Deutschlands blaue Flecken
Ulrike Draesners Roman “Spiele” über den Terroranschlag bei den Olympischen Spielen 1972
Aus: Berliner Zeitung, 1.12.2005

Ulrike Draesner muss sich ab und an gefürchtet haben während der Zeit, die sie an ihrem neuen Buch gearbeitet hat. Nämlich davor, dass auch ein anderer über dieses Thema schreiben könnte: München, September 1972, Olympisches Dorf, Conollystraße, Flugplatz Fürstenfeldbruck.

Es ist die größtmögliche Katastrophe der gerade erst der Pubertät entwachsenen Bundesrepublik: In der Nacht zum 5. September 1972 überfällt ein palästinensisches Terrorkommando die Quartiere der israelischen Olympiateilnehmer, erschießt zwei von ihnen noch vor Ort, nimmt neun als Geiseln.

Auf dem Fürstenfeldbrucker Rollfeld kommt es zu einer chaotischen Schießerei zwischen den Palästinensern und der mangelhaft ausgerüsteten, sowie kaum vorbereiteten Polizei. Auch die Politik scheint qualvoll planlos in diesem Manöver. Alle Geiseln, fünf der acht Geiselnehmer und ein Polizist sterben durch Schüsse oder Handgranaten. IOC-Präsident Avery Brundage tritt vor die Presse, sagt: “The Games must go on.” Die Spiele werden fortgesetzt. In der BRD wird die Grenzschutzgruppe (GSG) 9 gegründet.

Tatsächlich: So lange hat diese allzu offen klaffende Erinnerungslücke im historischen Untergrund seiner endlichen Entdeckung geharrt, dass man sich augenblicklich wundert, warum bislang kein Autor sich dessen angenommen hat. Ulrike Draesner hat. Und das mit einer lustvollen, furchtlosen und dennoch bescheidenen Autorität, die ihr so schnell keiner nachmacht. “Spiele” heißt der Roman ganz schlicht.

“Die große und kleine Geschichte kümmern sich nicht umeinander, sie durchdringen sich bloß”, lautet das Mantra und heimliche Motto dieses Buches. Draesners “kleine Geschichte”, teils schon durchsetzt von der großen: Die Fotojournalistin Katja Berewski kehrt im Jahr 2002, nach fortwährendem Reisen durch die Welt und deren Geschichte, zu ihrem Vater Edgar nach München zurück. Zurück auch zu der eigenen Vergangenheit: Ihre Mutter stirbt 1965, Katja fünf Jahre alt, lange ist von einem Unfall die Rede.

Anfang September 1972 lernen Katja und Edgar – vor allem Edgar – im Stadion Susanne kennen: Papa hat eine neue Frau; dann laufen im Fernsehen die Bilder der Geiselnahme; in Fürstenfeldbruck ist auch Polizeilehrling Max im Einsatz, Katjas erste Liebe, deren Vertrauen sie zuvor bitter und böse missbraucht hatte; Max wird auf dem Flughafen verletzt, hinkt seitdem.

Es geht um Erinnerung, um Liebe, um Unschuld, um Zufall oder Schicksal. Und um Heimat: Katjas Vater und seine Eltern wurden während des Zweiten Weltkriegs aus dem damaligen Schlesien vertrieben, in München hat Opa Jozef mit dem Sammeln von Werbe-Zuckerstücken begonnen: “Die Stückchen hatten viele Vorteile: sie kosteten nichts. Sie füllten die Zeit. Sie waren mit Bildchen bedruckt. Sie erinnerten, aber nicht schlimm.” Die verlorene Heimat gilt Katja auch als mögliches Motiv der palästinensischen Attentäter.

Weil alles, immer anders, wiederkehrt in diesem Buch – der Zucker, die Blöße, der Verrat, das Hinken, die Spirale (das Logo der Spiele von 1972) und das Krokodil – wandelt durch die Geschichte auch ein menschlicher Wiedergänger, ein ewiger Wanderer, der immer dort ist, wo die kleine oder große Welt gerade in Bewegung gerät.Mathias, nie stillstehend: Im Olympiastadion mäandert er mit seinem Bauchladen durch die Sitzreihen, schnippt Katja eine Packung Chips vor die Füße, während Edgar gerade erste Worte mit Susanne wechselt; in Fürstenfeldbruck fährt Mathias den Bus mit den Geiseln und Geiselnehmern auf das Rollfeld, Max schüttelt ihm noch die Hand, bevor es losgeht; zum Flughafen kehrt Mathias immer wieder zurück, in der Hoffnung, ihn in Schutz zu nehmen vor denjenigen, die die fünfzehn Toten und den erhitzten Asphalt vergess en werden. Katja und er begegnen sich noch ein zweites Mal – ohne die Wiederholung zu bemerken.

Erinnern wird sich Katja trotzdem an diesen Tag, dank Mathias: “Fest drehte er mit seinen alten Fingern, alt, aber geschickt, drehte sie alle auf, Hiasl, unsichtbar an den Ventilen, eins zwei drei – schon da hing so ein Mercedes geradezu göttlich schief – wollte zu vier huschen, linkes Vorderrad, hörte Schritte und – stand aufrecht da, ohne Handschuhe, Mathias, ein alter, freundlicher Mann, der den Soldaten … nach dem Weg zum nächsten Café fragte”.

Das ist er, der unverwechselbare Draesner-Sound, schon oft vernommen, doch immer wieder neu und unerhört: kurz angebunden, perfekt getaktet, immer im Fluss, doch hart geschnitten. Ihre semantischen Morsezeichen sind präzise, scheuen weder Banalitäten noch Tragik: blank liegen die Worte, wenn Ulrike Draesner sie auseinander nimmt, so blank, dass weder der Kitsch noch die Gewalt sich hinter ihnen verstecken können. So märchenhaft ihre Geschichte, in die alle irgendwie verwickelt sind, so wahrhaftig die Sätze, die Draesner dafür findet. Als ob gerade ihr Ausloten der deutschen Sprache in der deutschen Geschichte – und der Erinnerung daran – sein eigentliches Thema gefunden hätte. Wie etwas und wie jemand zur Sprache kommt, das ist ihre Frage.

1972 lernt Katja viele neue Wörter, “Ultimatum” eines davon, “Geiseln” ein anderes. Was sie noch lernt: Dass “Zone” nicht nur den Ostblock, sondern auch die Münchner Nahverkehrsbereiche meinen kann. So werden erst Wortknäuel, 30 Jahre später Erinnerungsknoten entwirrt. Am Ende erhält das Familienmantra einen Zusatz: “Wisst ihr, wenn die kleine und die große Geschichte sich durchdringen, wer dabei die blauen Flecken bekommt? Und die Runzeln und die feuchten Augen?” Wir natürlich. In Worte gefasst aber hat diese Versehrtheit Ulrike Draesner.

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Ulrike Draesner: Spiele.

Luchterhand, München 2005. 494 S., 21,90 Euro.

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