Was bleibt von den Schauplätzen der Geschichte?
Aus: Nürnberger Nachrichten, 4.4.2006

Sie stockt manchmal, sucht nach dem richtigen Wort, ihr Englisch ist lückenhaft. In einen dunklen, bodenlangen Mantel gehüllt erschließt sie in abmessenden Schritten ein Stück grüne, blumenlose Wiese, sie deutet mal dahin, mal dorthin. „Hier kam man rein, und dann war gleich rechts die Toilette.“ Nichts außer diesen Skizzen in die Luft: Das Haus der Großeltern in Sarajevo ist Geschichte, über die längst Gras gewachsen ist. „Green Green Grass of Home“ heißt dieses Video von Maja Bajevic und Emanuel Licha, das wie alle anderen Arbeiten der Ausstellung „Last & Lost“ im Münchner Literaturhaus fragt: Was bleibt von den Schauplätzen der Historie?
Unter dem Titel „Last & Lost – Unterwegs durch ein verschwindendes Europa“ haben die polnische Verlegerin Katharina Sznajderman und die deutsche Lektorin Katharina Raabe ein Großprojekt in Gang gesetzt, ein Symposium fand im März in Berlin statt. Was bleibt: bis Ende April eine Ausstellung im Münchner Literaturhaus und ein Buch selben Namens: „Last & Lost – Ein Atlas des verschwindenden Europas“. Beide haben die größte Aufmerksamkeit verdient.
Titel wie „Islands“, „Peripheries“ oder „End of Europe“ prägen die Fotoserien und Videoarbeiten der 15 in München vertretenen Künstler: An Abbrüchen, Rändern, Übergängen finden sich die Orte, an denen die einstige Präsenz von Geschichte (und unser Umgang damit) augenfällig wird – im Verfall. Vesselina Nioklaeva hat die Grenzanlagen zwischen der Türkei und Bulgarien fotografiert. Vielmehr was davon noch zu sehen ist: niedergetrampelter Zaun, verrostete Schilder, ein offenes Tor. Milan Aleksic hat die Spuren mehrere Kriege festgehalten: ein zerfetztes Hochaus, ein umgeknicktes Kreuz, ein Hoffnungsloser auf einer Straßenkreuzung. Den Charme des Verrottens in Hochglanz haben auch Dik Bouwhuis, Catarina Botelho und Renate Niebler entdeckt. Niebler hat die Maxhütte fotografiert, weit blickt der Betrachter in eine scheinbar unendliche Tiefe der Hallen; Kräne, Stützen, Übergänge ragen hindurch; der Boden ein Meer aus Stahlschrott, Platten, Schienen, Rohren, Blechen, scharfen und stumpfen Kanten.
Für das begleitende Buch (in dem sich auch ein Teil der Fotografien wiederfindet) haben sich wieder 15, diesmal Autoren, aufgemacht, um die „Orte, die man der Zeit zum Fraß vorgeworfen hat“ (Andrej Stasiuk), wenigstens in Texten aufzuheben. Dabei sind wundervolle Reportagen entstanden. Von Vetle Lid Larssen etwa, der nach Vardo fuhr, einem Dorf auf einem Landzipfel ganz im Nordosten Norwegens. Auf der Suche nach dem sagenhaften Eingang der Hölle landet er in dem fast völlig verlassenen Ort. Um am Ende zu erkennen: „Auch die Hölle ist weggezogen.“
Von den Hakenschlägen der Historie erzählen auch Marius Ivaskevicius, Lavinia Greenlaw, Mircea Cartarescu und Svetlana Vasilenko, auch Texte von Christoph Ransmayr, Juri Andruchowytsch und Dagmar Leupold sind in diesem Band – man möchte sie alle nacherzählen. Weil sie nur ganz selten einem konservierenden Kitsch verfallen, sondern mit Sachverstand und schönen Worten an Orte erinnern, die viel zu schnell und gern ad acta gelegt wurden. Die man nach der Lektüre aber endlich nicht mehr aus dem Kopf bekommt: Wershbolowo, Ada-Kaleh, Kapustin Jar, TÜPL Allentsteig, Hohenlychen – alles Metaphern für vergangene Zeiten. Und als solche werden sie nie verloren gehen.

Last & Lost. Bilder eines verschwindenden Europas. Bis 30. April im Münchner Literaturhaus, Salvatorplatz 1, Mo-Fr 11-19 Uhr; Sa/So 10-18 Uhr; Tel.: 089-291934-0

Last & Lost. Ein Atlas des verschwindenden Europas. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006. 336 Seiten, 29,80 Euro.

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