Über Jonathan Littells Roman “Die Wohlgesinnten” weiß ich beinahe alles, was man wissen muss. So weiß ich, dass es ein perverses Buch ist, geschrieben von einem Idioten, der zwar recherchiert hat, aber nicht schreiben kann, der den großen Tabubruch unternommen hat, ein Buch über den Holocaust aus der Täterperspektive zu schreiben, aber letzten Endes darin absolut gescheitert ist. Er hat nur Pornografie zustande gebracht, wo Reflexion angebracht gewesen wäre. Und überhaupt hat hat er wahrscheinlich, neben aller moralischen Verwerflichkeit, das schlechteste Buch der letzten tausend Jahre geschrieben, dieser perverse Kitschbruder, der einer noch perverseren Rassenideologie anhängen muss. Ich weiß das, weil ich bis zum Veröffentlichungstag des Buches am vergangenen Samstag eine Menge Rezensionen gelesen oder Berichte dazu im Fernsehen gesehen habe. Das Buch selbst kenne ich nicht. Wie auch?

Ich weiß aus diesen Rezensionen auch, dass man dieses Buch keinesfalls lesen darf. Es könnte beschädigen. Ich weiß das zum Beispiel von Iris Radisch aus der ZEIT. Auf eine Frage habe sie – “Pardon, chers amis français” – keine Antwort gefunden: “”Warum sollen wir dieses Buch eines schlecht schreibenden, von sexuellen Perversionen gebeutelten, einer elitären Rasseideologie und einem antiken Schicksalsglauben ergebenen gebildeten Idioten um Himmels willen dennoch lesen?” In Frankreich wurde das Buch als Riesenwurf gefeiert. Weiterhin weiß ich mittlerweile auch, dass man sich schämen müsste, das Buch jetzt, wo es möglich wäre, zu kaufen und zu lesen. Schließlich wird mir seit Wochen von einigen Zeitungen gleich mehrfach in jeweils seitenlangen Artikeln einhellig eingeprügelt, meine Finger von dem Buch zu lassen. Falls man dann an dem Buch bei allem Überfluss auch noch irgendeinen Aspekt wirklich diskussionswürdig fände und wenigstens einen Hauch Restmoral im Leib hätte, dann müsste man sich vorsichtshalber einweisen lassen. Natürlich übertreibe ich, doch wann hat man das letzte Mal eine so einhellige, mit moralischem Furor vorgetragene Abneigung gegen ein Buch mitbekommen? Was vor allem deshalb komisch ist, weil man nach dem ersten Totalverriss jeden weiteren beinahe mitsprechen konnte. Bizarr wirkt das dann in den kurzen Fernsehberichten, die in den News-Magazinen ja nicht fehlen dürfen. Nach dem Motto: neues Buch über NS-Zeit -> von ahnungslosem Deppen Anfang 30 –> pervers, außerdem KEIN Deutscher! –> Wer das liest, ist blöd. Fertig ist die Buchbesprechung, moralisch stromlinienförmig, mehr geht halt nicht im Fernsehen.

Ich will keine Lanze für dieses Buch brechen. Keinesfalls. Ich kenne es nicht und schon die Idee dazu erscheint mir fragwürdig. Und selbstverständlich soll und darf jeder Kritiker seine Meinung so deutlich sagen, wie es ihm nötig erscheint. In diesem Fall finde ich es nur komisch, dass das schon Wochen vor Erscheinen des Buches angefangen hat. “Wir haben den ersten Artikel und bevor ihr den ersten habt, haben wir schon den zweiten, der das Buch noch schlimmer findet. Und zur Not machen wir auch noch einen dritten dazu und außerdem haben wir auch noch einen Romancier am Start, der das Buch auch schon kennt.” Seltsame Zweischneidigkeit: Das Buch ekelhaft sensationsheischend finden, aber dann schon Wochen vorher eine Sensation daraus machen, die Schraube weiter drehen, bis überall nur noch Gift und Galle gespuckt wird und jeder, der wollte, schon schlimmste Grausamkeiten in Zitatform als Beleg für den Kitsch des Buches gelesen hat. Man nennt das Ganze dann wohl Debatte, die zu dem Zeitpunkt für beendet erklärt scheint, an dem das Buch auf dem Markt ist.

Einen lesenswerten Artikel zum Thema hat Klaus Theweleit unter dem Titel “Die jüdischen Zwillinge” in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am vergangenen Sonntag geschrieben. Überhaupt: Im Reading Room der FAZ kann man noch kräftig über dieses Buch diskutieren, Meinungen von wichtigen Menschen lesen und so weiter. Was wahrscheinlich daran liegt, dass die FAZ seit Anfang Februar den Roman exklusiv vorabdruckt. Daraus sollte man schon etwas machen. Und nochmals überhaupt: Bei der FAZ findet man das Buch gar nicht ganz so schlecht.

Zu diesem Eintrag gibt es 4 Kommentare.

  1. max
    29 Feb 08
    18:15

    In der Schweiz besingen sie den Schmöker begeistert. Der unsägliche Schwätzer Stefan Zweifel erzählt es im Magazin erst nach, und deutet uns dann noch die Mediendiskussion aus. Entspannter lobt man im Tages-Anzeiger, den NZZ-Artikel kann ich leider online nicht auftreiben.

  2. karl
    03 Mrz 08
    11:26

    Schade, dass die Links nicht gehen. Spinnt da was prinzipiell?

  3. max
    03 Mrz 08
    12:34

    ja blöd, kei ahnung.
    aber hier nochmals in klar:
    http://www.dasmagazin.ch/index.php/«Jeder_ist_ein_Deutscher»
    http://www.dasmagazin.ch/index.php/«Jeder_ist_ein_Deutscher»
    http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/news/kultur/844256.html
    mann, echt keine lust auf das buch, wenn ich schon ab der ersten seite das gefühl hätte, eine meinung dazu haben zu müssen.

  4. max
    03 Mrz 08
    12:35

    ok, da spinnt was, der linkt nur den halben link… einfach in den browser kopieren, bitte

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