die Muffathalle. Dort spielen die grandiosen Atmosphere aus Minneapolis. Deren Hip Hop hab’ ich erst mit der letzten Platte „When Life Gives You Lemons, You Paint That Shit Gold“ kennengelernt, aber seitdem gibt es wenig groovenden Rap, den ich lieber höre, wenn ich etwas Aufputschendes für Kopf und Beine brauche. Sänger Slug mit seinen rigorosen Reimen und der selbst in der Künstlichkeit absolut persönliche Sound sind fantastisch und auf der Zusatz DVD zur CD sind sie auch live mit funky Band ziemlich ansteckend. Weiß zwar nicht, wie sie es in München präsentieren, aber das kann gar nicht schlecht werden. Die Muffathalle feiert 16 Jahre Hip Hop und deshalb gibt es neben den obligatorischen Blumentopf auch die australischen Hilltop Hoods zu hören. Als weitere Platten von Atmosphere kann ich „Seven’s Travels“ oder „Strictly Leakage“ empfehlen, die sehr soulig daherkommt und die die Jungs vor ein paar Jahren umsonst im Internet vertrieben haben. Mein Aha-Erlebnis hatte ich dank eines Podcasts mit der fiesen Basslinie des Songs „Shoulda Known“. Hier das zugehörige Video, das den klaustrophobischen Bass und die dreckigen Lyrics durchaus interessant interpretiert:

[youtube YEZseJ1Wuq8]

Einmal Clint Eastwood ist ja schon ein Vergnügen. Aber innerhalb von 24 Stunden gleich zwei Mal den verbitterten Revolverhelden im Kino zu sehen, ist natürlich als kinematographisches Erlebnis kaum zu übertreffen. Gestern in „High Plains Drifter“ von 1973 – heute sein neuer Film „Gran Torino“. Einmal der wahrscheinlich teuflischste Western seiner Laufbahn überhaupt – dann sein neues anrührendes Drama über einen Kriegsveteranen im Vorortstress. In „High Plains Drifters“ gibt Eastwood den einsamen Rächer, der nicht nur die Unsympathischen mit flinkem Finger aus dem Weg räumt, sondern gleich auch ein ganzes Dorf für eine einstige Feigheit bestraft. Dabei vergewaltigt er Frauen (die das dann hinterher aber doch ganz toll finden) und zeigt sich auch sonst recht raubeinig. Wie ähnlich heute sein „Gran Torino“: Eastwood ebenfalls als ziemlich mieser, ausländerfeindlicher alter Sack, der die Probleme grundsätzlich mit der Waffe löst. Beerdigungen gibt’s in beiden Filmen einige und auch sonst ist das amerikanisches Rache-und-Opfer-Kino in Reinkultur. Von Eastwood mit aller Konsequenz inszeniert, und vielleicht deshalb so stark. Die kleine asiatische Freundin von Walt Kowalski antwortet ihm in „Gran Torino“, als er sie verwundert fragt, warum sie ihn denn bloß sympathisch fände, ganz einfach: „Du bist Amerikaner.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Das einzige, was Kowalski noch etwas bedeutet, ist sein alter Ford Gran Torino. Der ist Baujahr 1972, hat also das gleiche Entstehungsdatum wie Eastwoods „High Plains Drifters“. So schließt sich der Kreis. Wie zuletzt schon erwähnt, gibt’s bis Mitte Juni im Filmmuseum noch viele andere Eastwood-Filme zu sehen. Hier noch Kowalski mit Karre und Knarre (interessant: die beiden stärksten Symbolen der gegenwärtigen gesellschaftlichen Krise) und mit dem Titelsong zu “Gran Torino”, von Eisenstimme Eastwood persönlich vorgetragen.

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Thomas Schöffner
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