Haltestelle Bücherei

Alte Bücher neu lesen, eh klar ists wieder neu. Aber gleich so! Nur zehn Jahre später ist es schon aufgrund der inzwischen weiter verfertigten Kultur beim Leben was ganz anderes, geht so viel tiefer in die Welt und mich.
Literatur auch mal wieder, wo die Sprache mich erwischt, nicht nur wegen der Färbung.

wahnsinn
Also, welches Buch? Zu gewinnen gibts ein [update:] Weißbier.

Das Video ist zwar schon geraume Zeit im Netz, für mich aber vollkommen neu. Wer kann schon ahnen, dass es zu Pynchons neuem Roman einen Buch-Trailer gibt? Dass es überhaupt Buch-Trailer gibt? Manchmal lebe ich echt hinterm Mond.
Pynchon spricht übrigens selbst, was man bei Penguin nach anfänglicher Geheimnistuerei dann doch zugegeben hat.

AlpendönerIch habe das erste Mal in meinem Leben einen Roman gelesen, geschrieben von jemandem, den ich persönlich kenne. Seltsam ist das. Das Buch heißt Alpendöner und der Autor Willibald Spatz. Alpendöner ist ein Krimi, der in Kempten spielt, in der Provinz also, was auch vorne groß drauf steht, ein “Allgäu-Krimi”, wie die Kluftinger-Bücher von Volker Klüpfel und Michael Kobr. Nebenbei: Krimis mit Lokalkolorit scheinen irgendwie ein Lehrer-Ding zu sein, fällt mir gerade auf.
Mir hat Alpendöner eine Menge Spaß gemacht, wobei ich gar nicht recht sagen kann, ob mir allein das Buch so gefallen hat oder die Vorstellung beim Lesen, wie sich der Willi beim Schreiben gefreut haben muss über manch einen Unsinnseinfall. Ich nehme mal an, der Willi war früher kein großer TITANIC-Leser, weil er es Menschen wie mir ziemlich schwer macht mit dem Namen der Hauptfigur, die tatsächlich Birne heißt. Ich hatte ständig den dicken Helmut Kohl vor Augen. Wenn dann Birne im Buch auch noch zum Flirten anfängt … Herrjeh!
Also: Der etwa 30-jährige Birne geht nach Kempten, um eine Stelle als Redakteur bei einem Verlag für Wanderführer anzutreten. Nur wenige Tage ist er da, dann wird schon seine Nachbarin ermordet – mit einem Kebabmesser, was der Polizei sofort einen Hauptverdächtigen liefert. Der türkische Besitzer eines Döner-Ladens muss es gewesen sein. Birne versucht der türkischen Familie zu helfen und ermittelt (ziemlich dilletantisch eigentlich) vor sich hin, kommt dabei dauernd dem Ober-Polizisten in die Quere, ermittlungs- und frauentechnisch. Dazwischen säuft er sich nieder, bezeichnet Polizisten als Nazis oder vermisst seine Tageszeitung, die ihm irgendein Rüpel wieder aus dem Briefkasten geklaut hat. Ach, mehr mag ich eigentlich gar nicht erzählen. Ein Buch, das genau recht ist, für einen faulen Nachmittag. Erschienen ist der Krimi bei Gmeiner.

Herr Magris feierte letzthin seinen 70. Geburtstag, was Anlass für zahlreiche freundliche Artikel gab. Und darüber Grund für mich, sein vor Jahren beiseitegelegtes Werk “Donau – Biographie eines Flusses” wieder hervorzuziehen und ein Lesezeichen bei 400 oder so zu finden. Ganz ganz fein, und nach langem endlich wieder gefesselt!
So sauber gebaut und gedacht, eine kulturgeschichtliche Unternehmung von Donaueschingen bis ans Schwarze Meer. Eben komm ich zum Kapitel Götter und Pfannkuchen, will kurz untypisch Flottes zitieren (über Bukarest):

Der franko-balkanische Stil wird grober und ornamentaler, gibt der Verführung des Dekorativen ebenso nach wie dem horror vacui; die Balkone und die schmiedeeisernen Verzierungen der den Pariser Gebäuden nachempfundenen Fassaden betonen Kurven und verschlungene Schnörkel, der Klassizismus ist massiver, der Ekklektizismus markanter und schwerfälliger, gekünstelte Säulen und Kapitelle, heitere Kuppeln in einem mittelmässigen Art Déco. Der Jugendstil stellt viel Gold und Armut zur Schau, ergeht sich in bemalten Glasfenstern und verfallenen Freitreppen. In dem Jugendstil-Atrium der Casa de Mode drängen sich Zigeuner, während unweit davon die Marktstände in Lipscani übelriechende Süssigkeiten und Büstenhalter anbieten, die vor kurzem benutzt zu sein scheinen.

Lesen bei offenem Fenster, Frühling, grossartig.

Im Theorieregal stehen sowieso immer zu wenige Bücher, auch wenn ein Drittel ungelesen und in zweiter Reihe auf seine Zeit wartet. Will immer gern die anregenden Weltdeuter verschlingen, bis sie sich dann doch als zu schwer oder ärgerlich fürs Erreichen der letzten Seite herausstellen. Oder nicht mal richtig begonnen werden, was weiss ich warum.

Nichtsdestotrotz müssen dann wieder neue her, irgendwo hat sie jemand gut besprochen, irgendwer hat sie mir empfohlen, und bis vor einer Weile gabs noch die Geschmacksproben im Theorieseminar. Oder ich laufe beim Berlinbesuch ins pro qm und stosse auf den besten denkbaren Titel mit dem besten denkbaren Rückentext.

ueberwachung

Auf dem Rücken findet sich die charmanteste Kombination zweier Zitate zum irgendwie gleichen Zustand, aus einem Abstand von 70 Jahren Walter Benjamin und Wolfgang Bosbach.
Ganz mein Fall, von allem scheint was dabei: Bildbegriff, politische Entwicklungen der westlichen Welt und die Auflösung der klassischen Öffentlichkeit. Bürgerrechte angesichts staatlicher “Terrorismus!”-Argumentationen, das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft. Toll, toll, toll, denk ich mir, und auch noch so aktuell, grad erst ists erschienen.
Beim Lesen jedoch wächst in mir der Ärger; zwar freu ich mich über eine Fülle an Daten und Fakten, aber Stil und Argumentation enttäuschen auf ganzer Linie. Schon nach der Einleitung mit einem schwachen Bild startet das erste Kapitel mit einer Sentenz für die Ewigkeit: “Videoüberwachung blickt zwar von oben herab, fällt aber nicht vom Himmel.” Oh weh.
Schwammig drechselt Dietmar Kammerer sich dann weiter, wechselt Begriffe mitten in der Argumentation aus und zieht ab und an einen hanebüchen Schluss. Am schönsten, wenn er von der Tatsache, dass ein Überwacher vor zu vielen Monitoren den Überblick verliert, auf das “irritierende Paradoxon” schliesst, “weniger Kameras bedeut[et]en bessere Prävention”. Dass hier nur schon eine Aufstockung des Personals eine grössere Überwachungsleistung ermöglichte, passt ihm nicht in sein gelegentlich zu pointenfreudiges Vorgehen.

Schade schade, aber fertiglesen werd ich trotzdem, Theorie lässt sich einfach besser stückeln als ein Roman. Rein für die bedeutsame Thematik, die oftmals überraschenden Untersuchungsergebnisse und Zitate, die tausend Quellen möcht ich das Buch schon empfehlen, allein die Form macht es mir a bissl schwer.

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Zürich - MÜNCHEN - Berlin
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    • Verstand in Gefahr?!: Die Gruppe E verspricht durchaus spannend zu werden....
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