Tatsächlich sehr lesenswert, wenn auch zutiefst deprimierend, ist das Buch “Sichere Siege” über Fußball, Spielmanipulation und organisiertes Verbrechen des Briten Declan Hill, das in den letzten Wochen ja zu einigem Medienrummel einschließlich obligatorischem Beckmann-Interview geführt hat. Zwar kann Hill nicht beweisen, dass einige Spiele der WM 2006 tatsächlich manipuliert wurden, doch zumindest für die Viertelfinalpartie zwischen Ghana und Brasilien, auf die Hill besonders wert legt, sind die Indizien wirklich so erdrückend, wie man es üblicherweise nur Beweisen nachsagt.

Wirklich erschreckend ist jedoch, dass einem beim Lesen Stück für Stück auffällt, wie sehr man sich mittlerweile an systematischen Betrug im Fußball gewöhnt hat und wie ungern man alle hinreichend bekannten Fälle in der eigenen Bewertung des Sports zusammendenkt: Korruption im britischen Fußball in den 50ern und 60ern, der Bundesliga-Skandal Anfang der 70er, die zweifelhafte WM 1978 in Argentinien, jenes widerliche Spiel bei der WM 1982 zwischen Deutschland und Österreich, das als “Schande von Gijon” in die Geschichte einging, die Bestechungsskandale um Olympique Marseille Ende der 80er Anfang der 90er, die Morde im russischen Fußball in den 90ern, all die Schiebungen in der belgischen, türkischen, portugiesischen Liga, der Zusammenbruch ganzer Ligen in Asien, weil bis zu 80 Prozent aller Spiele verschoben waren, der Zwangsabstieg von Juventus Turin in Italien, die angeblichen Doping-Beweise im Fuentes-Fall, die vermutlich nur zurückgehalten werden, weil Profis von Real Madrid involviert sind, all die Schiedsrichter-Skandale bis hin zu Robert Hoyzer, der dann wie seine kroatischen Freunde ins Gefängnis kam, während so gut wie alle anderen Ermittlungen gegen mindestens 25 Personen im Sande verliefen. Wenn man viele dieser Fälle noch einmal vor Augen geführt bekommt, kann man sich schon kaum noch vorstellen, dass es irgendeinen Wettbewerb gibt, an dem nichts faul ist.

So spannend Hills Geschichten über den Wettmarkt in Asien auch zu lesen sind, seine gefährlichen Treffen in schäbigen Restaurants mit Gangstern, am meisten hat mich dann doch die Tatsache beeindruckt, dass ich einen Großteil der beschriebenen Ereignisse bereits kannte und dennoch nie, nie, nie darüber nachdenken wollte, dass es sich vielleicht gar nicht lohnen könnte, in dem ganzen verkommenen Fußballzirkus nach so etwas Esoterischem wie der “Wahrheit des Spiels” zu suchen.

Ich fürchte, ich werde auch in Zukunft möglichst selten darüber nachdenken.

Zu diesem Eintrag gibt es 1 Kommentar.

  1. ich hab’s ja schon damals 1998 in frankreich gesagt: alles getuerkt!

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