etwas verspätet, aber offenbar doch noch nicht ganz durchgedrungen (oder interessiert das gar niemanden?): die 18 kandidaten für das 31. klagenfurter wettlesen stehen fest. sie heißen: jörg albrecht, martin becker, christian bernhardt, jan böttcher, andrea grill, björn kern, peterlicht, jagoda marinic, milena oda, kurt oesterle, ronald reng, silke scheuermann, fridolin schley, jochen schmidt, lutz seiler, thomas stangl, michael stavaric und dieter zwicky. ja, richtig gelesen: nur vier frauen sind diesmal dabei, eine tatsächlich mehr als miese quote (nicht einmal 25%!).
ein teil dieser autorInnen ist mir zugegebenermaßen überhaupt kein begriff, andere dagegen verehre ich sehr, dass ich gar nicht weiß, für wen ich da die daumen drücken soll. hilft ja ohnehin meist nix…
dennoch: meine persönlichen favoriten sind thomas stangl und michael stavaric, und die kann ich getrost so nebeneinander stellen, denn die machen tatsächlich völlig unterschiedliche sachen. die beiden wunderbaren stavaric-romane “stillborn” und “terminifera” habe ich für die berliner zeitung besprochen, hier “stillborn”, hier “terminifera”. meine kritik von stangls neuestem werk “ihre musik” hat die stuttgarter zeitung leider nicht auf ihrer seite – zum glück habe ich sie ja hier bereits gepostet. schwer beeindruckt hat mich auch stangls erstling “der einzige ort”, der die reisen zweier entdecker des 19. jahrhunderts nach timbuktu ineinander schneidet (mit dem bewusstsein und seinen fehlenden rändern hat er´s ohnehin) – selten hält man so ein buch in händen, das man gar nicht langsam genug lesen kann.
von einigen der anderen autoren kann man auch ein wenig online lesen oder zumindest etwas mehr über sie erfahren, deswegen hier die entsprechenden links zu jörg albrechts schöner seite fotofixautomat, zu christian bernhardts seite, auf der man auch etwas anhören kann; dann zu peterlichts homepage und einem porträt von ihm bei laut.de; hier wiederum geht´s zu milena oda und hier zu kurt oesterle. dann kann man noch jochen schmidts wunderbares blog schmidt liest proust nachlesen (mittlerweile ist er damit fertig) oder seine seite bei der chaussee der enthusiasten besuchen, deren mitbegründer schmidt ist.
bestimmt findet sich auch zu den anderen autoren einiges im netz, das werde ich in den nächsten tagenoderwochen nachtragen, da dieser post nun ohnehin schon lang genug andauert. bis dahin, fürs erste und weitere sei die autorenliste auf der bachmannpreissite empfohlen.
Haltestelle Bücherei
nur ein kurzer hinweis in eigener sache: in der berliner zeitung ist heute meine kritik des erzählbandes “raumforderung” von thomas melle erschienen – ein mehr als bermerkenswertes buch. kritik lesen!
zwar fällt mir im moment gar keiner ein, aber es gibt bestimmt ganz furchtbar viele gründe, maxim biller zu hassen. ich für meinen teil mag ohnehin recht gerne, was er schreibt und sagt und tut. ich lese gerade seinen neuen short-stories-band “liebe heute”: schönes ding. und nebenbei muss ich auch noch martin walser skandal-auswurf “tod eines kritikers” zu mir nehmen, der meinetwegen tatsächlich mit antisemitischen klischees hantiert, aber ansonsten vor allem eines ist: ganz ekelhaft langweilig. doch zurück zu biller: der stellt sich – wohl um das “heute” irgendwie einzulösen – “anlässlich” dieses neuen Buchs, wie die Kiwi-Pressefrau schreibt, auf MySpace vor, und zwar
hier
ist tatsächlich ganz hübsch gemacht – behaupte ich nach dem ersten blick darauf: man kann sich eine geschichte von ihm vorlesen lassen, interviews mit ihm (und ariadne von schirach oder joachim lotmann oder georg diez) anschauen. werde das alles gleich mal tun…
Sicherlich ist es eine Kunst, gute Drogen von schlechten unterscheiden zu können. Die Relevanz dieser Fähigkeit für die Praxis wagt sicherlich niemand in Frage zu stellen. Folgerichtig dokumentiert die netzeitung in ihrem Feuilleton Ausschnitte aus einem Buch von Ingo Niermann und Adriano Sack über Drogen. In diesem Artikel erfährt man dann, wie man gutes Kokain von schlechtem unterscheidet und einiges über den “würzig-süßen Geruch” von Haschisch. Süß ist dann auch die Rückversicherung der netzeitung – für den Fall, dass sich ein Leser tatsächlich ein Stück Haschisch in den Hintern stecken sollte (eine Methode des Konsums, die sicherlich auch nicht unerwähnt bleiben sollte – so dachte man sich wohl – ebensowenig wie jene, sich einen LSD-Trip unters Augenlid zu schieben). Aber weiter im Text:
Aber vergessen Sie nicht: Illegale Drogen werden nicht dadurch legal, dass man möglichst viel über sie weiß. Und gesünder werden sie dadurch auch nicht. Wer fit bleiben und alt werden möchte, kauft im Biomarkt, treibt Sport und denkt über Bewusstseinserweiterung erst lieber gar nicht nach.
Muss er auch nicht mehr. Nach so einem Satz ist zum Thema Bewusstseinserweiterung eigentlich alles gesagt – zumindest über die Möglichkeiten das Feuilletons, einen nicht unerheblichen Teil dazu beizutragen. Oder war das ein Witz?
Willst du Nudeln?
Aus: Berliner Zeitung, 30.11.2006
Der Blick des Schriftstellers Ralf Rothmann reicht weit über ihn selbst hinaus, „das Beiseitestehen und Beobachten ist meine Haltung schon seit der Kindheit“, sagte er vor Jahren in einem Interview. Und was hat er nicht alles beobachtet: wuchs im Pott auf, floh aus der dumpfen Enge nach Berlin, schlug sich dort mit Gelegenheitsjobs durch, bevor er sich endlich ganztägig an einem Kreuzberger Schreibtisch niederließ – um auf dem Papier aus eben diesen Erfahrungen seiner literarischen Vorzeit zu schöpfen. Daher die einzigartige Authentizität, die seinem Tonfall innewohnt; und daher die umfassende Autorität dieses Erzählers, die nicht allein dem Erleben am eigenen Leib, sondern vor allem seiner Hellhörigkeit für die Tragik des Sozialen zu verdanken ist.
Ein erster Satz dieses Autors ist deshalb kein simples Wortnacheinander, sondern ein Satz mitten hinein in Biografien, Gedanken und Gedächtnisse. „Es lohnte sich nicht, so kurz vor Feierabend zum Alten zu gehen“, beginnt die erste Geschichte seines neuen Erzählbands „Rehe am Meer“; eine zweite: „Schließen Sie ab, habe ich ihm gesagt, mehr als einmal, lassen Sie nichts rumliegen, die klauen Ihnen sogar Aschenbecher.“ Ein ums andre Mal spürt Rothmann dem nach, was man Heimat nennt, aufmerksam gleichermaßen für das Wetter, das Milieu, das Ungesagte.
Die Behausungen des Menschlichen erkundet auch die titelgebende Geschichte. Die Ich-Erzählerin lässt sich ein zum Verkauf stehendes Haus zeigen: eben jenes, in dem ihre gerade in der Scheidung steckende Ehe stattfand. Der sie durch die Räume führt, weiß davon nichts – und erregt sich über ein paar Handabdrücke in der Wand. „Albern, oder? Was meinen Sie, was so ein Quadratmeter frischer Lehmputz kostet. Und dann drücken die – Vater, Mutter, Baby – ihre Pfoten da rein! Für die Ewigkeit wahrscheinlich. Aber die ist ja nun auch vorbei.“
Auf der Dachterrasse stapft die Frau in Socken durch den hohen Schnee, ein paar Rehe im Blick, die durch das Packeis am Strand stöbern – die Schuhe musste sie unten ausziehen, wegen des neuen Bodens. Noch einmal hinterlässt sie Abdrücke: „‚Na bitte, jetzt haben Sie nasse Strümpfe gekriegt!’ Kopfschüttelnd zeigte er auf meine Füße. ‚Da sieht man schön Ihre Spuren im Haus.’“
Solchen unheimlichen Zufällen und heimlichen Konstellationen hat sich Ralf Rothmann mit seinem elliptisch verdichteten Erzählen schon immer angenommen: Ereignisse, Begegnungen, Entscheidungen, die – obwohl sie auf den ersten Blick so ganz und gar alltäglich scheinen – ein Leben verändern können, weil sie Verborgenes belichten und an die großen Themen wie Freiheit, Tod oder Sexualität rühren. In „Rehe am Meer“ aber ist es deutlicher als in seinen bisherigen Werken die Sprache, die er dafür in die Pflicht nimmt.
So kehren auch in „Willst du Nudeln“ die Worte wieder: Zweimal fällt der titelgebende Satz in dieser Erzählung – einmal sagt ihn einer, der nun tot ist, das andre Mal ein Klemptner, der sich ungefragt und rührig um die Hinterbliebene kümmert. „Tausend Mönche“ wiederum berichtet von Zweien, die sich stets verlesen. Aus der banalen Kleintransporter-Aufschrift „Ofenabriß“ wird in des Mannes und des Mädchens Augen das Wort „Offenbarung“. So buchstäblich und makellos durchdringen sich Profanes und Metaphysisches nur, wenn Ralf Rothmann davon schreibt. Denn er ist einer der berührendsten Gnostiker der Gegenwart.
Ralf Rothmann: Rehe am Meer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006. 213 Seiten, 19,90 Euro.
