Aus: Berliner Zeitung, 19.1.2006

Selbstporträt einer Ameise
Anne Webers Kapitalismuskritik im Zahnlabor

Katrin Schuster

Viel zu lange hat man nichts gehört von Bleistiftspitzern, Ärmelschonern und festen Arbeitszeiten – fast schien es, als hätte das Büro als literarischer Ort ausgedient. Bis Anne Weber sich mit “Gold im Mund” gut hundert Jahre nach Robert Walsers Sammlung der fiktiven Schulaufsätze “Fritz Kochers” wieder der Angestellten angenommen hat. “Um in der Welt ein rechtschaffenes Leben führen zu können, muß man einen Beruf haben. Man kann nicht nur so in den Tag hineinarbeiten. Die Arbeit muß ihren bestimmten Charakter und einen Zweck haben, zu dem sie führen soll. Um das zu erreichen, wählt man einen Beruf.” Sagt Fritz Kocher und wählt “ein Bureau.”

Als Anne Weber noch “statt Geld in Zeit, Zeit in Geld umtauschte und unter diesem Tausch täglich litt” schrieb sie mit “Liebe Vögel” eine eisig klare Tirade in 31 Kolumnen: “Wie ich euch hasse, liebe Freunde und Kollegen, wie ich euch jeden Tag aufs neue, Rächerin und Kannibalin, mit meinem Brieföffner durchbohre.”

Für “Gold im Mund” ist sie ins Büro zurückgekehrt. In Walsers Geburtsort, der Schweizer Kleinstadt Biel, erbat sie bei “Cendres & Métaux” in der Abteilung für Zahnersatz einen Schreibtisch im Großraumbüro. Ganz im Ton Walsers gestelzter Naivität, vermeintlich unfreiwillig entlarvender Komik und schelmischer Durchtriebenheit notiert sie: “Über jedem der halbhohen Büromöbel schwebt ein Kopf, der manchmal von seinem Besitzer in die Luft gehoben und durch die Gänge getragen wird. Es gefällt mir, daß ich jetzt einer dieser schwebenden Köpfe bin, daß ich an diesem blanken, reinlichen, wohlgeordneten Leben Anteil haben darf.”

Ins literarische Tagesgeschäft passt das immer noch nicht: Eine, die mit vorgegebener Tolpatschigkeit vielfach schlauer als ihre räsonnierenden Kollegen sowohl die stillen Übereinkünfte und ungeschriebenen Gesetze des Zusammenlebens und -arbeitens als auch das No-Alternative-Denken des Neoliberalismus erschüttert und oft genug mit einem heiteren Unschuldslammlächeln im Gesicht in sich zusammenstürzen lässt.

Und weil das Befremden angesichts der Entfremdung längst nicht mehr so authentisch daher kommen kann wie noch bei Robert Walser, verschwendet Anne Weber heillos Worte, Figuren, Einfälle. Es geht um nichts in diesem Text, und daher um alles: Gibt es eindeutige Beweise für die Existenz des viel zitierten Direktors? Wie sähe das Selbstporträt einer Ameise aus? Sind Büropflanzen womöglich die einzig wahren Kommunisten? Zum Glück verpflichtet noch kein Gesetz auf Stringenz: “Solange es sie noch gibt, nutze ich die Rechtslücke aus, um ein Buch zu schreiben, in dem es um nichts, jedenfalls um nichts Resümierbares geht.”

Womit all den kapitalistischen Rationalisierungs- und Nützlichkeitsgeboten am nachhaltigsten widersprochen wäre.

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