Von Anatolien nach Deutschland
Eine türkische Frauengeschichte: Feridun Zaimoglus Herz schlägt für “Leyla”
Aus: Berliner Zeitung, 23. Februar 2006

Es herrscht das Gesetz des Vaters; der Koreakrieg sorgt für Dispute; Frauen, die auffallend gekleidet sind, werden schief angeschaut; die große Stadt ist für die Landbewohner ein Mythos, die Liebe für Teenager ein großes Rätsel – und wie man sie ausübt ein noch größeres. Klingt gar nicht so fremd für deutsche Ohren. Und doch sind wir in Anatolien in den 50er-Jahren.

Feridun Zaimoglu ist eine der wichtigsten literarischen Stimmen deutscher Gegenwart: In “Kanak Sprak” protokollierte er die Reden der Kinder türkischer Einwanderer, vermischte allerdings ununterscheidbar eigene und fremde Rede. Darauf folgte “Koppstoff – Kanaka Sprak”, die weibliche Variante des grellen Türkdeutschs. Mit seinem neuen Roman “Leyla” hat er sich jetzt auf die Suche nach der Vergangenheit begeben. Und dafür wieder den Frauen gelauscht, mit Tanten und Kusinen gesprochen. Denn Leyla ist Zaimoglus Ich-Erzählerin. “Dies ist eine Geschichte aus der alten Zeit. Es ist aber keine alte Geschichte”, beginnt der Roman.

Zaimoglus Sprache tönt noch aufregender “anders” als in seinen früheren Veröffentlichungen, die Wendung zurück hat ihm nur gut getan. Nüchtern die Melodie, die Worte bunt bis blumig hinein getupft und gekleckert, die Melancholie kleidet sich so ironisch wie verklärend. Ein Epos in Episoden, keine ausschließlich schöne Geschichte, doch auf jeder einzelnen Seite wunderschön erzählt.

Leylas Familie ist arm wie beinahe jeder in ihrem Dorf, statt eines Ehebetts gibt es eine “Ehematratze”. Nur wissen darf das keiner, nach dem Essen benutzt man Zahnstocher, “damit die Leute glaubten, es habe bei uns Fleisch zu Mittag gegeben.” Worüber ebenfalls alle in Kenntnis schweigen: Vater Halid verprügelt seine Frau und seine Kinder, weil er Angst mit Achtung verwechselt. “Nährvater” oder “Mann meiner Mutter” nennt Leyla ihn.

In der Öffentlichkeit wird Halid oft verspottet, denn mit den neuen Zeiten kommt er nicht zurecht. Die Aufschrift auf seiner Visitenkarte – “Export-Import AMERIKA” – ist nicht mehr als eine Traumschrift: Bei Geschäften wird er beständig übers Ohr gehauen. Davon erfährt der Leser nicht nur aus Leylas Perspektive: Feridun Zaimoglu hat ihr noch eine allwissende beiseite gestellt, die aus der Welt der Männer berichtet – rohe Worte für eine rohe Gesellschaft.

Eine kleine Weile genießt Leylas Familie das Glück des abwesenden Patriarchen: Halid muss ins Gefängnis, weil er wieder einmal den Versprechungen vom großen Geld aufgesessen ist. Als Djengis, der älteste Sohn, meint, er müsse alle Verstöße gegen des Vaters Regeln für den späteren Rapport festhalten, weist ihn die Mutter endlich in die Schranken: “Mein Sohn … ich liebe dich, ich gebe mein Leben für dich hin. Doch ich lege jedem Verräter das Henkerseil um den Hals, auch wenn er mein Sohn ist.”

Das fasziniert Zaimolgu unhaltbar an den Frauen: die Leidenschaft mit Gewaltpotential, der unbeugsame Familiensinn, die poetische Zärtlichkeit, das Aroma der Schönheit, die Selbstbeherrschung bis zur Selbstaufgabe. Die Passagen über das Frauenbaden im dampfend duftigen Hamam und die surrealen Traumbilder der Mutter gehören deshalb zu den leuchtendsten in diesem Buch. Und selbst den anatolischen Zicken huldigt der Autor noch aus lauter Neid auf ihre Welt.

Schließlich entdeckt er in den Rückzugsräumen des Weiblichen auch die Komik der ewigen Anständigkeiten: Wenn im Kreise junger Mädchen von “Dasdaunten” die Rede ist, wird schon mal in Ohnmacht gefallen; als Leylas Schwester Selda sie an ihren heimlichen Beobachtungen der verruchten Ipek Hanim teilhaben lässt, erschrickt Leyla fürchterlich darüber, dass Ipek Hanim sich eine Zigarette anzündet. “Habe ich dir zuviel versprochen?” fragt Selda dann stolz. Der mehrtägige Ausflug ins kurdische Heimatdorf von Leylas Freundin Manolya ist beste pubertäre Winnetou-Romantik.

Da geht Zaimoglus Travestie auf – stets ist er auf der Augenhöhe seiner Erzählerin, wohl weil er exzellent recherchierte im Familienkreis und deshalb spürbar sein ganzes Herz in diesem Buch steckt.

So lässt die Liebe nicht länger auf sich warten, erste Umbrüche im Privaten: Die Familie zieht nach Istanbul, Metin, “der Schöne”, hält um Leylas Hand an. Beim ersten Mal, da die beiden unter vier Augen, ohne Väter, Mütter, Schwestern, Tanten, Großmütter, Großtanten, miteinander sprechen, herrscht zunächst Stille, eine halbe Stunde lang, dann beginnt ein herrlich verklemmter Flirt: “Meine Dame, ich muss mich fragen, ob ich Ihnen gerecht werde … das wird wegen ihrer Schönheit unmöglich sein”. Doch Leyla lässt sich nicht so leicht um den Finger wickeln. “Mein Herr, sage ich, ich will von Ihnen elektrische Liebesgaben – damit wir uns richtig verstehen.” So sehen sie aus, die erotischen Übersprunghandlungen in Zeiten zarter Modernisierung.

Metin will weg aus der Türkei, nach Deutschland. “Die Menschen dort … greifen nicht gleich zum Messer, wenn ein Streit ausbricht. Sie riechen alle nach Seife”, schwärmt er, bevor er überhaupt dort war. Er zieht weg ins von ihm so pausenlos gelobte Land, holt dann Leyla, beider eben geborenen Sohn und Leylas Mutter nach. Der Sohn hat noch keinen Namen, erst in Deutschland soll er ihn bekommen. “Ein radikaler Neubeginn. Meine Güte, nicht dumm”, kommentiert Freundin Manolya.

Wie hätte Feridun Zaimoglu ihn auch nennen sollen? “Feridun” wäre wohl zuviel der Realität gewesen, alles andere aber verkehrt – der Autor kam selbst als kleines Kind an der Hand seiner türkischen Mutter nach Deutschland dem Vater nachgereist und blieb. So hat sich Feridun Zaimoglu mit “Leyla” nicht nur seine Vorgeschichte erschrieben. Sondern vor allem einen Namen für die Zukunft, einen, den man längst kannte, jetzt jedoch deutlich schwerer wiegt. Meine Güte, nicht dumm.

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