Haltestelle Bücherei

Und so trennten sie sich
Aus: Stuttgarter Zeitung, 16.6.2006

Ein seltsamer Titel für ein Buch: „Die Kinder beruhigte das nicht“. Bei der Lektüre dieses Erzählungsbandes des österreichischen Autors Alois Hotschnig wird man erfahren, wie passgenau er gewählt ist. Denn den Leser beruhigen diese Geschichten ebenfalls nicht: ein Mensch, der sich in einer Gegenwart wiederfindet, die nicht die seine ist; ein Mann, der auf sich selbst in Puppenform trifft; ein Ehepaar, das täglich die Ankunft von Onkel Walter verspricht, dessen Existenz ganz und gar unsicher ist.
„Wenn ich das Haus verließ, lagen sie auf ihrem Steg, und wenn ich nach Stunden zurückkam, lagen sie immer noch dort“, beginnt die erste der neun Erzählungen. „Sie“ – das sind die Nachbarn drei Gärten weiter, deren entspannte Tatenlosigkeit und Ignoranz ihm gegenüber den Ich-Erzähler langsam aus der Fassung bringt. „Diese Ruhe löste eine Unruhe in mir aus, die zunahm und wuchs und sich zu einer Verstörung auswuchs, mit der ich nicht umgehen konnte.“ Deshalb beobachtet er sie, protokolliert er ihr Verhalten, fotografiert er sie. „So standen sie mir zur Verfügung, wann immer mir danach war.“ Der nächtliche Ausflug zu ihrem Steg scheitert fast in Schlamm und Morast und endet dann abrupt: Es „fehlte mir nun jede Lust, mich auf eine der Liegen zu legen, und so machte ich mich durch die Gärten davon.“
So ist diese Erzählung namens „Dieselbe Stille, dasselbe Geschrei“ der denkbar beste Auftakt für den schmalen, aber schwerwiegenden Band. Denn viel Hotschnig ist darin bereits enthalten. Die samtene Glasklarheit seiner Sprache etwa, die je genauer man hinhört desto befremdlicher klingt; sowie die Spannkraft zwischen Nähe und Ferne, die jede seiner Erzählungen antreibt. Es kann kein Zufall sein, dass einer seiner Protagonisten in einem ihm unbekannten Körper erwacht, Hotschnig ein andermal das Sterben eines Insekts als Tragödie der Kreatur erzählt – der Kafka-Nachdenker ist schon vorher nicht zu überlesen.
Das interessiert Alois Hotschnig: wenn das Normale gruselig-absurd wird, das Unheimliche dagegen zur Normalität mutiert, wenn Objekte die Macht über den Beobachter erlangen und das Wörtchen „Ich“ ganz anderes bedeutet. Nur in der Sprache ist solch eine Widersprüchlichkeit zu fassen: „Neben dem Bett lag ein Laken, das zog ich jetzt … in einer Bewegung, die nicht die meine war.“ In „Du kennst sie nicht, es sind Fremde“ wechselt einer täglich seine Identität, doch jeweils wird er als Freund willkommen geheißen. „Die Frau kannte er nicht, doch sie sprachen sich aus, und als er glaubte, sie hätte sich beruhigt und sie wären sich einig geworden, meinte sie, dass es an der Zeit wäre, auseinander zu gehen. Das dachte auch er, und so trennten sie sich“.
Irgendetwas ist aus den Fugen geraten, nur was, das kann nicht mehr gesagt werden – weil es immer schon vorbei ist, einfach unmerklich passierte oder aus anderen Gründen schlicht der Wahrnehmung entging. Diesem Etwas schreibt Hotschnig hinterher, jede Erzählung ein neuer, aufregender Versuch der Annäherung. Das unterscheidet den Autor womöglich wenig von anderen Schriftstellern. Allein: Alois Hotschnig ist beunruhigend gut darin.

Alois Hotschnig: Die Kinder beruhigte das nicht. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006. 128 Seiten, 14,90 Euro.

Aus: Stuttgarter Zeitung, No.92, 21.4.2006

Jede Geschichte kaum mehr als ein Hauch: Ralf Bönts Erzählungen streifen den Leser, bauschen sich vielleicht ein wenig auf dabei, ein kleiner Windstoß nur. Und schon sind sie wieder vorbei. „Berliner Stille“ heißt der Band, in dem Bönt jetzt neun seiner leichtfüßigen Anekdoten versammelt hat.
Nicht dass Bönt die so genannten großen Themen meiden würde – ganz im Gegenteil: Es geht immer wieder um Tod, Liebe, Gewissen und Fremdheit. Doch spricht Bönt davon wie nebenbei, eine Erwähnung am Rande, der Fluss der Sätze hebt alles in sich auf, ebnet die Gegensätze zwischen wichtig und unwichtig, zwischen Ereignis und dessen Folgen ein. Kleinigkeiten kommen zu ihrer großen Wirkung: Erst hat sie Angst vor dem Gewitter, dann scheitert sie mit ihrem Fahrrad an der Steigung, dann schweigt sie viel und vorwurfsvoll. „‚Was ist denn jetzt schon wieder?’ ‚Nichts’, sagte sie tonlos. Ruckend und jeweils mit einem Stöhnen wirft er dann die Kiesel einen nach dem anderen aufs Meer hinaus.“ Die Erzählung, die so endet, heißt „Steine“.
Solche offenen Pointen setzt Ralf Bönt häufig, solche dichten Sätze, die den Ton eines Auftakts oder einer Zusammenfassung anschlagen, tatsächlich aber mehr Bedeutung versprechen, als sie halten können – das ist vielleicht unvermeidbar, weil einsilbige Sätze am Schluss einer luftigen Geschichte immer schwerer wiegen. Und andererseits eben viel sagen können: Ein Vater hat seinen Sohn verloren, mit dem er früher immer vor dem Fernsehes saß, sobald Fußball lief. Die Geschichte ist ein Monolog des Vaters an sich selbst. Und endet: „Du siehst auf die Uhr, heute abend ist Europapokal, da hast du mal wieder Glück gehabt. Denn den Fußball, den liebst du. Für seine Sinnlosigkeit.“ Eine zynische Schizophrenie ist diese Rede über Glück und Sinnlosigkeit. „Essen“ heißt die Geschichte – weil der Erzähler ißt, während ihm die Erinnerungen kommen und er sich zwischendrin mit dem Dönerbudenbesitzer unterhält.
Ralf Bönt erzählt nie einfach nur Begebenheiten, sondern schweift immer wieder ab, vor allem zurück in die Vergangenheit. In die Gegenwart ragen unvermeidlich Erinnerungen aus alter Zeit hinein. In der titelgebenden Geschichte trifft der Ich-Erzähler auf der Straße einen Bekannten aus früheren Zeiten. „Ich … nenne ihn nur einen Freund, weil wir damals denselben Schulweg hatten. Ich sollte ihn besser einen Schulkameraden nennen oder einfach einen Mitschüler.“
Während die beiden zusammen Kaffee trinken, gedenkt der Erzähler seiner Wehrdienstverweigerung, einer Bombendrohung in Haifa, seiner Ankunft in New York und später in Berlin, der eigentlichen Hauptstadt dieser Erzählung. Und da erklärt er schließlich, wie sehr das Schreiben und die Stadt zusammengehören: „Ich war nicht aus Gründen nach Berlin gegangen, sondern aus einem Gefühl.“
Das ist es nämlich, was diesen Erzählband – auch im negativen Sinne – auszeichnet: Ein Zuwenig an Reflektion, ein Zuviel an wabernden Assoziationen. Die Realität seiner Melancholie verpufft, verdampft, nein: verduftet deshalb zwischen bedeutungsschweren Belanglosigkeiten. Und ist bereits jetzt spurlos verweht.

Könnte sein, dass Sonntag ist
Aus: Berliner Zeitung, 6.4.2006

„Pauls Fall“ ist ein gar langsames Buch und darin ganz gleich seiner Hauptfigur. Paul also: ein alter Mann mit ersten Anzeichen von Vergesslichkeit, seniler Sturheit und anderen Idiosynkrasien, vor allem, wenn es um Fliegen und Flugzeuge geht. Schwer kommt er hoch von Stuhl und Couch, die Kraft verlässt ihn hin und wieder. So verheddert man sich schon mal im eigenen Mantel: „Im Ausziehen … blieb er stecken, er hatte versucht, ohne die Hilfe der linken Hand, mit der er den Beutel trug, den Arm aus dem rechten zu ziehen, er hatte sich darin verfangen.“
Der Schriftsteller Arne Roß erzählt auf 192 Seiten einen Tag und im letzten Satz einen Morgen aus dem vergehenden Leben Pauls. Paul stromert durch die Gegend, weil der Supermarkt geschlossen hat. Vielleicht öffnet er auch gar nicht mehr, könnte sein, dass Sonntag ist, Paul weiß das im Moment nicht so genau. Überhaupt kommt vieles anders als es sollte. Das mit dem Kuchen etwa, den ihm seine Frau, die nur als anonyme Variable „G.“ vorkommt, für Professor Schneider mitgegeben hat. Paul verzehrt ihn im Wald, auf einem weggeworfenen Kühlschrank sitzend. „Jetzt aß er, er aß langsam. Mit spitzen Fingern sammelte er die Krümel zusammen und legte sie sich auf die Zunge.“
Desweiteren geschieht: ein zielloser Plausch mit dem Nachbarn Dr. Frost, ein Laternenumzug vor dem Haus einer Freundin, ein versehentlich eingestecktes Feuerzeug, eine warme Badewanne am Abend. Auf seinem Spaziergang grüßt Paul oft: die Frau in dem Auto, den Busfahrer, den Soldaten im Gebüsch. Selten antwortet ihm einer.
Doch „Pauls Fall“ ist kein Rührstück über einen einsamen Senior. Denn Roß hat tatsächlich eine regelrechte Fallstudie verfasst. Er ist der teilnehmende Beobachter, notiert in jedem einzelnen Moment gewissen- und ernsthaft, was Paul sagt, wahrnimmt und tut. Jede Drehung des Kopfes, jede Ameise und jedes Blatt, das Paul erblickt, vielmehr: bedächtig heranzoomt. Was sieht der alles, was dem Leser in der eigenen Wirklichkeit entgeht: Wimpern und Wolkenfetzen, einzelne Sonnenstrahlen und Speichelfäden.
Von schweifenden Gedanken oder gar Emotionen dagegen kaum eine Spur. „Pauls Fall“ ist ein grandioser Einspruch gegen jegliche Bewusstseins-Versessenheit, ein nachhaltig beeindruckendes Plädoyer für eine erneute Entdeckung nicht nur der Langsamkeit in der Literatur, sondern auch der Poesie der äußeren Erscheinungen. Denn Roß porträtiert eben keine Welt im Ich. Sondern einen Menschen in seiner Welt. Ein wahrhaft seinen Bedingungen unterworfenes Subjekt. Deshalb ist die Natur so prominent in dieser dichten Beschreibung: Das Altern ist der wohl sichtbarste Beweis ihrer Unabwendbarkeit. Und obwohl man im Alter mehr Zeit zu haben scheint, drängt sie dennoch, weil einem immer weniger von ihr bleibt. So treibt gerade die obsessive Genauigkeit den Roman unaufhörlich vorwärts, die Leere spannt sich zum Zerreißen, die Ruhe wird verdächtig – schließlich muss ihr irgendwann der sprichwörtliche Sturm folgen.
Eine solch anhaltend erwartungsgeladene Stille umgab auch den Autor selbst: 1999 erschien sein Erstling über eine ebenfalls schon in die Jahre gekommene Dame namens „Frau Arlette“, dann lange nichts. „They also serve who only stand and wait“, lautet der Vers John Miltons, den Roß „Pauls Fall“ als Motto vorangestellt hat – als wollte er sich verteidigen, dass er sieben Jahre für die Geschichte eines anders Aufmerksamen brauchte. Dass sich das Warten lohnen wird, ahnte man natürlich längst – das Paradies wird kaum verloren gehen, wenn einer so erzählen kann. Und eine wunderbare Überraschung ist es doch, diesen außergewöhnlichen Ton endlich wieder zu vernehmen. Die Zeit meint es offensichtlich ganz besonders gut mit Arne Roß.

Was bleibt von den Schauplätzen der Geschichte?
Aus: Nürnberger Nachrichten, 4.4.2006

Sie stockt manchmal, sucht nach dem richtigen Wort, ihr Englisch ist lückenhaft. In einen dunklen, bodenlangen Mantel gehüllt erschließt sie in abmessenden Schritten ein Stück grüne, blumenlose Wiese, sie deutet mal dahin, mal dorthin. „Hier kam man rein, und dann war gleich rechts die Toilette.“ Nichts außer diesen Skizzen in die Luft: Das Haus der Großeltern in Sarajevo ist Geschichte, über die längst Gras gewachsen ist. „Green Green Grass of Home“ heißt dieses Video von Maja Bajevic und Emanuel Licha, das wie alle anderen Arbeiten der Ausstellung „Last & Lost“ im Münchner Literaturhaus fragt: Was bleibt von den Schauplätzen der Historie?
Unter dem Titel „Last & Lost – Unterwegs durch ein verschwindendes Europa“ haben die polnische Verlegerin Katharina Sznajderman und die deutsche Lektorin Katharina Raabe ein Großprojekt in Gang gesetzt, ein Symposium fand im März in Berlin statt. Was bleibt: bis Ende April eine Ausstellung im Münchner Literaturhaus und ein Buch selben Namens: „Last & Lost – Ein Atlas des verschwindenden Europas“. Beide haben die größte Aufmerksamkeit verdient.
Titel wie „Islands“, „Peripheries“ oder „End of Europe“ prägen die Fotoserien und Videoarbeiten der 15 in München vertretenen Künstler: An Abbrüchen, Rändern, Übergängen finden sich die Orte, an denen die einstige Präsenz von Geschichte (und unser Umgang damit) augenfällig wird – im Verfall. Vesselina Nioklaeva hat die Grenzanlagen zwischen der Türkei und Bulgarien fotografiert. Vielmehr was davon noch zu sehen ist: niedergetrampelter Zaun, verrostete Schilder, ein offenes Tor. Milan Aleksic hat die Spuren mehrere Kriege festgehalten: ein zerfetztes Hochaus, ein umgeknicktes Kreuz, ein Hoffnungsloser auf einer Straßenkreuzung. Den Charme des Verrottens in Hochglanz haben auch Dik Bouwhuis, Catarina Botelho und Renate Niebler entdeckt. Niebler hat die Maxhütte fotografiert, weit blickt der Betrachter in eine scheinbar unendliche Tiefe der Hallen; Kräne, Stützen, Übergänge ragen hindurch; der Boden ein Meer aus Stahlschrott, Platten, Schienen, Rohren, Blechen, scharfen und stumpfen Kanten.
Für das begleitende Buch (in dem sich auch ein Teil der Fotografien wiederfindet) haben sich wieder 15, diesmal Autoren, aufgemacht, um die „Orte, die man der Zeit zum Fraß vorgeworfen hat“ (Andrej Stasiuk), wenigstens in Texten aufzuheben. Dabei sind wundervolle Reportagen entstanden. Von Vetle Lid Larssen etwa, der nach Vardo fuhr, einem Dorf auf einem Landzipfel ganz im Nordosten Norwegens. Auf der Suche nach dem sagenhaften Eingang der Hölle landet er in dem fast völlig verlassenen Ort. Um am Ende zu erkennen: „Auch die Hölle ist weggezogen.“
Von den Hakenschlägen der Historie erzählen auch Marius Ivaskevicius, Lavinia Greenlaw, Mircea Cartarescu und Svetlana Vasilenko, auch Texte von Christoph Ransmayr, Juri Andruchowytsch und Dagmar Leupold sind in diesem Band – man möchte sie alle nacherzählen. Weil sie nur ganz selten einem konservierenden Kitsch verfallen, sondern mit Sachverstand und schönen Worten an Orte erinnern, die viel zu schnell und gern ad acta gelegt wurden. Die man nach der Lektüre aber endlich nicht mehr aus dem Kopf bekommt: Wershbolowo, Ada-Kaleh, Kapustin Jar, TÜPL Allentsteig, Hohenlychen – alles Metaphern für vergangene Zeiten. Und als solche werden sie nie verloren gehen.

Last & Lost. Bilder eines verschwindenden Europas. Bis 30. April im Münchner Literaturhaus, Salvatorplatz 1, Mo-Fr 11-19 Uhr; Sa/So 10-18 Uhr; Tel.: 089-291934-0

Last & Lost. Ein Atlas des verschwindenden Europas. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006. 336 Seiten, 29,80 Euro.

Von Anatolien nach Deutschland
Eine türkische Frauengeschichte: Feridun Zaimoglus Herz schlägt für “Leyla”
Aus: Berliner Zeitung, 23. Februar 2006

Es herrscht das Gesetz des Vaters; der Koreakrieg sorgt für Dispute; Frauen, die auffallend gekleidet sind, werden schief angeschaut; die große Stadt ist für die Landbewohner ein Mythos, die Liebe für Teenager ein großes Rätsel – und wie man sie ausübt ein noch größeres. Klingt gar nicht so fremd für deutsche Ohren. Und doch sind wir in Anatolien in den 50er-Jahren.

Feridun Zaimoglu ist eine der wichtigsten literarischen Stimmen deutscher Gegenwart: In “Kanak Sprak” protokollierte er die Reden der Kinder türkischer Einwanderer, vermischte allerdings ununterscheidbar eigene und fremde Rede. Darauf folgte “Koppstoff – Kanaka Sprak”, die weibliche Variante des grellen Türkdeutschs. Mit seinem neuen Roman “Leyla” hat er sich jetzt auf die Suche nach der Vergangenheit begeben. Und dafür wieder den Frauen gelauscht, mit Tanten und Kusinen gesprochen. Denn Leyla ist Zaimoglus Ich-Erzählerin. “Dies ist eine Geschichte aus der alten Zeit. Es ist aber keine alte Geschichte”, beginnt der Roman.

Zaimoglus Sprache tönt noch aufregender “anders” als in seinen früheren Veröffentlichungen, die Wendung zurück hat ihm nur gut getan. Nüchtern die Melodie, die Worte bunt bis blumig hinein getupft und gekleckert, die Melancholie kleidet sich so ironisch wie verklärend. Ein Epos in Episoden, keine ausschließlich schöne Geschichte, doch auf jeder einzelnen Seite wunderschön erzählt.

Leylas Familie ist arm wie beinahe jeder in ihrem Dorf, statt eines Ehebetts gibt es eine “Ehematratze”. Nur wissen darf das keiner, nach dem Essen benutzt man Zahnstocher, “damit die Leute glaubten, es habe bei uns Fleisch zu Mittag gegeben.” Worüber ebenfalls alle in Kenntnis schweigen: Vater Halid verprügelt seine Frau und seine Kinder, weil er Angst mit Achtung verwechselt. “Nährvater” oder “Mann meiner Mutter” nennt Leyla ihn.

In der Öffentlichkeit wird Halid oft verspottet, denn mit den neuen Zeiten kommt er nicht zurecht. Die Aufschrift auf seiner Visitenkarte – “Export-Import AMERIKA” – ist nicht mehr als eine Traumschrift: Bei Geschäften wird er beständig übers Ohr gehauen. Davon erfährt der Leser nicht nur aus Leylas Perspektive: Feridun Zaimoglu hat ihr noch eine allwissende beiseite gestellt, die aus der Welt der Männer berichtet – rohe Worte für eine rohe Gesellschaft.

Eine kleine Weile genießt Leylas Familie das Glück des abwesenden Patriarchen: Halid muss ins Gefängnis, weil er wieder einmal den Versprechungen vom großen Geld aufgesessen ist. Als Djengis, der älteste Sohn, meint, er müsse alle Verstöße gegen des Vaters Regeln für den späteren Rapport festhalten, weist ihn die Mutter endlich in die Schranken: “Mein Sohn … ich liebe dich, ich gebe mein Leben für dich hin. Doch ich lege jedem Verräter das Henkerseil um den Hals, auch wenn er mein Sohn ist.”

Das fasziniert Zaimolgu unhaltbar an den Frauen: die Leidenschaft mit Gewaltpotential, der unbeugsame Familiensinn, die poetische Zärtlichkeit, das Aroma der Schönheit, die Selbstbeherrschung bis zur Selbstaufgabe. Die Passagen über das Frauenbaden im dampfend duftigen Hamam und die surrealen Traumbilder der Mutter gehören deshalb zu den leuchtendsten in diesem Buch. Und selbst den anatolischen Zicken huldigt der Autor noch aus lauter Neid auf ihre Welt.

Schließlich entdeckt er in den Rückzugsräumen des Weiblichen auch die Komik der ewigen Anständigkeiten: Wenn im Kreise junger Mädchen von “Dasdaunten” die Rede ist, wird schon mal in Ohnmacht gefallen; als Leylas Schwester Selda sie an ihren heimlichen Beobachtungen der verruchten Ipek Hanim teilhaben lässt, erschrickt Leyla fürchterlich darüber, dass Ipek Hanim sich eine Zigarette anzündet. “Habe ich dir zuviel versprochen?” fragt Selda dann stolz. Der mehrtägige Ausflug ins kurdische Heimatdorf von Leylas Freundin Manolya ist beste pubertäre Winnetou-Romantik.

Da geht Zaimoglus Travestie auf – stets ist er auf der Augenhöhe seiner Erzählerin, wohl weil er exzellent recherchierte im Familienkreis und deshalb spürbar sein ganzes Herz in diesem Buch steckt.

So lässt die Liebe nicht länger auf sich warten, erste Umbrüche im Privaten: Die Familie zieht nach Istanbul, Metin, “der Schöne”, hält um Leylas Hand an. Beim ersten Mal, da die beiden unter vier Augen, ohne Väter, Mütter, Schwestern, Tanten, Großmütter, Großtanten, miteinander sprechen, herrscht zunächst Stille, eine halbe Stunde lang, dann beginnt ein herrlich verklemmter Flirt: “Meine Dame, ich muss mich fragen, ob ich Ihnen gerecht werde … das wird wegen ihrer Schönheit unmöglich sein”. Doch Leyla lässt sich nicht so leicht um den Finger wickeln. “Mein Herr, sage ich, ich will von Ihnen elektrische Liebesgaben – damit wir uns richtig verstehen.” So sehen sie aus, die erotischen Übersprunghandlungen in Zeiten zarter Modernisierung.

Metin will weg aus der Türkei, nach Deutschland. “Die Menschen dort … greifen nicht gleich zum Messer, wenn ein Streit ausbricht. Sie riechen alle nach Seife”, schwärmt er, bevor er überhaupt dort war. Er zieht weg ins von ihm so pausenlos gelobte Land, holt dann Leyla, beider eben geborenen Sohn und Leylas Mutter nach. Der Sohn hat noch keinen Namen, erst in Deutschland soll er ihn bekommen. “Ein radikaler Neubeginn. Meine Güte, nicht dumm”, kommentiert Freundin Manolya.

Wie hätte Feridun Zaimoglu ihn auch nennen sollen? “Feridun” wäre wohl zuviel der Realität gewesen, alles andere aber verkehrt – der Autor kam selbst als kleines Kind an der Hand seiner türkischen Mutter nach Deutschland dem Vater nachgereist und blieb. So hat sich Feridun Zaimoglu mit “Leyla” nicht nur seine Vorgeschichte erschrieben. Sondern vor allem einen Namen für die Zukunft, einen, den man längst kannte, jetzt jedoch deutlich schwerer wiegt. Meine Güte, nicht dumm.

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