Haltestelle Bücherei

Herr Magris feierte letzthin seinen 70. Geburtstag, was Anlass für zahlreiche freundliche Artikel gab. Und darüber Grund für mich, sein vor Jahren beiseitegelegtes Werk “Donau – Biographie eines Flusses” wieder hervorzuziehen und ein Lesezeichen bei 400 oder so zu finden. Ganz ganz fein, und nach langem endlich wieder gefesselt!
So sauber gebaut und gedacht, eine kulturgeschichtliche Unternehmung von Donaueschingen bis ans Schwarze Meer. Eben komm ich zum Kapitel Götter und Pfannkuchen, will kurz untypisch Flottes zitieren (über Bukarest):

Der franko-balkanische Stil wird grober und ornamentaler, gibt der Verführung des Dekorativen ebenso nach wie dem horror vacui; die Balkone und die schmiedeeisernen Verzierungen der den Pariser Gebäuden nachempfundenen Fassaden betonen Kurven und verschlungene Schnörkel, der Klassizismus ist massiver, der Ekklektizismus markanter und schwerfälliger, gekünstelte Säulen und Kapitelle, heitere Kuppeln in einem mittelmässigen Art Déco. Der Jugendstil stellt viel Gold und Armut zur Schau, ergeht sich in bemalten Glasfenstern und verfallenen Freitreppen. In dem Jugendstil-Atrium der Casa de Mode drängen sich Zigeuner, während unweit davon die Marktstände in Lipscani übelriechende Süssigkeiten und Büstenhalter anbieten, die vor kurzem benutzt zu sein scheinen.

Lesen bei offenem Fenster, Frühling, grossartig.

Im Theorieregal stehen sowieso immer zu wenige Bücher, auch wenn ein Drittel ungelesen und in zweiter Reihe auf seine Zeit wartet. Will immer gern die anregenden Weltdeuter verschlingen, bis sie sich dann doch als zu schwer oder ärgerlich fürs Erreichen der letzten Seite herausstellen. Oder nicht mal richtig begonnen werden, was weiss ich warum.

Nichtsdestotrotz müssen dann wieder neue her, irgendwo hat sie jemand gut besprochen, irgendwer hat sie mir empfohlen, und bis vor einer Weile gabs noch die Geschmacksproben im Theorieseminar. Oder ich laufe beim Berlinbesuch ins pro qm und stosse auf den besten denkbaren Titel mit dem besten denkbaren Rückentext.

ueberwachung

Auf dem Rücken findet sich die charmanteste Kombination zweier Zitate zum irgendwie gleichen Zustand, aus einem Abstand von 70 Jahren Walter Benjamin und Wolfgang Bosbach.
Ganz mein Fall, von allem scheint was dabei: Bildbegriff, politische Entwicklungen der westlichen Welt und die Auflösung der klassischen Öffentlichkeit. Bürgerrechte angesichts staatlicher “Terrorismus!”-Argumentationen, das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft. Toll, toll, toll, denk ich mir, und auch noch so aktuell, grad erst ists erschienen.
Beim Lesen jedoch wächst in mir der Ärger; zwar freu ich mich über eine Fülle an Daten und Fakten, aber Stil und Argumentation enttäuschen auf ganzer Linie. Schon nach der Einleitung mit einem schwachen Bild startet das erste Kapitel mit einer Sentenz für die Ewigkeit: “Videoüberwachung blickt zwar von oben herab, fällt aber nicht vom Himmel.” Oh weh.
Schwammig drechselt Dietmar Kammerer sich dann weiter, wechselt Begriffe mitten in der Argumentation aus und zieht ab und an einen hanebüchen Schluss. Am schönsten, wenn er von der Tatsache, dass ein Überwacher vor zu vielen Monitoren den Überblick verliert, auf das “irritierende Paradoxon” schliesst, “weniger Kameras bedeut[et]en bessere Prävention”. Dass hier nur schon eine Aufstockung des Personals eine grössere Überwachungsleistung ermöglichte, passt ihm nicht in sein gelegentlich zu pointenfreudiges Vorgehen.

Schade schade, aber fertiglesen werd ich trotzdem, Theorie lässt sich einfach besser stückeln als ein Roman. Rein für die bedeutsame Thematik, die oftmals überraschenden Untersuchungsergebnisse und Zitate, die tausend Quellen möcht ich das Buch schon empfehlen, allein die Form macht es mir a bissl schwer.

2006 erschien das Filmbuch Minutentexte. The Night of the Hunter, herausgegeben von Michael Baute und Volker Pantenburg. Die beiden betreiben unter anderem das Blog new filmkritik. Für besagtes Buch wurde der Film The Night of the Hunter von Charles Laughton in seine 93 Minuten unter- und auf 93 Autoren aufgeteilt, die jeweils ihre Minute kommentieren, beschreiben, analysieren …

Aufgrund des ARD Online Awards, der im Rahmen der ARD Hörspieltage verliehen wird, gibt es dieses wunderbare Werk momentan als Hörspiel zum Downloaden, was der Filminteressierte auf jeden Fall und schleunigst machen sollte. Nach der Preisverleihung am 8.11. (man darf und soll mitstimmen) wird es irgendwann wieder aus dem Netz verschwinden.

Vor etwa 25 Jahren, 1983, ist das erste der Fantasy-Abenteuer-Spiel-Bücher von Steve Jackson und Ian Livingstone auf Deutsch erschienen. Es hieß “Der Hexenmeister vom Flammenden Berg” und faszinierte mich damals unendlich. Ich hätte kaum mehr daran gedacht, hätte ich gestern Kneipenabend nicht ausführlich mit dem Hansbap und dem Ruppert über das Spielen heute und gestern diskutiert. Nach Tabletop, Pen-and-Paper-Roleplaying und frühen Computerspielen wie Paradroid oder Barbarian kamen wir irgendwann auf diese Fighting-Fantasy-Bücher (so die englische Bezeichnung), die wir alle drei bis zum Erbrechen gelesen bzw. gepielt haben.

Für die Unwissenden: Diese Bücher waren eine Form interaktiver Fiktion, bestehend aus meist genau 400 durchnummerierten Textabschnitten. Vor Beginn musste man sich einen typischen Rollenspiel-Helden mit verschiedenen Werten auswürfeln und bei Abschnitt 1 zu lesen anfangen. Am Ende des Abschnitts wurde man vor eine Entscheidung gestellt in der Art: Wenn du die bösen Gnome verfolgen willst, lies weiter bei XXX. Wenn du dich lieber unbemerkt aus dem Staub machen willst, dann gehe zu XXX. Wenn alles gut ging, landete man irgendwann beim Abschnitt 400 und hatte das Abenteuer bestanden. Oft genug ist man jedoch gestorben und musste zurück blättern, um nicht wieder ganz von vorne anfangen zu müssen, was lästig war, weil die Nummerierung natürlich nur in eine Richtung funktionierte.

Man hatte es mit einer einfachen Variante eines Hypertextes zu tun, ohne zu wissen, was Hypertext überhaupt ist und lange bevor der Begriff durch das Internet allgemeine Verbreitung erfuhr. Ich bilde mir ein, dass es eine ähnliche Variante der Fiktion, quasi ein Lesen nach Zahlen, bereits im 19. Jahrhundert in England gab in Form von schwülstigen Liebes- und Gesellschaftsromanen, finde aber trotz längerer Suche keine Quelle dafür. (Für Hinweise wäre ich dankbar.) Sicher ist jedoch, dass der französische Dichter und Schriftsteller Raymond Queneau einige Spielereien mit Hypertext-Literatur unternommen hat, etwa in seinem Cent mille milliards de poèmes (1961). Ausprobieren!

Ein paar Jahre später hat Queneau seinen kleinen Text Un conte à votre façon (Online-Version) vorgestellt, eine winzige, surrealistische Geschichte über drei Erbsen. Der Inhalt der Geschichte ist in kleine Häppchen auf Zellen aufgeteilt, die ihrerseits jeweils wieder ein oder zwei Nachfolgerzellen haben. Der Leser kann sich von Zelle zu Zelle entscheiden, wie er weiterliest. Man kann diese Geschichte als gerichteten Graphen aufzeichnen, durch den sich der Leser seinen Weg bahnt, wie es Alfred Schreiber, Mathematik-Professor an der Uni Flensburg, in seinem Text Queneau, Mathematik und “Potentielle Literatur” zeigt. Der Autor schreibt darin auch, dass dieses Experiment eine Art Mini-Vorläufer sei für oben erwähnte Abenteuer-Bücher: “Allerdings paaren sich in diesem Genre, nicht selten ästhetisch fragwürdig, beachtliche technische Perfektion und kombinatorische Komplexität mit aufdringlichen, ja abgeschmackten Inhalten (meist aus der “fantasy”- oder “adventure”-Sphäre)”, meint Schreiber dazu …

… was uns damals natürlich egal war. Wir haben Graphen mit hunderten Ecken und Kanten aufgezeichnet, durch “Das Labyrinth des Todes”, “Die Stadt der Diebe” oder durch den “Sumpf der Skorpione”. Für die Lösung der Geschichten war dieser Aufwand zwar nicht notwendig, aber es hat halt eine Menge Spaß gemacht. Man kam sich unglaublich professionell vor in seiner Abenteurer-Akribie. Was ein Graph ist, wusste damals auch noch niemand. Das waren halt Landkarten.

Der Hauptbahnhof am Donnerstagabend quoll über vor Menschen. Niemand kam mehr vom Fleck, geduldig warteten einige in Nischen, bis der Strom abebbte und man auf den Bahnsteig gehen konnte. Kein Zug weit und breit, die Dame der Durchsage widersprach sich, Panik auf den Gesichtern der Menschen: Würden sie jemals in ihre geschlossenen Räume zurückkehren dürfen?

Wenn sich die Buchmesse durch Frankfurt ihren Weg bahnt, wird der Main zu einem Rinnsaal. Der Buchmensch als individueller ist verloren. Nur noch sehr vereinzelt ragt er aus der Masse, wie der von mir sehr geschätzte Stephan Schlak. Er trug einen großkarierten Flanellanzug, während er debattierend durch die Halle stürmte.

Heinz Strunk ließ sich verheizen oder heizte selber ein, schwer zu sagen, kein blaues Sofa, auf dem er nicht saß. Er gab Müller-Wirth contra, zurecht – einen Autor mit dem falschen Namen anzureden, ist schon ein Fauxpas sondergleichen. Ausgerechnet Harald. Auf Müller-Wirths Stichelei, „Zugfahrten nehmen eine herausragende Stellung in ihrem Roman ein“ antwortete er, man müsse ja auch an das Bahnmagazin „Mobil“ denken. Ehrlichkeit sticht immer.
Ansonsten ist die Redundanz Heinz Strunks bestechend. Noch einmal „An der Nordseeküste“, so könnte man die rhetorische Strategie auf dem Punkt bringen, mit der er so populär wurde, wie er jetzt unzweifelhaft ist. 12 Jahre Tiffanys gehen halt doch nicht einfach so an einem vorüber, da übernimmt man einiges und sei es nur das Herumreiten auf dem einen Hit.

Kracht habe ich dagegen gar nicht gesehen. Als sei er verloren gegangen in dem von ihm selbst erschaffenen Réduit, dem rhizomartigen Tunnelgeflecht der SSR, der Schweizer Sowjet Republik, kurz vor dem „Piz Lenin“. Nun ja, die von ihm beschworene Eleganz des Wesens spricht dagegen, sich auf der Messe gemein zu machen. Aber klauen: Von Johnny Cash, Ernst Jünger und Karl may, James Bond und Jules Verne, Joseph Conrad, Krieg der Sterne und Matrix.

Auch ich habe eine Vision: Der Frankfurter Hauptbahnhof wird überrollt, von einem 100 Meter hohen ICE-Tsunami. Die aufgestauten Züge türmen sich auf und bereiten dem Verlagswesen ein Ende.

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