Der Hauptbahnhof am Donnerstagabend quoll über vor Menschen. Niemand kam mehr vom Fleck, geduldig warteten einige in Nischen, bis der Strom abebbte und man auf den Bahnsteig gehen konnte. Kein Zug weit und breit, die Dame der Durchsage widersprach sich, Panik auf den Gesichtern der Menschen: Würden sie jemals in ihre geschlossenen Räume zurückkehren dürfen?

Wenn sich die Buchmesse durch Frankfurt ihren Weg bahnt, wird der Main zu einem Rinnsaal. Der Buchmensch als individueller ist verloren. Nur noch sehr vereinzelt ragt er aus der Masse, wie der von mir sehr geschätzte Stephan Schlak. Er trug einen großkarierten Flanellanzug, während er debattierend durch die Halle stürmte.

Heinz Strunk ließ sich verheizen oder heizte selber ein, schwer zu sagen, kein blaues Sofa, auf dem er nicht saß. Er gab Müller-Wirth contra, zurecht – einen Autor mit dem falschen Namen anzureden, ist schon ein Fauxpas sondergleichen. Ausgerechnet Harald. Auf Müller-Wirths Stichelei, „Zugfahrten nehmen eine herausragende Stellung in ihrem Roman ein“ antwortete er, man müsse ja auch an das Bahnmagazin „Mobil“ denken. Ehrlichkeit sticht immer.
Ansonsten ist die Redundanz Heinz Strunks bestechend. Noch einmal „An der Nordseeküste“, so könnte man die rhetorische Strategie auf dem Punkt bringen, mit der er so populär wurde, wie er jetzt unzweifelhaft ist. 12 Jahre Tiffanys gehen halt doch nicht einfach so an einem vorüber, da übernimmt man einiges und sei es nur das Herumreiten auf dem einen Hit.

Kracht habe ich dagegen gar nicht gesehen. Als sei er verloren gegangen in dem von ihm selbst erschaffenen Réduit, dem rhizomartigen Tunnelgeflecht der SSR, der Schweizer Sowjet Republik, kurz vor dem „Piz Lenin“. Nun ja, die von ihm beschworene Eleganz des Wesens spricht dagegen, sich auf der Messe gemein zu machen. Aber klauen: Von Johnny Cash, Ernst Jünger und Karl may, James Bond und Jules Verne, Joseph Conrad, Krieg der Sterne und Matrix.

Auch ich habe eine Vision: Der Frankfurter Hauptbahnhof wird überrollt, von einem 100 Meter hohen ICE-Tsunami. Die aufgestauten Züge türmen sich auf und bereiten dem Verlagswesen ein Ende.

Zu diesem Eintrag gibt es 6 Kommentare.

  1. max
    17 Okt 08
    17:54

    Ja oh ja, viel geklaut, aber sehr schön zu Papier gebracht, der neue Kracht. Ausnahmsweise kann ich mitreden, und noch angetan. In den Motiven so nah an Pynchons Enden der Parabel (schon wieder), angefangen bei den ostafrikanischen Soldaten, über die Raketen zu unterirdischen Labyrinthen…
    Danke, Karl.

  2. karl
    24 Okt 08
    09:59

    Seltsames Buch ist das, dieser neue Kracht. Selten habe ich so lange gebraucht für läppische 150 Seiten, dir mir ganz und gar gefallen haben. So eine kristallklare Sprache! Das tut beinahe schon weh. Und am Ende konnte ich mich eigentlich nur wundern über Handlung und Formwillen. Seltsam, seltsam. Was will uns dieser Autor wohl sagen? :)

  3. karl
    24 Okt 08
    10:05

    Lese ich gerade noch einmal Gustav Seibts Rezension zu diesem Buch auf SZ Online, kommt da in der Mitte des Textes der nette Hinweis: “Lesen Sie auf Seite Zwei, welche Information der Autor kunstvoll verzögert.”

  4. max
    24 Okt 08
    11:32

    …und in der Mitte des SZ-Textes schlicht und kommentarlos eingefügt ein youtube-Fensterchen, das den Werbefilm des Verlages zeigt. Ist sicher keine Anzeige, weil so hübsch…

  5. karl
    24 Okt 08
    12:16

    Hab ich gar nicht gesehen. Ist sicher keine Anzeige, weil Hörprobe …

  6. nadja
    27 Okt 08
    12:06

    Kracht: Ästhetik ohne Ethik
    Strunk: Ethik ohne Ästhetik
    Meine Meinung. Später mehr dazu

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