Haltestelle Bücherei

Vor etwa 25 Jahren, 1983, ist das erste der Fantasy-Abenteuer-Spiel-Bücher von Steve Jackson und Ian Livingstone auf Deutsch erschienen. Es hieß “Der Hexenmeister vom Flammenden Berg” und faszinierte mich damals unendlich. Ich hätte kaum mehr daran gedacht, hätte ich gestern Kneipenabend nicht ausführlich mit dem Hansbap und dem Ruppert über das Spielen heute und gestern diskutiert. Nach Tabletop, Pen-and-Paper-Roleplaying und frühen Computerspielen wie Paradroid oder Barbarian kamen wir irgendwann auf diese Fighting-Fantasy-Bücher (so die englische Bezeichnung), die wir alle drei bis zum Erbrechen gelesen bzw. gepielt haben.

Für die Unwissenden: Diese Bücher waren eine Form interaktiver Fiktion, bestehend aus meist genau 400 durchnummerierten Textabschnitten. Vor Beginn musste man sich einen typischen Rollenspiel-Helden mit verschiedenen Werten auswürfeln und bei Abschnitt 1 zu lesen anfangen. Am Ende des Abschnitts wurde man vor eine Entscheidung gestellt in der Art: Wenn du die bösen Gnome verfolgen willst, lies weiter bei XXX. Wenn du dich lieber unbemerkt aus dem Staub machen willst, dann gehe zu XXX. Wenn alles gut ging, landete man irgendwann beim Abschnitt 400 und hatte das Abenteuer bestanden. Oft genug ist man jedoch gestorben und musste zurück blättern, um nicht wieder ganz von vorne anfangen zu müssen, was lästig war, weil die Nummerierung natürlich nur in eine Richtung funktionierte.

Man hatte es mit einer einfachen Variante eines Hypertextes zu tun, ohne zu wissen, was Hypertext überhaupt ist und lange bevor der Begriff durch das Internet allgemeine Verbreitung erfuhr. Ich bilde mir ein, dass es eine ähnliche Variante der Fiktion, quasi ein Lesen nach Zahlen, bereits im 19. Jahrhundert in England gab in Form von schwülstigen Liebes- und Gesellschaftsromanen, finde aber trotz längerer Suche keine Quelle dafür. (Für Hinweise wäre ich dankbar.) Sicher ist jedoch, dass der französische Dichter und Schriftsteller Raymond Queneau einige Spielereien mit Hypertext-Literatur unternommen hat, etwa in seinem Cent mille milliards de poèmes (1961). Ausprobieren!

Ein paar Jahre später hat Queneau seinen kleinen Text Un conte à votre façon (Online-Version) vorgestellt, eine winzige, surrealistische Geschichte über drei Erbsen. Der Inhalt der Geschichte ist in kleine Häppchen auf Zellen aufgeteilt, die ihrerseits jeweils wieder ein oder zwei Nachfolgerzellen haben. Der Leser kann sich von Zelle zu Zelle entscheiden, wie er weiterliest. Man kann diese Geschichte als gerichteten Graphen aufzeichnen, durch den sich der Leser seinen Weg bahnt, wie es Alfred Schreiber, Mathematik-Professor an der Uni Flensburg, in seinem Text Queneau, Mathematik und “Potentielle Literatur” zeigt. Der Autor schreibt darin auch, dass dieses Experiment eine Art Mini-Vorläufer sei für oben erwähnte Abenteuer-Bücher: “Allerdings paaren sich in diesem Genre, nicht selten ästhetisch fragwürdig, beachtliche technische Perfektion und kombinatorische Komplexität mit aufdringlichen, ja abgeschmackten Inhalten (meist aus der “fantasy”- oder “adventure”-Sphäre)”, meint Schreiber dazu …

… was uns damals natürlich egal war. Wir haben Graphen mit hunderten Ecken und Kanten aufgezeichnet, durch “Das Labyrinth des Todes”, “Die Stadt der Diebe” oder durch den “Sumpf der Skorpione”. Für die Lösung der Geschichten war dieser Aufwand zwar nicht notwendig, aber es hat halt eine Menge Spaß gemacht. Man kam sich unglaublich professionell vor in seiner Abenteurer-Akribie. Was ein Graph ist, wusste damals auch noch niemand. Das waren halt Landkarten.

Der Hauptbahnhof am Donnerstagabend quoll über vor Menschen. Niemand kam mehr vom Fleck, geduldig warteten einige in Nischen, bis der Strom abebbte und man auf den Bahnsteig gehen konnte. Kein Zug weit und breit, die Dame der Durchsage widersprach sich, Panik auf den Gesichtern der Menschen: Würden sie jemals in ihre geschlossenen Räume zurückkehren dürfen?

Wenn sich die Buchmesse durch Frankfurt ihren Weg bahnt, wird der Main zu einem Rinnsaal. Der Buchmensch als individueller ist verloren. Nur noch sehr vereinzelt ragt er aus der Masse, wie der von mir sehr geschätzte Stephan Schlak. Er trug einen großkarierten Flanellanzug, während er debattierend durch die Halle stürmte.

Heinz Strunk ließ sich verheizen oder heizte selber ein, schwer zu sagen, kein blaues Sofa, auf dem er nicht saß. Er gab Müller-Wirth contra, zurecht – einen Autor mit dem falschen Namen anzureden, ist schon ein Fauxpas sondergleichen. Ausgerechnet Harald. Auf Müller-Wirths Stichelei, „Zugfahrten nehmen eine herausragende Stellung in ihrem Roman ein“ antwortete er, man müsse ja auch an das Bahnmagazin „Mobil“ denken. Ehrlichkeit sticht immer.
Ansonsten ist die Redundanz Heinz Strunks bestechend. Noch einmal „An der Nordseeküste“, so könnte man die rhetorische Strategie auf dem Punkt bringen, mit der er so populär wurde, wie er jetzt unzweifelhaft ist. 12 Jahre Tiffanys gehen halt doch nicht einfach so an einem vorüber, da übernimmt man einiges und sei es nur das Herumreiten auf dem einen Hit.

Kracht habe ich dagegen gar nicht gesehen. Als sei er verloren gegangen in dem von ihm selbst erschaffenen Réduit, dem rhizomartigen Tunnelgeflecht der SSR, der Schweizer Sowjet Republik, kurz vor dem „Piz Lenin“. Nun ja, die von ihm beschworene Eleganz des Wesens spricht dagegen, sich auf der Messe gemein zu machen. Aber klauen: Von Johnny Cash, Ernst Jünger und Karl may, James Bond und Jules Verne, Joseph Conrad, Krieg der Sterne und Matrix.

Auch ich habe eine Vision: Der Frankfurter Hauptbahnhof wird überrollt, von einem 100 Meter hohen ICE-Tsunami. Die aufgestauten Züge türmen sich auf und bereiten dem Verlagswesen ein Ende.

Tatsächlich sehr lesenswert, wenn auch zutiefst deprimierend, ist das Buch “Sichere Siege” über Fußball, Spielmanipulation und organisiertes Verbrechen des Briten Declan Hill, das in den letzten Wochen ja zu einigem Medienrummel einschließlich obligatorischem Beckmann-Interview geführt hat. Zwar kann Hill nicht beweisen, dass einige Spiele der WM 2006 tatsächlich manipuliert wurden, doch zumindest für die Viertelfinalpartie zwischen Ghana und Brasilien, auf die Hill besonders wert legt, sind die Indizien wirklich so erdrückend, wie man es üblicherweise nur Beweisen nachsagt.

Wirklich erschreckend ist jedoch, dass einem beim Lesen Stück für Stück auffällt, wie sehr man sich mittlerweile an systematischen Betrug im Fußball gewöhnt hat und wie ungern man alle hinreichend bekannten Fälle in der eigenen Bewertung des Sports zusammendenkt: Korruption im britischen Fußball in den 50ern und 60ern, der Bundesliga-Skandal Anfang der 70er, die zweifelhafte WM 1978 in Argentinien, jenes widerliche Spiel bei der WM 1982 zwischen Deutschland und Österreich, das als “Schande von Gijon” in die Geschichte einging, die Bestechungsskandale um Olympique Marseille Ende der 80er Anfang der 90er, die Morde im russischen Fußball in den 90ern, all die Schiebungen in der belgischen, türkischen, portugiesischen Liga, der Zusammenbruch ganzer Ligen in Asien, weil bis zu 80 Prozent aller Spiele verschoben waren, der Zwangsabstieg von Juventus Turin in Italien, die angeblichen Doping-Beweise im Fuentes-Fall, die vermutlich nur zurückgehalten werden, weil Profis von Real Madrid involviert sind, all die Schiedsrichter-Skandale bis hin zu Robert Hoyzer, der dann wie seine kroatischen Freunde ins Gefängnis kam, während so gut wie alle anderen Ermittlungen gegen mindestens 25 Personen im Sande verliefen. Wenn man viele dieser Fälle noch einmal vor Augen geführt bekommt, kann man sich schon kaum noch vorstellen, dass es irgendeinen Wettbewerb gibt, an dem nichts faul ist.

So spannend Hills Geschichten über den Wettmarkt in Asien auch zu lesen sind, seine gefährlichen Treffen in schäbigen Restaurants mit Gangstern, am meisten hat mich dann doch die Tatsache beeindruckt, dass ich einen Großteil der beschriebenen Ereignisse bereits kannte und dennoch nie, nie, nie darüber nachdenken wollte, dass es sich vielleicht gar nicht lohnen könnte, in dem ganzen verkommenen Fußballzirkus nach so etwas Esoterischem wie der “Wahrheit des Spiels” zu suchen.

Ich fürchte, ich werde auch in Zukunft möglichst selten darüber nachdenken.

Wie Nadja letztens ganz zurecht fragte: was ist aus unserem Pynchon-Sommer geworden?
Schon lange müht sich meine Konzentrationsfähigkeit angesichts dicker Bücher, irgendwie schaffen es nur noch Katalogtexte und Zeitungen vor meine Augen und in mein Hirn. Und dann lese ich auch noch von Behauptungen, unsere ganze Kultur sei von diesem Phänomen und dem Internet bedroht.
Nein, es muss am Alter liegen; früher™ verbrachte ich noch ganze Tage lesend im Bett, heute habe ich während der Lektüre ununterdrückbare Hintergedanken zu Karriere, Dasein und dem nächsten Termin im Kopf. Und immer auch die Literaturkritik und den Überblick (der war mir damals ziemlich schnurz) mitlaufen.
Ein die Realität ausblendendes Lesen findet nicht mehr statt.
So habe ich nun zwar genüssliche Stunden auf einer sonnigen Terrasse des Urlaubs meiner Wahl verbracht, den Pynchon auf den Knien und voller Aufmerksamkeit die Schicksale darin verfolgend – aber wirklich weit gekommen bin ich nicht. Als hätte ich mich bereits damit abgefunden, die 1596 Seiten niemals zu schaffen; und so bleibt die Lektüre eine unvollständige.
Es ist aber schon eine Freude, nur flüchtig und unverbindlich in dieses scheinbare Karl-May-Kolorit einzutauchen, um sich erheitert und angeregt dann wieder anderem zuzuwenden. Wie ein an Bezügen reiches Gespräch oder ein Hineinschalten in ein Radio-Feature wie die Lange Nacht, das mir nicht als einzelnes Werk, sondern eher als der rechte Hintergrund für politische Gedanken und kleine Hirnfreuden erscheint.
Herr Pynchon bekommt also meine Bewunderung, aber nicht mehr die Hingabe aus den Lesezeiten der Enden der Parabel.

Ich zahlte, stand auf und ging. Am Imbiss an der Ecke, wo die enge, ruhige Gasse auf die Istiklal Caddesi trifft, kaufte ich mir eine Flasche Mineralwasser und trank sie im Stehen aus. Ich hatte noch ein wenig Zeit und lief bis zum Galatasaray-Gymnasium.

Dafür, dass es mitten in der Woche war, war jede Menge los in der Fußgängerzone. Mit gleichmäßigen Schritten – zwischen eiligen, trödelnden, herumstehenden und unvermittelt lospreschenden Leuten hindurch – bahnte ich mir einen Weg. Machte einem gewichtig patroullierenden Polizisten Platz, ließ den Wagen der Stadtverwaltung durch. Das Geplärre aus den Boxen am Stand des Buchhändlers wurde zwanzig Schritte weiter von der Beschallung aus dem Kassettenrecorder des nächsten fliegenden Händlers übertönt. Bewusst steckte ich mir keine Zigarette an.

(aus: Celil Oker, Letzter Akt am Bosporus)

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