Das meint der doch nicht ernst!
Aus: Der Bund, 16.10.2006
Wolf Haas schreibt keinen Liebesroman, redet aber ein Buch lang über ihn
Eine gute Unterhaltung: Ein Autor namens Wolf Haas und eine “Literaturbeilage” deuten, besprechen und kritisieren ein Werk, das es nicht gibt.

Liebesroman, Liebesroman, Liebesroman – immer wieder stach einem dieses Etikett in den Vorankündigungen des neuen Buches von Wolf Haas ins Auge. Haas war bislang durch schräg schlaue Krimis aufgefallen, seine 2003 abgeschlossene Hexalogie über den austro-sarkastischen Privatdetektiv Brenner gehört wohl zu den bekanntesten Geheimtipps. Und nun also das: Selbst der Klappentext von „Das Wetter vor 15 Jahren“ wagt es scheinbar treudoof, die ach so schlichte Vokabel „Liebesroman“ in den Mund zu nehmen. Das kann der Haas doch nicht ernst meinen! Doch, doch. Allerdings ganz anders, als man dachte.
Wolf Haas hat dem Literaturbetrieb ein Kuckucksei ins traute Nest gelegt. Nicht, dass er zu faul zum Brüten wäre, im Gegenteil; denn eigentlich hat er gleich zwei Bücher in einem geschrieben. Das eine handelt von Vittorio Kowalski, dessen unvergessener Jugendurlaubsliebe Anni, dem Wetter der vergangenen 15 Jahre in einem österreichischen Urlaubsort, einer Luftmatratze, die bestialisch stinkt und einem finalen Knall. Das Problem dieses Romans: Er existiert nicht. Dafür handelt das Buch namens „Das Wetter vor 15 Jahren“ von nichts anderem. Darin nämlich unterhalten sich ein gewisser „Wolf Haas“ und eine gewisse „Literaturbeilage“, die gerne „würklich“ und „ürgendwie“ sagt, über diesen Liebesroman von Haas, den es gar nicht gibt und somit also doch irgendwie gibt. So imaginär zumindest. Ab und an wird daraus zitiert, auch von ersten Rezensionen ist die Rede.
Eine wunderbare Unterhaltung: Wenn die „Literaturbeilage“ kritisch sein will, bemängelt sie eine Stelle als „too much“, wenn sie intelligent sein will, spricht sie über Phallus-Symbolik und Atem-Metaphorik; über kleine Anerkennungsgesten vom Herrn Künstler freut sie sich immer. Ein nicht arg böser, teilweise sogar liebevoller Seitenhieb auf den Jargon und das Gebaren einer Branche, die desöfteren mehr in den Buchstaben findet, als der Schriftsteller sich dabei gedacht hat. Ähnlich sympathisch aber mit Macken hat Haas sein Selbstporträt skizziert.
„Autoren beklagen sich ja oft bitter darüber, dass in der Zeitung schon vorab die ganze Handlung verraten wird“, meint die Literaturbeilage bald am Anfang des Gesprächs. Und Wolf Haas antwortet: „Deshalb schreibe ich keine Krimis mehr. Da stört es ein bisschen, wenn man vorher schon alles weiss. Aber bei normalen Büchern sehe ich es eher als Hilfe. Als Teamarbeit. Klappentext und Kritiker erzählen vorab die Geschichte, und als Autor kann man sich auf das Kleingedruckte konzentrieren.“ Zu unserem Glück hat Wolf Haas noch nie „normale Bücher“ geschrieben und sich immer schon aufs Kleingedruckte konzentriert. Nur puzzelt der Leser eben diesmal nicht die Indizien eines Mordfalls zusammen, sondern die einer rührend romantischen und tragisch komischen Liebesgeschichte. Der Leser als Detektiv – auf der Spur eines Autors, der wieder einmal mit einfach grosser Geste zeigt, dass ein wenig Hinterfotzigkeit der Literatur nur gut tut.

Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren. Hoffmann und Campe, Hamburg 2006. 224 Seiten, 33,50SFr

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