die interessanten artikel
1. Die FAZ übersetzt und druckt ein Gespräch mit dem Autor Jonathan Littell, der in Frankreich für Furore sorgte nicht nur wegen seines Buches “Les Bienveillantes”, sondern auch, weil er den ihm dafür zugesprochenen Prix Goncourt nicht annahm: “Ich glaube nicht, dass Preise etwas mit Literatur zu tun haben. Sie haben mit Marketing zu tun, nicht mit Literatur. Mir gefällt das nicht.” sagt er, das Interview ist schön FAZ-gemäß mit “Die Nazis hatten Kultur” überschrieben.
2. Sieglinde Geisel wandert für die NZZ mit dem “Vrenelis Gärten”-Autor Tim Krohn in den Glarner Alpen herum: “Bei den Seelenen”.
3. Wieland Freund hat für die Welt die “Vom Winde verweht”-Fortsetzung “Rhett” gelesen: “Rhett Butler rettet den Süden”.

der schöne text
sind heute mehrere, und ob sie schön & gut sind, möge jeder bitte selbst entscheiden: Die Gewinner des 15. Berliner Open-Mike-Wettbewerbs sind also Johann Trupp mit seinem Text “Parallelgestalten” (pdf), Tina Ilse Gintrowski mit ihrem Text “Planet Pony” (pdf) und Judith Zander (Gedichte, pdf).

der erste satz
Die Nacht des zwölften zum dreizehnten Oktober schwieg in den deutschen Wäldern; ein müder Wind schlich über die Äcker, schlurfte durch die finsteren Städte des Jahres vier nach Hitler, kroch im Morgengrauen ostwärts über die Elbe, stieg über die Erzgebirgskämme, zupfte an den Transparenten, die schlaff in den Ruinen Magdeburgs hingen, ging behutsam durch die Buchenwälder des Ettersberges hinab zum Standbild der beiden großen Denker und den Häusern der noch größeren Vergesser, kräuselte den Staub der Braunkohlegruben, legte sich einen Augenblick in das riesige Fahnentuch vor der Berliner Universität Unter den Linden, rieselte über die märkischen Sandebenen und verlor sich schließlich in den Niederungen östlich der Oder.
Aus Werner Bräunig: “Rummelplatz”. In der DDR war dieser Roman von einer Publikation ausgeschlossen, nachdem Werner Bräunig 1956 aus dem ersten Kapitel gelesen hatte. Was den Autor derart traf, dass “Rummelplatz” nie fertig wurde (die vorhandenen 620 Seiten sind nur der erste Band) und Bräunig sich mehr oder weniger zu Tode soff. Zum Glück hat der Aufbauverlag dieses ganz außergewöhnliche Ding nun wieder aus der Versenkung geholt: “Rummeplatz” ist ein Nachkriegs-Panorama, ein tatsächlich recht ungeschminktes Bild der Trümmer- und Aufbaujahre sowie des sozialen Klimas in Ost und West; und auch sprachlich ist es etwas ganz Besonderes: noch am Expressionismus der Vorkriegsjahre hängend, schraubt sich Bräunig gerne in die Köpfe seiner zahlreichen Protagonisten hinein – das sind Menschen, die man da zu lesen bekommt.
Hier wiki über Bräunig und über das Buch (mit Links zu Besprechungen), und hier Perlentauchers Rezensionszusammenfassungen von “Rummelplatz”.

der hörtipp
Im Juli dieses Jahres starb der Schauspieler und Sprecher Claus Boysen (Boysens Website), aus diesem Anlass gibt es bei vorleser.net eine Auswahl seiner Lektüren zu hören, darunter ein paar Ringelnatz-Gedichte wie “Frühe Gedichte” und “Turngedichte”, vor allem aber, wie Claus Boysen Rilke liest (Achtung: große ZIP-Datei, lohnt sich aber!).

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  • Musste auch gesagt werden

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