Aus: Der Bund, 28.7.2006
Der 30-jährige Michal Hvorecky erzählt gewitzt und lustvoll von einem Ende der Utopien. Im Roman «City» sucht ein Internetsüchtiger nach dem Echten. Und wird schließlich selbst Opfer der Inszenierungen.

Das ist Unglück im Glück: Geboren Anfang des 21. Jahrhunderts, bekam Irvin Mirsky zwar keinen Markennamen wie alle anderen Kinder, die Nivea, Gucci oder gar GlaxoSmithKline genannt wurden. Seine Eltern ließen sich einen gut dotierten Sponsoring-Vertrag entgehen, um Irvin erst recht als Doppelgänger durchs Leben zu schicken. «Mein älterer Bruder war bei seiner Geburt gestorben, und meine Eltern hatten mir denselben Namen wie ihm gegeben (…). Ich musste ein Grab mit meinem Namen besuchen.» Wie es mit diesem menschlichen Epitaph weitergeht: Irvin verschlägt es in die Hauptstadt «Supereuropas», nach City, dem, wie es heißt, «unwahrscheinlichsten aller Orte».
Der slowakische, in Bratislava lebende Autor Michal Hvorecky hat, gerade mal 30 Jahre alt, bereits zwei Erzählbände und einen Roman veröffentlicht. Jetzt liegt «City» vor, «Für meinen Bruder» steht als Widmung darin. Ein Witz am Rande oder gezielte Irritation von Fiktion und Wirklichkeit? Vermutlich beides. Denn Hvorecky treibt durchgehend herrlichen Schabernack mit Nachahmungen und Repliken. Sein Ich-Erzähler Irvin ist süchtig nach Virtualität, seit seiner Jugend surft er tage-, nächte-, wochenlang im Internet, jegliche Porno-Seiten haben es ihm angetan. «Tausende von Körpern kannte ich besser als meinen eigenen», sagt er ebenso lapidar wie offenherzig.
So schlicht und abgeklärt plaudert dieser schelmische Kopien-Junkie stets, weil er zwar keine Ideale, aber immerhin einen gesunden Menschenverstand besitzt. Er nimmt es einfach hin, wenn auch verwundert ab und zu. Überall in City geht es um Sex; auf Stadtplänen sind keine Straßennamen, dafür die großen Firmen verzeichnet; Abgeordnete heißen wie Comicfiguren, wenn ihr Geldgeber das will; in einem Coffeeshop bekommt er als Zugabe zum Milchkaffee ein ungenießbares Getränk namens «Commercial Suicide».
Doch Michal Hvorecky ist nicht nur ein inspiriert gewitzter Autor, sondern zudem ein lustvoller Textweber. Seite für Seite vernetzen sich die Ereignisse, Sätze und Handlungen aus Irvins Bildschirmzeit kehren wieder, werden wahr. Nach einem Stromausfall verbreitet Irvin eine halbgare Theorie vom Glück der Elektrizitätslosigkeit, seine Jünger treibens wild, vor allem miteinander. «Das Ganze kam mir seltsam vor, als hätte ich es schon einmal gesehen.» Die Wirklichkeit wird endlich eingeholt – von ihrer Inszenierung: Als Erlöser-Superheld tauft Irvin all die Niveas, Guccis und GlaxoSmithKlines neu – auf die Namen seiner ehemaligen Lieblingswebsites nämlich.
So ist die Utopie verseucht, von Anfang an. Die Sehnsucht nach dem Echten führt immer tiefer in den Dschungel der Abziehbildchen. Und am Ende enttarnt sich Irvins Realität als vielleicht größter Fake.

Michal Hvorecky: City: Der unwahrscheinlichste aller Orte. Roman. Aus dem Slowakischen von Mirko Kraetz. Tropen Verlag, Berlin 2006. 280 S., Fr 33.90.

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